NOlympia!

Auch die plattesten Werbesprüche nutzten nichts: Fast 55 Prozent stimmten beim Olympia-Referendum mit Nein. In Wilhelmsburg waren es 66,5 Prozent

Werbeplakat im Laternenpfahl: Aufschrift: Ja, ich will mal wieder für etwas sein
Auch platte Werbesprüche nutzten am Ende nichts. Fotos: H. Kahle

Bis zuletzt sprachen Befürworter*innen und Gegner*innen der Hamburger Olympia-Bewerbung von einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Dem beispiellosen Werberummel von Senat, SPD, CDU, Grünen, Sportbund und Wirtschaftsverbänden standen vergleichsweise wenige Plakate der Nein-Kampagne und Pressestatements von Umweltverbänden, Steuerzahlerbund und einer Polizeigewerkschaft gegenüber. Aber vielleicht haben der übertriebene „Ja,ich will“-Jubel und die unsportliche Diffamierung der Skeptiker als „Fortschrittsfeinde“ die Menschen eher abgestoßen und am Ende mit dazu beigetragen, dass die Ablehnung der Olympia-Bewerbung im Referendum mit fast 55 Prozent noch deutlicher ausfiel als beim ersten Anlauf 2015.

Hauptablehnungsgrund: das lückenhafte Finanzkonzept

Ein Hauptablehnungsgrund waren die Kosten, das von allen Skeptikern als unseriös kritisierte Finanzkonzept mit fehlenden Ausgaben für die Sicherheit, nicht eingerechneten inflationsbedingten Steigerungen und der – wie es in einer Analyse nach dem Referendum heißt – elegant aus dem Olympiabudget herausgerechneten – Milliarde für das Olympia-Stadion.
Senat und Bewerbungsgesellschaft wiesen diese Zweifel als unsachlich und als Lüge zurück oder sagten wahlweise – und widersinnig –, man solle doch nicht aufs Geld sehen, wichtig sei das tolle Event und die „einmalige Chance“ für Hamburg.

Ein unsachliches Argument, so der Bürgermeister, sei zum Beispiel die Furcht vor steigenden Mieten in den „weniger wohlhabenden Stadtteilen“. Die Mieten stiegen unabhängig von Olympia sowieso.

Die weniger wohlhabenden Stadtteile

Geknicktes Plakat mit Bürgermeister und der Aufschrift: Hanburg und Olympia
Ablehnung in den weniger wohlhabenden Stadtteilen

Den größten Anteil an der Niederlage des Senats hatten nach den ersten Analysen neben den Nein-Stimmen aus Harburg, das erklärtermaßen gar nichts von den Spielen gehabt hätte, die ablehnende Haltung der ärmeren Hamburger Bevölkerung. Im Bezirk Mitte lag die Zahl der Nein-Stimmen zum Teil bei weit über 60 Prozent Auf der Veddel waren es 77,7 Prozent, in Wilhelmsburg 66,5 Prozent.

Ein enttäuschter Kommentator beschwerte sich im Hamburger Abendblatt über die „Skeptiker und Kleinmütigen“. Hamburg sei satt, selbstzufrieden und saturiert. Angesichts der Tatsache, dass die vielen Nein-Stimmen aus den „weniger wohlhabenden Stadtteilen“ das Referendum entschieden haben, ist das ein sonderbarer Befund.

Viele Gründe, gegen Olympia zu sein

Die Sorge vor steigenden Mieten und die Kritik am unseriösen Finanzkonzept war nicht allein ausschlaggebend für den Erfolg von NOlympia. Es gab viele Gründe, gegen Hamburgs Bewerbung zu sein: Zweifel an der im Konzept hochgelobten Nachhaltigkeit, das schleppende Vorankommen der diversen Hamburger Bauprojekte, die Sparpolitik in vielen sozialen Bereichen, das korrupte IOC, der Gigantismus von Megaevents.

Und vielleicht hat die eine oder der andere auch Probleme, angesichts des auch vom Bürgermeister begrüßten aktuellen Booms der Hamburger Rüstungsindustrie (Arbeitsplätze) an friedliche, völkerverbindende Spiele in 10 bis 20 Jahren zu glauben.

Frau Fegebank und die Grünen

Nicht nur die ärmere Bevölkerung stimmte gegen Olympia. Auch in Altona und Eimsbüttel, wo eher mittelständische Grünen- und Linken-Wähler*innen wohnen, waren es weit über 60 Prozent Nein-Stimmen. Die zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, die sich sehr betroffen über den Ausgang des Referendums zeigte, kennt ihre grüne Basis nicht (WIR 20.5.26).

Der Senat hat die Argumente von NOlympia, Steuerzahlerbund, Umweltverbänden und Polizeigewerkschaft nicht ernst genug genommen und sich zum zweiten Mal mit einer Olympiabewerbung verspekuliert.

Probleme jetzt und nicht erst in 14 Jahren angehen

Nun ist der Rummel vorbei und Hamburg kann wieder zur Tagesordnung übergehen.

Bürgermeister Tschentscher hat die Bewerbung beim DOSB zurückgezogen und in einem ersten Statement gesagt, man werde die Umsetzung der großen Infrastrukturprojekte jetzt auch ohne Olympia mit aller Kraft verfolgen. Der BUND fordert, jetzt auf eine Stadtentwicklung zu setzen, die Flächen schützt, statt verbraucht. Und DIE LINKE meint in einem ersten Statement: „Die Probleme der Stadt müssen jetzt und nicht erst in 14 oder 18 Jahren gelöst werden“, und fordert die für Olympia vorgesehenen Millionen aus dem Hamburger Haushalt nun für massive Investitionen in den Breitensport, in Turnhallen und Schwimmbäder und in die Barrierefreiheit zu verwenden.

Und 9.000 Wohnungssuchende müssten ja nun auch nicht warten, bis das Olympiaquartier in Bahrenfeld 2036, 2040, oder 2044 nach den Spielen zu Wohnungen umgebaut würde.

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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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