Vom „Reigerstieg“ zum Reiherstieg

Viele Besucher*innen tauschten sich bei Eröffnung der Ausstellung „Wohngeschichte Wilhelmsburger Westen“ über ihre eigene Wohngeschichte im Reiherstieg aus

Mehrere Besucher*innen vor den Ausstellungswänden
Besucher*innen am Eröffnungstag. Foto: H. Kahle

Am 4. Juni wurde die Ausstellung „Wohngeschichte Wilhelmsburger Westen“ in der Honigfabrik eröffnet. Die Ausstellung ist ein Projekt in Rahmen des 11. Hamburger Architektur Sommers (WIR, 27.5.26).

Zeitweise war es richtig eng zwischen den Tafeln mit Bild- und Textdokumenten, die an Stellwänden im Veranstaltungssaal der Honigfabrik aufgehängt waren. Mit so vielen Besuchern hatte selbst Oliver Menk von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg am Eröffnungstag nicht gerechnet.

Begehbare Geschichte

Bücher und Schriften über den Reiherstieg gibt es mehrere. Die Ausstellung, die noch bis zum 2. Juli zu besichtigen ist, macht die Geschichte des Viertels sozusagen begehbar. Am Eröffnungstag sah man überall Besucher*innen, die sich mit den zahlreich anwesenden Zeitzeug*innen – über ganz persönliche Geschichten mit Häusern und Straßenzügen auszutauschen.

Silke Schwarzmann, Oliver Menk und Darijana Hahn vor einer Ausstellungswand
v.l. Silke Schwarzmann, Oliver Menk, Darijana Hahn. Foto: H. Kahle

Rund anderthalb Jahre hat Oliver Menk unter Mitarbeit der Kulturwissenschaftlerin Darijana Hahn und der Projektkoordinatorin Hamburger Architektursommer Silke Schwarzmann an der „Wohngeschichte Wilhelmsburger Westen“ gearbeitet. Einen Teil der Zeitzeugeninterviews haben Student*innen der Leuphana Universität Lüneburg durchgeführt. Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der SAGA, dem Bauverein Reiherstieg und der Baugenossenschaft Süderelbe.

Die Reigerstieger Elbe

Die Ausstellung besteht aus 62 lebendig layouteten Tafeln, mit Bildern, erklärenden Infos, historischen Zeitungsartikeln und Ausschnitten von Zeitzeugeninterviews, die man sich vollständig über einen QR-Code anhören kann.

Auf den ersten Tafeln wird von den Anfängen erzählt, als die Elbinseln vor allem Kuhweiden waren. Bildtafeln zeigen den Elbarm „Reigerstieger Elbe“, der die Inseln von Süd nach Nord durchzog. Auf einem Stahlstich von 1777 ist ein lebendiger Werftbetrieb an seinen Ufern zu sehen.

Wohnungselend und „Villenviertel“

Mehrere Bildtafeln widmen sich dem historischen Schnitt um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Wilhelmsburg wurde von einer Bauerninsel zum Industriestadtteil. In vielen Bildern wird die rege Bautätigkeit unter anderem von Genossenschaften und vor allem von Investoren dokumentiert. Eine Tafel über die Immobilieninvestoren trägt die Überschrift „Ein Riesengeschäft in Wilhelmsburg“. Es gibt Zeugnisse von unfassbarem Wohnungselend, aber auch vom „Villenviertel“ für feinere Leute in der heutigen Weimarer Straße.

Historisches Foto vom Deichhaus
Das 1887 gebaute Deichhaus. Foto: Geschichtswerkstatt

Ein Anziehungspunkt war das historische Foto eines Häuschens am Stübenplatz. Das 1887 gebaute Einfamilienhaus, das „Deichhaus“, steht heute neben mehrgeschossigen Mietshäusern. Es war in seiner wechselvollen Geschichte lange ein Milchaden und beherbergt jetzt die Tafel. Im ersten Stock befand sich bis 2014 das Redaktionsbüro des WIR.

140 Zwangsarbeiterlager

Im Zentrum der Ausstellung steht der Wohnungsbau und die Architekturgeschichte des Reiherstiegviertels. Damit verbunden werden aber auch die Entwicklung der Industrie, soziale und politische Fragen behandelt. So wird im Abschnitt über das „Dritte Reich“ auf einigenTafeln die Gleichschaltung der Baugenossenschaften dokumentiert, es gibt Zeitzeugenberichte über die Pogrome 1938 und eine Karte mit der Markierung der über 140 Zwangsarbeiterlager in Wilhelmsburg und in Hafengebiet.

Nach Krieg und Flutkatastrophe

Ein weiterer Teil behandelt die baugeschichtliche Seite der wechselvollen Entwicklung nach dem Krieg und nach der Flutkatastrophe 1962. Auf mehren Tafeln wird der jahrelange Verfall der beschädigten Häuser nach der Flut dokumentiert, nachdem der Senat den Reiherstieg zunächst als Wohngebiet aufgegeben und zum Standort für Industrieentwicklung erklärt hatte.

Altes Luftbild vom Wilhelmsburger Freibad
Viele kennen es noch: Das Freibad am Aßmannkanal. Foto: Geschichtswerkstatt

Die Bauten und Wohnanlagen, die auf den letzten Tafeln der Ausstellung zu sehen sind, kannten viele Besucher*innen aus eigener Anschauung. So die Häuser des „Weltquartiers“ in der Veringstraße, die im Rahmen der IBA umgebaut wurden, und auch die „Containerdörfer“ für Geflüchtete. Eine Tafel zeigt die Trasse der alten Wilhelmsburger Reichsstraße, auf der in den nächsten zehn Jahren drei weitere Quartiere entstehen sollen.

Die Kritik des Stadtplaners

Ein pensionierter Stadtplaner aus Hamburg, der die Ausstellung eine Woche nach der Eröffnung besuchte, meinte, es fehlten ihm ein paar kritische Aspekte der neueren Entwicklung: Die Kehrseite des inzwischen beliebten Reiherstiegviertels mit dem „quirligen Leben auf den Straßen und in den Parks“.

Die Kritik stimmt nicht ganz. Auf der Tafel zu den neuen Quartieren wird der massive Protest gegen die geplante Rodung des Wilden Waldes für das „Spreehafenviertel“ erwähnt. Und auf einer Tafel wird ein taz-Artikel von 2007 zitiert: „Vor einigen Jahren galt Wilhelmsburg noch „als Balkan des Südens“ Jetzt wird das Quartier aufgehübscht. Aus dem einstigen Problemviertel soll ein neuer Szene-Stadtteil werden.“

Richtig ist, eine Übersicht über die schleichende Gentrifizierung des Reiherstiegviertels seit der IBA, die zum Teil drastischen Mietsteigerungen und die Verdrängung der ärmeren Bevölkerung gibt es nicht. Wilhelmsburg ist wieder „ein Riesengeschäft“. Man hört immer wieder über einzelne Fälle, eine Öffentlichkeit darüber und eine Bewegung dagegen gibt es noch nicht. Das wäre dann die nächste Wohngeschichte.

Vortrag mit Filmclips am 3. Juli

Die „Wohngeschichte Wilhelmsburger Westen“ läuft noch bis zum 5. Juli 2026.  
Am Freitag, 3. Juli, um 18 Uhr, gibt es im Rahmen der Ausstellung einen Vortrag über das Projekt der Lüneburger Studierenden mit Filmclips aus den Zeitzeug*inneninterviews.

Ausstellung:
„Wohngeschichte Wilhelmsburger Westen“
vom 4.6. bis 5.7.2026
donnerstags und freitags von 10 Uhr bis 20 Uhr
samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr.

Veranstaltung:
Vortrag: „Geschichten aus dem Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg“
Filmclips aus den Zeitzeugeninterviews.
3.7.2026, 18 Uhr

Honigfabrik
Industriestraße 125 – 131
21107 Hamburg
www.geschichtswerkstatt-wilhelmsburg.de

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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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