Dämonischer Lärm, zementartiger Staub im Treppenhaus, demolierte Treppenhausbeleuchtung, entfernte Namensschilder und temporärer Stopp der Wasserversorgung. Das sind nur einige der Instrumente, mit denen der neue Investor versucht, die Mieter*innen zu vertreiben
Giuseppe Gagliano. Ich lebe seit 26 Jahren in dem Gründerzeithaus an der Fährstraße im Zentrum des Reiherstiegviertels, das 1904 gebaut wurde. Anfang der 2.000er Jahre war Wilhelmsburg noch eher verrufen, dies hat sich in der Zwischenzeit stark verändert. Damals war das Angebot an Wohnungen noch recht groß. Nach vielen Besichtigungen hatte ich mich für die Wohnung in der Fährstraße 71 entschieden. Obwohl in einem Wohnraum eine Heizung fehlte, zog ich hier ein. Hier erlebte ich einen Hausbrand, durch den aber niemand zu Schaden kam. Selbst die Ratteninvasion, die den Keller zeitweilig unbenutzbar machte, sowie andere Missstände konnten mich nicht vertreiben.
In den zurückliegenden 25 Jahren wurden nur wenige notwendige Instandsetzungsarbeiten ausgeführt. Vor einigen Monaten ist das Haus in der Fährstraße in schlechtem Zustand an die Tahiri Immobilienverwaltungs GmbH verkauft worden. Der vorherige Besitzer hatte, ohne uns zu informieren, das Haus im Herbst 2025 als Investitionsobjekt angeboten.
Allen Mieter*innen wurde gekündigt
Der neue Eigentümer hat sich Anfang Mai 2026 mit einem Schreiben in unseren Briefkästen vorgestellt. Ende Juli kamen dann die Kündigungen für alle, mit einer mehrseitigen Begründung, was in dem Haus saniert werden soll. In zwei Fällen, so auch bei mir, wurde ein Verdacht auf „unerlaubte Untervermietung“ ausgesprochen, ohne dass das belegt wurde. Schon Mitte Mai begannen mit viel Lärm die ersten Arbeiten in der seit circa vier Jahren leerstehenden Physiotherapiepraxis. Ohne Vorankündigungen. Man spricht in solchen Fällen von Gentrifizierung. Dieses Lärmszenario weitete sich auf zwei Wohnungen aus, deren Mieter*innen zwischenzeitlich ausgezogen waren. Regelmäßig von 7 bis 10 Uhr und 17 bis 20 Uhr, auch sonnabends. Es wurde mehrfach ein Geräuschpegel von über 80 Dezibel gemessen (Ein schreiendes Baby und ein Motorrad erreichen beide 80 bis 100 dB.). Vor dem Haus wurden andere Anwohner und Boris Manzella (Bürgernaher Beamter im Viertel) darauf aufmerksam (WIR 17.9.26).


Es folgten, auch auf Nachfragen und Anzeigen, mehrere Besuche der Polizei (PK 44) und von Vertretern des Bezirksamtes. Laute Arbeiten wurden vorläufig untersagt. Trotzdem wurden danach die Entmietungsmaßnahmen weiter intensiviert: weiterhin dämonischer Lärm, großflächig verstreuter, zementartiger Staub im Treppenhaus, demolierte Treppenhausbeleuchtung, entfernte Namensschilder und temporäre Unterbrechungen der Wasserversorgung in einigen Wohnungen. Eine Treppenhausreinigung findet gar nicht mehr statt. Heftige Hammerschläge gegen Wände haben unter anderem größere Putzstücke auf einem Kinderbett hinterlassen, in einer Abstellkammer fiel ein Regal von der Wand. Es wurde eine Zeit lang immer schlimmer.
Zwei Monate ohne Licht im Treppenhaus
Im Moment herrscht allerdings eine seltsame Ruhe im Haus. Die Treppenhausbeleuchtung ist jedoch trotz einer Anmahnung unseres Anwalts seit zwei Monaten abgeschaltet. Der Restaurantbetrieb ist nicht betroffen. In einem Teil der ehemaligen Physiotherapiepraxis hat gerade ein Kosmetik-Studio eröffnet. Dann tauchten plötzlich neue Namensschilder an einigen Briefkästen auf – sind hier etwa neue Mitbewohner eingezogen?
Alle Bewohner*innen fühlen sich in ihrem Zuhause durch die Maßnahmen bedroht und belästigt. Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Eigentümer scheint unmöglich. Inzwischen sind vier Mietparteien ausgezogen. Wir, die verbliebenen Bewohner*innen, haben uns zusammengetan, um ein Verbleiben in der Fährstraße 71 zu ermöglichen. Die aktuelle Wohnsituation in Hamburg ist dramatisch. Wir wollen den noch bezahlbaren Wohn- und Lebensraum nicht durch Spekulationen mit Wohnraum verlieren.

