Beim Referendum am 31. Mai 2026 wird zum zweiten Mal über eine Olympia-Bewerbung abgestimmt. 2015 haben die Hamburger*innen Nein gesagt. Was hat sich inzwischen geändert, und was nicht?

2015 gab es in Wilhelmsburg eine monatelange kritische Auseindersetzung über die Bewerbung der Stadt für die Olympischen Spiele 2024: Demonstration, Veranstaltungen und viele Artikel im WIR (WIR 6/15). Die Spiele 2024, über die im Referendum negativ abgestimmt wurde, sollten vor allem auf dem Grasbrook und in Wilhelmsburg stattfinden. Sie betrafen also die Elbinseln direkt. Nach dem aktuellen Konzept für die Spiele 2036, 2040 oder 2044, über, das im Referendum am 31. Mai 2026 abgestimmt wird, sollen nur der moderne Fünfkampf und Wasserball in Wilhelmsburg stattfinden. Aber die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung gehen natürlich auch die Elbinseln etwas an.
Bei den aktuellen Informations- und Werbeveranstaltungen zum Olympia-Referendum räumen die Referent*innen gern ein, das Nein der Hamburger*innen 2015 sei schon verständlich, das damalige Konzept sei in der Tat kritikwürdig gewesen. Aber das Internationale Olympische Kommitee (IOC) habe daraus gelernt. Entscheidende Fehler, die damals kritisiert wurden, seien inzwischen korrigiert. Vieles sei jetzt ganz anders. Ist das so? Einige Punkte aus den Bewerbungen 2015 und 2026 beispielhaft im Vergleich.
2015 und 2026 im Vergleich:
Die Kosten
2015 ging der Senat von Kosten in Höhe von 11,2 Mrd. Euro aus. 3,8 Mrd. sollten durch Einnahmen gedeckt werden; 6,2 Mrd. sollte der Bund beisteuern. Für Hamburg bliebe ein Rest von maximal 1,2 Mrd. Euro. Die unklaren Finanzen und besonders die Tatsache, dass der Bund seinen von Hamburg errechneten Anteil von 7,2 Mrd. überhaupt nicht verbindlich zugesagt hatte, waren die Hauptgründe für das Nein beim Referendum 2015 (WIR 12/15).
2026 wirbt der Finanzsenator vor allem mit den im Verhältnis zu damals deutlich geringeren Kosten. Im Finanzkonzept wird von einem Durchführungsbudget von 4,8 Mrd. Euro ausgegangen. Dagegen stehen Einnahmen unter anderem durch Ticketverkauf und Sponsoring von 4,9 Mrd. Euro, sodass sich sogar ein Gewinn von 100 Mio. Euro ergibt. Nicht eingerechnet sind ein Investitionsbudget von 1,3 Mrd. Euro, für Infrastrukturmaßnahmen über die Spiele hinaus. Ebenso nicht eingerechnet ist der Bau des Olympiastadions, für den der HSV zuständig sein soll, da es im Anschluss an die Spiele zum Fußballstadion für den Verein wird. Außerdem fehlen die Kosten für die Sicherheit komplett. Sie seien noch nicht zu beziffern.
Kritisiert wird auch diesmal die mangelnde Transparenz. So bemängelt der Bund der Steuerzahler, dass die Sicherheitskosten nicht eingerechnet seien, die z. B. in Paris 2024 1,7 Mrd. betragen haben. Außerdem seien erwartbare inflationsbedingte Kostensteigerungen in den nächsten 10 bis 20 Jahren nicht in die Kalkulation eingegangen.
Die Nachhaltigkeit



2015 gab es unter dem Motto „Von der Umwelthauptstadt Europas zu nachhaltigen Olympischen Spielen für die Welt“ Eckpunkte für ein Nachhaltigkeitskonzept. Im Zentrum stand die „Klimaneutralität“, die Vermeidung zusätzlicher CO2-Emissionen. Die Innenstadt sollte während der Spiele autofrei sein und auf dem Kleinen Grasbrook, dem Austragungsort der Spiele, sollte es nach den Spielen einen Autoanteil von maximal 25 Prozent geben.
Der BUND vermisste damals unter anderem eine „transparente und flächenscharfe Planung“ dazu, welche Gebiete genutzt werden und wie Naturverlust ausgeglichen werden sollte. Es bestehe die Sorge, dass wertvolle Grünflächen für Sportstätten und Infrastruktur versiegelt würden.
2026 wirbt der Senat damit, dass er für das neue Konzept durch die Neuregelungen des IOC weitgehend auf Ressourcen fressende Neubauten zugunsten von ertüchtigten und temporären Sportstätten verzichten könne. 76 Prozent aller Sportstätten bestünden bereits, 24 Prozent der Anlagen würden temporär für die Spiele errichtet.
Es sollen „Spiele der kurzen Wege“ sein. Fast alle Sportstätten seien mit dem ÖPNV oder zu Fuß erreichbar. Der Bau der U5 und S6 zum Olympiadorf würde dank Bundesmitteln beschleunigt fertig werden. Davon hätten alle Hamburger*innen etwas.
Außerdem werde sich ein „Olympisches Grünes Band“ von begrünten und entsiegelten Flächen vom Volkspark bis zum Eichbaumsee durch Hamburg ziehen.
Die Umweltverbände BUND und NABU bezweifeln die Klimaneutralität des Konzepts und befürchten, dass Bau und Betrieb der Einrichtungen zu einem zusätzlichen CO2-Ausstoß führen würden. Der BUND sieht im „Grünen Band“ – ohne konkretes Konzept – lediglich eine inhaltsleere Imagekampagne.
Der Wohnungsbau
2015 waren die Elbinseln der zentrale Austragungsort der Spiele. Der unausgegorene Plan, Hafenbetriebe vom Kleinen Grasbrook für den Bau des Olympiastadions zu verlegen, brachte die ursprüngliche Wohnungsbauplanung für Wilhelmsburg durcheinander. Auf der Trasse der – noch zu verlegenden – Reichsstraße sollten nun Gebäude für 16.000 Medienvertreter errichtet werden, die nach den Spielen zu Wohnungen umgebaut werden sollten. Der Senat warb damit, dass dies ja nur sozusagen eine Zwischennutzung künftiger Wohnungen sei.
Neben der Kritik, dass Wohnraum in Wilhelmsburg dann später zur Verfügung stünde als ursprünglich geplant, stand die Befürchtung vor steigenden Mieten und Vertreibung der Bewohner durch die Spiele.
2026 sind im Olympia-Konzept für die Spiele im Olympischen Dorf in Bahrenfeld Unterkünfte für 15.000 Sportler*innen und Betreuer*innen geplant, die anschließend „mit geringem Aufwand“ in reguläre Wohnungen für bis zu 9.000 Menschen umgewandelt werden sollen, darunter 56 Prozent geförderte Mietwohnungen.
Die Kritik z. der NOlympia-Initiative auch an diesem Konzept ist wie 2015, dass hier ohnehin geplante Wohnungen durch die Nutzung für die Sportler*innen erst viel später als reguläre Wohnungen bezogen werden können und dass die Spiele nach allen Erfahrungen die Mieten in die Höhe treiben würden.
Der Breitensport



2015 wurde betont, dass der Breitensport durch Sanierung und Neubau von Sportanlagen profitieren würde. Außerdem solle Olympia allgemein Motor für die Sportentwicklung der Stadt sein.
Die Skeptiker kritisierten, dass die Sanierung bestehender Sportstätten nicht von Olympia abhängig gemacht werden dürfe, und zweifelten an, dass spezielle Olympia-Sportanlagen hinterher für den Breitensport geeignet sein würden.
2026 sieht das Konzept vor dem Hintergrund, dass es nur überhaupt nur sehr wenige temporäre Neubauten für die Spiele geben würde, vor, dass rund 100 über das ganze Stadtgebiet verteilte Sportstätten für die Spiele modernisiert werden, die danach für Schulen und Vereine zur verfügung stünden.
Mit Verweis auf Untersuchungen der Olympischen Spiele in Sydney, Athen und London zweifeln die Kritiker einen Gewinn für den Breitensport an. Frankreich habe 2024 angekündigt, dass es bis 2030 keine Kürzungen im Breitensport geben werde, tatsächlich sind dann aber in den letzten beiden Jahren erhebliche Kürzungen angekündigt worden.
Das IOC
2015 stand hinter den konkreten strittigen Punkten generell der Vorwurf der Intransparenz und nachgewiesener Korruption bei der Vergabe der Spiele. Vor allem wurde kritisiert, dass die Städte, und schon gar nicht die Elbinseln als Austragungsort, irgendeine Form der Mitbestimmung bei der Planung und Gestaltung hätten. Hamburg wäre durch den Olympia-„Knebelvertrag“ an die Maßnahmen des IOC gebunden.
2026 betonen die Befürworter der Spiele, dass das IOC in der „Agenda 2020+5“ das Vergabeverfahren durchsichtiger gemacht habe und den austragenden Städten mehr Freiheit bei der Gestaltung einräume, z. B. bei der Gestaltung der Sportstätten (s.o.)
Es bleibt dennoch die Kritik der mangenden Transparenz der Vergabekriterien. So entscheidet das IOC, für welches der drei Austragungsjahre 2036, 2040 oder 2044 eine Bewerberstadt gegebenenfalls den Zuschlag bekommt. Außerdem werde auch nach der „Agenda 2020+5“ der Gigantismus und die Kommerzialisierung der Spiele vorangetrieben. Der Sport stehe nicht im Mittelpunkt.
Die Spaßbremsen


2015 wurde nach zunehmender Kritik an den unklaren Kosten das Ja oder Nein zu den Spielen zu einer Glaubensfrage gemacht: In der groß angelegten „Feuer und Flamme Kampagne“ von Handelskammer und Privatunternehmern wurden die Kritiker als Nörgler und Angstmacher hingestellt, denen der Glaube an das Gelingen fehle, und die sich nicht zutrauten, große Aufgaben anzugehen. Die Befürworter zeigten allerdings ihrerseits auch eine große Humorlosigkeit angesichts der Spottlust der „Feuerlöscher“ (WIR 6/15).
2026 wiederholt sich dieses Bild. In der Schlussphase der Kampagne spielt angesichts anhaltender Kritik am unseriösen Finanzkonzept und schlechter Umfragewerte der Appell an die Olympia-Emotionen eine immer größere Rolle. Es gebe keinen besseren Ort für die Spiele als Hamburg, „die unfassbar schöne, zukunftsfähigste Stadt Europas“. Es gehe bei den Spielen um den „Glauben an eine bessere Zukunft und an die Kraft des Sports“.
Die Kritiker*innen werden wie 2015 als Spaßbremsen und kleinkarierte Bedenkenträger*innen dargestellt, die „Angst vor dem verlieren haben und sich dem Fortschritt entgegenstellen“. Sie würden notorisch „Bedenken und schlechte Laune“ verbreiten. In manchen Stellungnahmen werden die Jungen gegen die Alten ausgespielt, die nörgelig generell gegen jede Veränderung seien und den jungen Menschen die Zukunft verbauen würden. Allerdings hat sich beim neulich stattgefundenen Parteitag der Hamburger Grünen gezeigt, dass gerade die Grüne Jugend beim IOC Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit missachtet sieht und die Spiele ablehnt.

