Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg lud zu einem Rundgang durch den Wilhelmsburger Westen ein, in den Bereich der Insel, in dem 1962 die meisten Flutopfer zu beklagen waren

Parallel zum jährlichen Flutgedenken am Museum der Elbinsel (WIR 23.2.26) lud die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg in diesem Jahr zu einem Rundgang durch den Wilhelmsburger Westen ein. Rund 30 Menschen hatten sich abends am 16. Februar, dem Jahrestag der Flutkatastrophe von 1962, vor dem alten Wilhelmsburger Rathaus in der Mengestraße, versammelt. Einige ältere Teilnehmer*innen hatten die Schreckenstage noch selbst erlebt, für die meisten, wie für das Fernsehteam des NDR, war das Ereignis weit zurückliegende Geschichte.
Berichte von Zeitzeugen
Der Rundgang führte entlang der ehemaligen Reichsstraße, vorbei an der Kleingartenkolonie „Unsere Scholle“ bis zum Klütjenfelder Hauptdeich an der Harburger Chaussee. An einzelnen Stationen lasen Marco Moreno und Oliver Menk von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg aus Zeitzeugenberichten und historischen Pressemeldungen über den Gang der damaligen dramatischen Ereignisse. Ulrich Kodjo Wendt setzte zwischen den einzelnen Leseabschnitten mit dem Akkordeon musikalische Akzente.
Unvorstellbar, dass Wilhelmsburg überflutet werden könnte
An der ersten Station unter der Reichsstraßenbrücke zitierten sie aus den Unterlagen des Hamburger Seewetteramtes einen Bericht über den Vorabend der Katastrophe. Das Amt, das zwar in der nahenden Sturmflut eine „Bedrohung historischen Ausmaßes“ sah, warnte aber nur zurückhaltend, um keine Panik auszulösen. Außerdem konnten auch die Verantwortlichen es sich schlicht nicht vorstellen, dass die Deiche brechen würden. Der damalige Ortsamtsleiter Hermann Westphal wurde bei einer Deichbegehung – das Wasser stand schon knapp unter der Deichkrone – vom zuständigen Wilhelmsburger Deichvogt beruhigt: „In dieser Nacht wird nichts geschehen. Fahren sie man ruhig nach Hause!“

Auch für die Bewohner*innen war es trotz des schon Tage dauernden Sturms unvorstellbar, dass die Elbinsel überflutet werden könnte. Marco Moreno las aus einem Bericht vor: „Die meisten Menschen gingen ahnungslos nach der Tagesschau und der beliebten Fernsehserie „Familie Hesselbach“ ins Bett, oder gingen tanzen. Es war ja Freitag.“ Ulrich Kodjo Wendt illustrierte die Stimmung kurz vor der Katastrophe mit der Familie-Hesselbach-Erkennungsmelodie.
Das Wasser kommt
Die nächste Station des Rundgangs beim Kleingartenverein „Unsere Scholle“ lag mitten im Gebiet der Schrebergartensiedlungen und Behelfsheime, in dem die meisten Opfer zu beklagen waren. Nach dem Bruch des Deiches an der Harburger Chaussee kurz nach Mitternacht, wurde dieses Gebiet komplett überflutet. Marco Moreno zitierte aus Berichten von Zeitzeugen, die mit „Das Wasser kommt“-Rufen ihre ungläubig guckenden Nachbarn weckten. Und im Bericht des Ortsamtsleiters Westphal, der auch über die Insel fuhr, um Menschen zu wecken, heißt es: „Das Wasser steht über der Straße. Überall Schreie, Taschenlampen blinken. Auf den Dächern der Behelfsheime der Kolonie „Unsere Scholle“ sitzen Menschen, rufen um Hilfe. Wir können nicht helfen – zu kalt, zu tief, die Menschen noch nicht gerettet.“
40.000 Menschen waren an den Rettungseinsätzen beteiligt

Der Rundgang endete auf dem Klütjenfelder Hauptdeich an der Harburger Chaussee, an der Stelle der für Wilhelmsburg folgenschwersten Deichbrüche 1962. Oliver Menk wies in einem Abschlussstatement daraufhin, dass in den Behelfsheimsiedlungen besonders Menschen betroffen waren, die im gerade 17 Jahre zurückliegenden Krieg, Flucht und Verfolgung erlebt hatten und nun erneut Angehörige und Hab und Gut verloren hatten.
Und er bilanzierte die Rettungseinsätze: Rund 40.000 Menschen waren beteiligt, Soldaten verschiedener Länder, Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen und 15.000 Freiwillige, darunter viele Jugendliche. Und natürlich wurde auch in mehreren Beiträgen die Rolle Helmut Schmidts gewürdigt, der als „Polizeisenator“ die Verantwortung für die umfangreichen Rettungsmaßnahmen trug.
Schmidts Mahnung
50 Jahre später wurde 2012 das Wilhelmsburger Gymnasium in Helmut-Schmidt-Gymnasium umbenannt. Auf der Umbenennungsfeier mahnte der 94-jährige Helmut Schmidt, Wilhelmsburg als eine „flache Insel“ bleibe weiter von Flutkatastrophen bedroht: „Wenn die Klimaforscher recht haben und mit der Erderwärmung die Meeresspiegel steigen, müssen wir auch in Norddeutschland mit neuen Flutkatastrophen rechnen.“ (WIR 11.12)
Ein Denkmal am Spreehafen
In einem aktuellen Projekt plant die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg am Klütjenfelder Deich ein Denkmal. An den Stufen des Deichs soll analog der Flutmarke von 1962 mit Farbe die damalige Deichhöhe von 5,30 Metern aufgetragen werden, dazu in großen Buchstaben der Schriftzug „FLUT 1962“. Und an den Stufen soll für jedes Todesopfer eine Plakette mit Namen, Sterbealter und Ort angebracht werden.

