Von anderen Inseln – heute: Møn

Die dänische Insel Møn hat mit Wilhelmsburg eine interessante Gemeinsamkeit: einen „Wilden Wald”. Der Ulvshale Skov hat eine denkwürdige Geschichte und einen „Promi“

Der Wald

Die dänische Ostseeinsel Møn ist bei uns vor allem durch die Kreideküste Møns Klint bekannt und gilt deshalb auch als die kleine Schwester von Rügen. Møn ist etwa sechsmal so groß wie Wilhelmsburg, hat aber nur gut 9.000 Einwohner:innen und lebt vor allem vom Tourismus. Die Insel sieht auch nicht aus wie ein Fisch sondern eher wie eine Niere. Møn hat aber mit Wilhelmsburg eine interessante Gemeinsamkeit: einen „Wilden Wald“. In dem Gebiet Ulvshale am nördlichen Zipfel der Insel befindet sich ein etwa zwei Kilometer langer schmaler Wald mit einer bemerkenswerten Geschichte. Ursprünglich ein Eichenwald, haben die örtlichen Bauern ihn ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum guten Teil abgeholzt, weil sie das Land unter anderem als Schweineweide nutzen wollten. In dem 1806 erlassenen dänischen Waldschutzgesetz, der königlichen „Fredskovforordning“, wird dieser Wald daher auch gar nicht mehr als Wald aufgeführt. Einem gewissen Forstrat Müller war es dann zu verdanken, dass der Ulvshale Skov – gegen den Protest der Bauern – ab Mitte des 19. Jahrhundert wieder aufgeforstet wurde. Seit der Zeit durfte er sich ohne weitere forstwirtschaftliche Eingriffe bis heute natürlich weiterentwickeln und gilt als „letzter dänischer Urwald“.

Der Promi

Das Foto ist ein Motiv im Ulvshale Skov.
Im wilden Wald auf Møn. Foto: H. Kahle

Und dann ist da noch Günter Grass. Der berühmte Schriftsteller und Graphiker mietete ein am Waldrand gelegenes, einsames altes Fachwerkhaus und verbrachte hier ab 1976 bis an sein Lebensende viele Sommer. Mehrere Teile seines Romans „Der Butt” entstanden hier. Naturfreund Grass war oft im Ulvshale Skov unterwegs und hat Waldmotive gemalt und gezeichnet. In seinem in den Achtzigerjahren geschriebenen apokalyptischen Roman „Die Rättin” über das Ende der Menschheit spielte das Waldsterben eine zentrale Rolle. Mit dem Regisseur Volker Schlöndorff wollte er sogar einen Film darüber drehen. Daraus wurde dann aber nichts.

Wer keine Gelegenheit hat, die Insel Møn zu besuchen und im „letzten dänischen Urwald“ spazieren zu gehen, kann ersatzweise im Wilden Wald bei uns am Ernst-August-Kanal spazieren gehen – oder die Ausstellung „INTO THE TREES“ im Günter-Grass-Haus in Lübeck besuchen. Dort sind einige von Grass‘ Aquarellen und Zeichnungen auch aus dem Ulvshale Skov zu sehen – neben Manuskripten und Bildern zur Rättin und zu dem nicht realisierten Film.

Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

Alle Beiträge ansehen von Hermann Kahle →
Zurück nach oben