Rebecca Assif ist seit anderthalb Jahren Pastorin in der Emmauskirche. Sie passt zu Wilhelmsburg

Der WIR war zu Besuch bei Pastorin Rebecca Assif im Gemeindehaus der Emmauskirche. Der Besuch stand schon lange auf dem Zettel, auch um die Fertigstellung des „Gegendenkmals“ beim vermaledeiten Kriegerdenkmal zu besprechen, für die sie sozusagen die zuständige Pastorin ist. (WIR 19.11.25).
Auch die große Mehrheit der Nichtkirchgänger*innen im Reiherstiegviertel könnten Pastorin Assif inzwischen kennen. Sie fällt auf, wenn sie im Talar, ihrer „Dienstkleidung“, durchs Viertel geht, Flyer verteilt und mit den Passant*innen spricht. Die meisten Leute freuen sich und sind überrascht: „Sind Sie wirklich eine echte Pastorin?“ Sie möchte so zeigen, dass eine Pastorin nahbar ist und die Kirche auch ein Ort für Menschen sein kann, denen Glaube und Gotteshäuser fernliegen.
Seelsorgerische Arbeit mit wohnungslosen Menschen
Ein besonderes Anliegen ist ihr die seelsorgerische Arbeit mit wohnungslosen Menschen in Wilhelmsburg. Auch auf Wilhelmsburg leben Menschen ohne Wohnung unter schwierigen Bedingungen, werden oft gar nicht wahrgenommen. Straßensozialarbeiter Richard Luther arbeitet mit 60 wohnungslosen Menschen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind nach Angaben der Sozialbehörde 27 Menschen in Hamburg auf der Straße, im Park oder in Hauseingängen gestorben. Einer von ihnen, Fiete, starb am 21. Januar auf Wilhelmsburg (WIR, 4.2. 26)
Es passte gut zusammen, dass Rebecca Assif in der Reiherstieggemeinde schon auf einige „Vorarbeit“ traf. Seit April 2023 steht ein Duschcontainer für Menschen ohne Wohnung neben der Emmauskirche. Hier gibt es die Möglichkeit zu duschen und frische Kleidung zu bekommen und es gibt die wöchentliche Herzhaft Suppenküche im Gemeindehaus: Alle sind eingeladen zu einem warmen Essen in gemütlicher Atmosphäre.
Pastorin zu werden hat sie eigentlich nicht vorgehabt

Das Engagement von Rebecca Assif hängt auch mit ihrer, für Pastoren nicht eben gewöhnlichen, Biographie zusammen. Sie verlor früh Mutter und Großeltern und wuchs in Pflegefamilien, Kinderheimen und Jugendwohngruppen auf. Schwierige Lebenssituationen sind ihr nicht fremd.
Pastorin zu werden, hatte Rebecca Assif eigentlich nicht vorgehabt. Sie ist zwar getauft und wurde als kleines Kind in ihrer Familie religiös erzogen. Aber erst in einem „Schnuppersemester“ Theologie an der Universität sei ihr bewusst geworden, dass Seelsorgerin ihr Traumberuf sei. Hier könne sie ihren Glauben und ihre Liebe zu den Menschen verbinden, sagt sie. Seelsorge sei die Aufgabe aller Pastor*innen. Sie erlebe aber, dass Menschen, die unter schwierigen Verhältnissen leben und ihre Biographie kennten, eine niedrige Hemmschwelle haben, zu ihr zu kommen und mit ihr über ihre Sorgen und Probleme zu sprechen. Im letzten Jahr hat Rebecca Assif gemeinsam mit Straßensozialarbeiter Richard Luther die „ Street-Worker-Kanzel“ veranstaltet, einen besonderen Gottesdienst zum Thema Obdachlosigkeit, zu dem neben den „üblichen“ Kirchenbesucher*innen auch Wohnungslose kamen.
Kirche als Begegnungsort, an dem sich alle Menschen gehört fühlen
Rebecca Assif möchte ihre Kirche zu einem Begegnungsort machen, an dem sich die Menschen gehört und gesehen fühlen, auch wenn sie nicht gläubig sind oder einen anderen Glauben haben. So veranstaltet sie neben „konventionellen“ Gottesdiensten unter dem Motto „Gottesdienst anders“ gemeinsam mit dem Gemeindepädagogen Lars Meyer „Emmaus am Abend“ mit modernen geistlichen Liedern und der Gelegenheit bei Snacks und Getränken miteinander zu reden. Außerdem die monatliche Reihe „Emmaus in Serie – Predigt und Popcorn“, über die sogar im Fernsehen berichtet wurde. Anhand von Ausschnitten aus beliebten Fernsehserien wird darüber gesprochen, was die dort behandelten Probleme mit uns, unseren Sorgen und Hoffnungen und mit unserem Glauben zu tun haben. Es geht zum Beispiel um die Beziehungsgeschichten zwischen ganz unterschiedlichen Menschen, wie in der Serie „Big Bang Theory“.
Zu einem „Predigt und Popcorn“-Termin im letzten Jahr über die amerikanische Krankenhausserie „Scrubs“ hatte sie den Imam Mustafa Cetinkaya der Wilhelmsburger Ayasofya-Gemeinde eingeladen. In der anschließenden Gesprächsrunde ging es um die Frage: Bringen chaotische, problematische Lebenssituationen die Menschen dem Glauben an Gott näher? Und was sind das Gemeinsame und die Unterschiede zwischen Christentum und Islam. Rebecca Assif ist überzeugt: Glaube kann auch verbinden, es gibt Verbindendes im Glauben.
Kontakt: rebecca.assif@kirche-wilhelmsburg.de

