Der Energieberg geht in die Winterpause

Am letzten Öffnungstag gab es noch eine Halloween-Veranstaltung im Freien. Außerdem wurde eine Ausstellung mit Fotos und Aussagen von Zeitzeug*innen des Müllbergs eröffnet.

Auf blauem Hintergrund sind Bilder von einem Fotografen, einer Frau und einige Gegenstände in bunten Quadraten.
Das Zeitzeug*innenprojekt. Plakat: Stadtreinigung Hamburg

Volles Programm auf dem Energieberg in Georgswerder: Am 31. Oktober 2026 öffnete sich um Punkt 12 Uhr das große Tor an der Fiskalischen Straße und ließ die vielen Halloween-Fans zu einem fröhlich-gruseligen Nachmittag auf den Berg. Dort warteten viele Stationen darauf, erkundet zu werden – natürlich mit reichlich Süßigkeiten und kleinen Belohnungen.

Erlebbare Vergangenheit – Zeitzeug*innen der Geschichte des Energiebergs im Mittelpunkt

Gleichzeitig lud die Stadtreinigung Hamburg (SRH) Besucher*innen in das Informationszentrum ein. Neben der neuen informativen Ausstellung (WIR 8.7.26) konnten sie im Nebenraum Fotos und Statements von Zeitzeug*innen aus Georgswerder besichtigen. Zwei der Porträtierten waren persönlich vor Ort, um mit den Besucher*innen ins Gespräch zu kommen.

Am Abend, ab 18 Uhr, waren alle Zeitzeug*innen eingeladen, die seit Beginn des Projekts im Oktober 2025 daran mitgearbeitet hatten. Anne Berkmüller vom Informationszentrum des Energiebergs begrüßte die Gäste. Sie berichtete von den Anfängen der Dokumentation: „Die Idee entstand dadurch, dass ganz viele auf uns zugekommen sind, mit uns ins Gespräch gekommen sind und erzählt haben, wie sie den Ort wahrgenommen haben.“

Der Antrag auf Fördergelder war erfolgreich und die Zeitzeug*innen erklärten sich bereit, sich fotografieren und interviewen zu lassen. Das Fotoprojekt wurde in Zusammenarbeit mit der beruflichen Schule für Medien und Kommunikation (BMK) realisiert. Die Webseite ist noch in Arbeit. Sie entsteht unter Leitung von Professor Dr. Thomas Weber vom Institut für Medien und Kommunikation (IMK).

Anne Berkmüller betonte, dass die Arbeit mit den Zeitzeug*innen weitergehen würde. Das Projekt solle nicht einfach mit dem Ende der Förderung abgeschlossen sein, sondern in die Bildungsarbeit der SRH integriert werden. Sie erklärte: „Es sind die persönlichen Erinnerungen, die wir dokumentieren. Dazu haben wir ein Dialogprogramm entwickelt, wo man in Kontakt kommen kann. Wir haben ein Gästebuch eingerichtet, wo Zeitzeug*innen sich – wenn sie hier vorbeikommen – eintragen können und ihre Erinnerungen mit uns und der Nachwelt teilen können.“

„Was ist das für eine komische Anfrage?“

Vor einem blauen Himmel mit Schäfchenwolken ist ein Berg aus Müll. Im unteren Teil Ausstellungsgegenstände.
1979 wurde der Müllberg geschlossen. Foto: M. Groß

Bevor Thomas Weber erste Ausschnitte der geplanten Webseite vorstellte, erzählte er von der anfänglichen Verwunderung über die Anfrage der SRH: „Wir sind ein klassisches Universitätsinstitut für Medien und Kommunikations-Wissenschaft. (…) Medienpraxis gehört bei uns überhaupt nicht zum Studieninhalt. Wir lehnten spontan ab.“

Weder die Studierenden noch der Professor hatten zuvor vom Müllberg in Georgswerder gehört. „Ich fing dann aber doch an zu recherchieren und bin eigentlich auf eine ganz spannende Geschichte gestoßen: diese Story von der Mülldeponie nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Dioxinskandal bis zu dem heutigen umweltpolitischen Vorzeigeprojekt.“

Eine interaktive, multimediale Webseite entsteht

Links steht ein Mann vor einem orangen Tisch. Daneben ein großer Bildschirm auf einem Ständer mit einem Bild von einem Mann mit kurzem Bart.
Ausschnitt aus der Webseite. Foto: M. Groß

„Der Energieberg ist natürlich nicht nur ein technisches Bauwerk, sondern auch ein Erinnerungsort,“ erklärte Thomas Weber. Sein Interesse war geweckt. Gemeinsam mit den Beteiligten wurde ein partizipatives Projekt entwickelt, bei dem alle mitbestimmen konnten, wie die Dokumentation gestaltet und umgesetzt werden sollte.

Die Besucher*innen waren gespannt auf die neue Webseite. Allerdings konnte sie in diesem Studiengang noch nicht fertig gestellt werden. Bis zur Veröffentlichung wird voraussichtlich noch ein halbes Jahr vergehen. Erste Einblicke gab es trotzdem schon. Die Anwesenden konnten Ausschnitte aus Interviews mit den Zeitzeug*innen sehen. Die Themen sind gegliedert in Kindheit am Müllberg, Reaktion auf den Dioxin-Skandal, Leichenfunde und Kritik an der Entwicklung des Energieberges.

„Der Berg hatte etwas Anziehendes“

Wie unterschiedlich die Erinnerungen an den Müllberg sind, wurde in den Interviews besonders deutlich.

Eine Zeitzeugin berichtete, wie sie als Kind mit anderen Kindern in einer langen Schlange von Schlitten den schneebedeckten Müllberg herunter gefahren sei. Man dachte sich nichts dabei, auch wenn es manchmal – wenn der Wind ungünstig stand – schlimm gerochen hat.s „Es war halt einfach so.“

Ein anderer Zeitzeuge erinnerte sich daran, wie er bereits als Dreijähriger mit seinen Geschwistern auf dem Müllberg war: „Er hatte etwas Anziehendes.“ Sie wussten nicht, ob sie es den Eltern erzählen sollten und haben es einfach verschwiegen. Die Eltern fragten aber auch nicht nach und haben z. B. einen Bilderrahmen, dessen Herkunft sie nicht kannten, einfach genommen und Familienfotos darin ausgestellt.

Besonders einschneidend waren die Erinnerungen an den Dioxinskandal. Die Eltern der Zeitzeugin hatten gerade ihr Traumhaus gebaut, als der Skandal aufflog. Für sie war es ganz schlimm. Auf einmal war das Eigentum nichts mehr wert. Ihre Eltern hatten ihr nichts davon erzählt. „Es war eine Katastrophe, als andere Eltern mir sagten, dass meine Eltern und ich ganz schnell wegziehen müssten,“ erinnerte sie sich.

Es gab mehrmals Leichenfunde in dem Müll. Dann durften die Kinder eine Woche lang nicht auf den Berg. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Dann bekamen wir für eine Woche Haldenstopp.“

Zwischen Begeisterung und Kritik

Die Meinung zur heutigen Entwicklung des Energieberges ist geteilt. Während ein Zeitzeuge erzählt: „Ich seh’ den Berg immer noch, wie er vor 50 Jahren war. Warum liegt das da noch mit einer grünen Haube drüber. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin nicht mehr hingegangen.“

Dagegen die Zeitzeugin, die dort als Kind gespielt hat: „Ich arbeite jetzt bei der SRH und bin begeistert über die Veranstaltungen, die hier stattfinden. Ich halte mich gern hier auf. Sonne, Energie, Wind, Wärme des Berges – alles wird wiederverwendet. Als Mitarbeiterin und auch privat würde ich mir wünschen, die Leute auch im Winter auf den Berg zu lassen. Es ist toll, dort oben zu stehen. Es ist eine fantastische Aussicht.“

(Die Red.: Das unterstützen WIR. Von 2001 bis 2005 organisierte der InselRundblick im Winter bzw. zeitigem Frühjahr Führungen auf die „Wilhelmsburger Höhe“ (WIR I/2001,S. 1+4). Oben auf dem Berg gab es Glühwein und Kekse. Damals war der Berg für die Öffentlichkeit geschlossen.)

Erinnerungen, die bleiben

Im Vordergrund steht ein Mnn in dunkler Jacke und hält ein Bild in den Händen. hinten links steht auch noch ein Mann.
Uwe Hudemann freut sich über das Bild. Foto: M. Groß

Bei den Zeitzeug*innen bedankte sich Frau Berkmüller für ihre Mitarbeit. Als Dankeschön erhielten sie jeweils ein gerahmtes Portätfoto – eine schöne Erinnerung an das gemeinsame Projekt.

Es gab es großes Interesse an dem neuen Film der SRH. Im Vergleich zu dem vorigen Film erzählt er die Geschichte des Energieberges kürzer und informiert dafür in plakativen Darstellungen insbesondere über Müllverwertung, Müllvermeidung und Nachhaltigkeit.

Mit dem letzten Öffnungstag am 31. Oktober verabschiedet sich der Energieberg nun in die Winterpause. Die Erinnerungen der Menschen, die seine Geschichte erlebt haben, werden dagegen weiterleben – und künftig auch digital für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Marianne Groß

... ist Gründungsmitglied des Wilhelmsburger InselRundblicks e. V. Sie berichtet – soweit möglich – über alles, was sie selbst interessiert und hofft, damit die Leser*innen nicht zu langweilen. Dazu gehören die Veränderungen im Stadtteil, Ökologie und Kultur. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den großen Garten und liebt es, Buchsbäume zu schneiden.

Alle Beiträge ansehen von Marianne Groß →