Das zweite HASTAM-Festival stand auch im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des andauernden Krieges und der Verfolgungen im Iran und in Afghanistan

Drei Tage lang fand im Bürgerhaus Wilhelmsburg am ersten Septemberwochenende 2026 zum zweiten Mal das HASTAM-Festival statt. Kuratiert wurde das Fest wieder von der iranischen Cellistin und Komponistin Atena Eshtiaghi. Mit HASTAM, so das Motto, wird die „Schönheit des künstlerischen Widerstands“ gefeiert. Das zweite Festival wurde um revolutionäre Kunst aus Afghanistan erweitert. Die Zusammenarbeit iranischer und afghanischer Künstler*innen trug auch dazu bei, bestehende Barrieren zwischen den Menschen beider Länder abzubauen. Atena Esthiagi sagte in einem Interview: „… Es gibt eine Mauer zwischen ihnen, die wir einreißen wollen. Es gibt nur zwei Länder, in denen Frauen öffentlich nicht singen dürfen: Iran und Afghanistan … Wir kennen viele iranische und afghanische Künstler*innen, die zusammenarbeiten. Diese Verbundenheit macht uns stärker.“
Der erstmals verliehene „HASTAM Festival Award“ für neue Kompositionen unter dem Motto „Beyond all Borders“ (WIR 20.5.26) gab dieser Verbundenheit „Jenseits aller Grenzen“ Ausdruck.
Wenn ich singe, ist das politisch
Auf dem Programm des Festes standen Filme, Perfomances, Workshops und Diskussionsrunden, Ausstellungen und Konzerte iranischer und afghanischer Exilkünstler*innen. Allein schon die Klänge, die grenzübergreifende Verbindung iranischer und afghanischer Musiktraditionen mit westlichem Jazz, Rock und Elektronikelementen sind den Sittenwächtern in Teheran und Kabul ein Gräuel. – Musik, die nach Freiheit schmeckt, ist allein schon widerständig. Atena Eshtiaghi sagte: „Ich glaube, es gibt keine Unterscheidung zwischen Kunst und Politik. In Iran ist es Frauen verboten, in der Öffentlichkeit zu singen. Wenn ich singe, ist das politisch. Auch Tanzen ist verboten und damit ein Akt des Widerstands.“

Künstler*innen, die sich ausdrücklich politisch einmischen und Teile der Protestbewegung sind, werden im Besonderen verfolgt. Dem Protestsong „Baraye – dafür“ von Shervin Hajipour war auf dem Fest eine Fotoausstellung gewidmet. Der Song war eine Hymne der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung im IRAN 2022. Der Singer-Songwriter wurde festgenommen. Er musste das Lied auf seinem Instagram-Kanal löschen – zu spät für die weltweite Verbreitung.
Gedenken an die Opfer
Das erste HASTAM-Festival 2024 fand am zweiten Jahrestag des Mordes an Jina Mahsa Amini und der gewaltsamen Niederschlagung der darauffolgenden Proteste der Bewegung „Frau-Leben-Freiheit“ im Iran statt.
Das Festival vor zwei Wochen stand im Zeichen der Opfer des andauernden Krieges und der gewaltsamen Niederschlagung der Massenproteste vor einem halben Jahr, bei der Tausende von den iranischen „Sicherheitskräften“ getötet wurden. Im Zuge des aktuellen Krieges hat die iranische Regierung Millionen afghanischer Geflüchteter in ungewisse Zukunft zurück nach Afghanistan abgeschoben.
Vor diesem Hintergrund eröffneten Atena Eshtiaghi und Evgeniya Kleyn das Festival mit einem Duo für Kontrabass und Klavier im Gedenken an die Opfer der Massaker im Iran.
Und gemeinsam mit der Sängerin Golnar Shahyar spielte Atena Eshtiaghi das Lied „Zad Ze Birahmi“, das sie solidarisch den Freiheitskämpfer*innen in Afghanistan widmeten.
Demokratie ist auch für uns nicht mehr selbstverständlich

Bürgerhausvorständin Katja Scheer sprach in ihrer Begrüßung von der Bedeutung des Festivals für das Bürgerhaus.: „… Als Bürgerhaus ist es unsere Aufgabe, ein demokratisches Zusammenleben zu fördern und zu feiern.
Das tun wir heute besonders, indem wir unsere Bühnen öffnen für Menschen, die mit ihrer Kunst für Demokratie und Freiheit kämpfen, die sich aber in ihren Herkunftsländern nicht frei äußern können, ohne ihr Leben und das ihrer Liebsten zu gefährden. Wir bieten ihnen einen Resonanzraum, weil wir es wichtig finden, dass ihre Stimmen gehört werden – auch hier und gerade jetzt. Gerade an diesem Wochenende, wo am kommenden Sonntag in einem unserer Bundesländer eine vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem eingestufte“ Partei die absolute Mehrheit zu erhalten droht.
Demokratie ist also auch für uns keine Selbstverständlichkeit mehr. Wie sie erodiert, wie sie ausgehöhlt wird, erleben wir in Deutschland tagtäglich. Kulturinstitutionen und NGOs sehen sich genötigt, ihr Engagement für ein freiheitliches Zusammenleben vor reaktionären Entscheidungsträger*innen zu rechtfertigen. Manchen wird das Geld gestrichen, weil ihr Engagement gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Zeichen einer unerwünschten, gar gefährlichen Gesinnung diskreditiert wird.
Zum Glück ist es in diesem Haus anders: Weil die Stadt Hamburg und unsere Partner*innen zu uns stehen. Und ich bin dankbar, sie an unserer Seite zu wissen. Aber eine Arbeit, wie wir sie im Bürgerhaus Wilhelmsburg machen, ist in einigen Gebieten Deutschlands bereits unmöglich geworden.
Gerade deshalb müssen wir hinsehen, zuhören – und den Anfängen wehren. Demokratie passiert nicht von alleine.“

