Zwischen Zukunftswerkstatt und Nachkriegsbüfett

Am 8. Mai 2026 ging es an der Stadtteilschule Wilhelmsburg am Perlstieg nicht nur um Vergangenheit, sondern vor allem um die Frage, wie Zukunft aussehen kann. Beim Zukunftsbrunch trafen Erinnerungen an Widerstandskämpfer*innen auf Wünsche und Ideen von Schüler*innen an die Gegenwart und Schule von morgen.

Der 8. Mai ist ein historisches Datum. Die Befreiung Deutschlands durch die Allierten 1945. Deshalb fand genau an diesem Tag an der Stadtteilschule Wilhelmsburg der Zukunftsbrunch statt. Schon zu Beginn fiel der Hinweis auf Hans Leipelt, den Widerstandskämpfer aus Wilhelmsburg.

Das Büfett. Im Bild drei Schalen mit appetitlich angerichtetem Chicoree-Salat
Ein besonderes Büfett mit Speisen aus der Nachkriegszeit.
Foto: Melanie Brito

Das Team hatte ein Büfett mit Nachkriegsspeisen vorbereitet. Beigesteuert wurden die Rezepte (s. u.) von Erika Dobberstein (86). Während heute oft über Superfoods und Foodtrends gesprochen wird, erzählten diese Speisen von einer Zeit, in der Menschen mit wenig auskommen mussten. Sogar die Reste der kostbaren Kaffeebohnen, der Kaffeesatz, wurde noch in einem Kuchen weiter verarbeitet. Und wer weiß heute noch, dass sich aus Karotten so eine leckere Marmelade herstellen lässt?

Wilhelmsburg war im Zweiten Weltkrieg stark von Bombenangriffen betroffen. Das Ziel der Bomber war meistens der Hafen. Und wenn auf dem Rückweg noch Bomben übrig waren, wurden sie häufig über Wilhelmsburg abgeworfen, um Gewicht zu reduzieren. Kaum vorstellbar.

Und trotzdem entstand nach 1945 eine Zukunft, die für viele Menschen zumindest einigermaßen berechenbar war. Schule hat die Aufgabe, junge Menschen auf ihre Zukunft vorzubereiten. Aber wie sieht die Zukunft der Schüler*innen aus? Die ist heute alles andere als planbar. Wohin steuert die Gesellschaft? Und die Weltengemeinschaft? In Mathe, Deutsch oder Englisch bleibt der Stoff im Kern ähnlich, aber der Anteil dieser Fächer an Zukunftsvorbereitung ist überschaubar. Wichtiger sind Fächer wie Gemeinschaftskunde, Politik und Projekte. Wie die, die beim Zukunftsbrunch während des gemeinsamen Frühstücks vorgestellt wurden.

Besucher*innen und Schüler*innen gemeinsam an einer langen Tafel auf dem Schulhof.
Performances und Auftritte der Schüler*innen abwechselnd mit angeregten Gesprächen an der langen Tafel.
Foto: Melanie Brito

Kriege, Wirtschaftskrisen, Klimakrise sind allgegenwärtig, und mit jedem Tag wird unsere Zukunft 24 Stunden kürzer. Ein Gedanke aus der Veranstaltung blieb hängen: „Plane das Morgen – und genieße das Heute“; denn vieles kann sich schneller verändern als man denkt. Auch der berühmte Satz von Karl Valentin durfte nicht fehlen: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Welche Pläne hatten Menschen 1945? Und welche Pläne haben junge Menschen heute, kurz vor dem Schulabschluss?

Nach dem Krieg entstand das Grundgesetz – die Grundlage unserer Demokratie. Und genau darum ging es bei der Veranstaltung immer wieder: Demokratie nicht nur theoretisch zu besprechen, sondern praktisch zu leben.

Nach der Rede wurde das ungewöhnliche Büfett eröffnet. An einer langen Tafel saßen Klassensprecher*innen, Schulsprecher*innen, Elternvertreter*innen, Lehrkräfte und Besucher*innen zusammen. Neben dem Meinungsaustausch über Brotpudding (lecker, fast wie Milchreis), Kaffeesatzkuchen (interessant, aber etwas trocken) und Brennesselchips (waren zu schnell alle!) wurde auch über die Themen Schule, Demokratiebildung und Zukunft gesprochen und diskutiert.

Die Band der Schule trat auf. Danach folgte eine beeindruckende Performance, bei der Schüler*innen Wünsche und Forderungen an die Zukunft formulierten: Frieden. Frauenrechte. Freiheit für unterdrückte Länder. Kein Rassismus, keine Diskriminierung. Und vor allem: mehr Miteinander.

Mehr als 10 Plakate hängen an einer Schnur, die über einen Pausenhof gespannt wurde. Darauf jeweils Foto, Name, Lebendaten und Stichwörter von Widerstandskämpfer*innen. Darüber strahlend blauer Mai-Himmel. Foto: Ania Groß
Ein Gruppenprojekt: Recherche zu Widerstandskämpfer*innen. Sehr bekannte neben weniger bekannten (aber nicht weniger wichtigen).
Foto: Ania Groß

Eine Schüler*innen-Gruppe hatte zu Widerstandskämpfer*innen recherchiert. Die Ergebnisse waren auf großen Stellwänden ausgestellt. Dabei ging es nicht nur um Menschen aus dem Widerstand gegen das NS-Regime wie etwa Hans Leipelt, sondern auch um Widerstand weltweit (z. B. Yaa Asantewaa, Mahatma Gandhi und Che Guevara) und bis in die Gegenwart hinein – wie am Beispiel der Hamburger Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

Diskutieren, verhandeln, mitentscheiden.

An der Schule gibt es schon länger eine Zukunftswerkstatt. Ein Raum neben der Bibliothek, den Schüler*innen zum Lernen, für Arbeitsgruppen und zum Austausch nutzen können. Dort wird unter anderem darüber nachgedacht, wie Schule in Zukunft aussehen könnte. Im sogenannten Startchancen-Programm kommen regelmäßig je zwei Vertreter*innen aus allen Klassen zu einem demokratischen Rat zusammen. Themen sind: selbstorganisiertes Lernen, außer­schulische Lernorte und Vorschläge, wie die Schule nicht nur gemütlicher werden könnte, sondern auch das Lernen noch besser unterstützen könnte.

Der Vorschlag, ein Schachfeld auf dem Schulhof zu bauen, wurde bereits umgesetzt. Zum Valentinstag konnten anonym Rosen verschenkt werden. Andere Ideen reichen von einer Dachterrasse mit Bibliothek bis zu einem 24/7-Zugang zur Schule per Chipkarte. Natürlich geht es auch um schwierige Themen. Zum Beispiel um die Handynutzung. Grundsätzlich sind Handys an der Stadtteilschule nicht erlaubt. Gleichzeitig haben die volljährigen Schüler*innen der Oberstufe zu recht eingefordert, bei solchen Entscheidungen mitreden zu können. Für sie gelten inzwischen andere Regeln. Genau das ist Demokratie: diskutieren, verhandeln, mitentscheiden.

Der 8. Mai als Tag der Demokratie

Schulleiterin Katja Schlünzen steht im Pausenhof und hält eine Rede in ein Mikrofon.
Die sympatische Schulleiterin Katja Schlünzen hält eine kurze Rede.
Foto: Melanie Brito

In ihrer Rede sprach Schulleiterin Katja Schlünzen einen bedenkenswerten Punkt an: Viele Schüler*innen mit deutschem Familienhintergrund hören Geschichten über den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland noch von Groß- oder Urgroßeltern. Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte haben diesen familiären Zugang zur Geschichte des Landes in dem sie leben (und viele auch geboren wurden) nicht. Umso wichtiger ist es, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Entstehung der Demokratie im Nachkriegsdeutschland immer wieder im Unterricht zu thematisieren – und Projekte dazu zu machen.

Nachkriegsrezepte zum Nachkochen und -backen

Graupensuppe

Graupen waren ein wichtiges Sättigungsmittel.

Zutaten:
200 g Graupen
1 Liter Wasser oder dünne Knochenbrühe (oder Gemüsebrühe)
1 kleine Zwiebel
300 g Kartoffeln
200 g Steckrübe oder Möhren
1-2 TL Salz
1-2 EL Fett (optional)

Zubereitung:
Graupen abspülen, in Wasser/Brühe 20 Minuten köcheln.
Kartoffeln und Steckrübe/Möhren würfeln, Zwiebel hacken.
Zwiebel optional in Fett anschwitzen (oder direkt mitkochen).
Gemüse zugeben und 20-30 Minuten kochen, bis alles weich ist.
Salzen, ggf. leicht zerdrücken für mehr Sämigkeit.

Hungertopf

Improvisationstopf: alles, was noch da war, wurde verkocht

Zutaten (Beispiel):
500 g Steckrüben
300 g Kartoffeln
200 g Kohl (Weißkohl/Wirsing/Grünkohl)
2 Möhren oder Pastinaken
1,5 Liter Wasser
1-2 TL Salz
2 EL Haferflocken oder Kleie

Zubereitung:
Gemüse klein schneiden, mit Wasser aufsetzen und aufkochen.
45-60 Minuten leise köcheln, bis alles weich ist.
Haferflocken/Kleie einrühren, 10 Minuten mitkochen.
Salzen; nach Wunsch teilweise zerdrücken.

Kriegsbrot

Brot war streng rationiert und wurde häufig mit Kartoffeln und Kleie gestreckt.

Zutaten (1 großer Laib):
300 g Roggenmehl
200 g Gerstenmehl oder Weizenmehl Type 1050
200 g gekochte, zerstampfte Kartoffeln (abgekühlt)
150 g Kleie (Weizen- oder Haferkleie)
ca. 400-450 ml lauwarmes Wasser
1 Würfel Hefe oder 1 Päckchen Trockenhefe
12 g Salz (ca. 2 gestrichene TL)

Zubereitung:
Kartoffeln ohne Salz kochen, schälen und heiß zerstampfen. Abkühlen lassen (lauwarm).
Hefe in etwas lauwarmem Wasser auflösen.
Mehle, Kleie und Salz in einer großen Schüssel mischen.
Kartoffelmasse und Hefewasser hinzufügen. Wasser nach und nach zugeben, bis ein weicher, leicht klebriger Teig entsteht.
Teig 8-10 Minuten kräftig kneten.
Abgedeckt 1-2 Stunden gehen lassen, bis sich das Volumen deutlich vergrößert.
Teig zu einem Laib formen und in eine gefettete oder mit Backpapier ausgelegte Kastenform legen.
Nochmals 30-45 Minuten gehen lassen.
Bei 190-200 °C etwa 60-70 Minuten backen.
Vollständig auskühlen lassen (am nächsten Tag schmeckt es noch besser).

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