Nach der Schließung der Chirurgie und der Notaufnahme Groß-Sand – Wie wird sich die gesundheitliche Versorgung weiter entwickeln?

Wo stehen die Verhandlungen? Der Erwerb der Grundstücke läuft. Noch ist nichts abgeschlossen. Dazu hatte der Regionalausschuss Wilhelmsburg/Veddel Vertreter*innen der Sozialbehörde und der Wilhelmsburger Ärzteschaft am 24. September 2025 auf den Malteser Campus eingeladen

Wegen der vielen Besucher*innen tagte der Regionalausschuss Wilhelmsburg/Veddel im Malteser Campus . Foto: M. Groß

Zu Beginn der Sitzung gab der Vorsitzende des Regionalausschusses, Michael Weinreich (SPD) bekannt, dass die übliche halbstündige Fragestunde entfalle und die Beteiligung der Öffentlichkeit zu dem Tagesordnungspunkt „Neue Stadtteilklinik Groß Sand – Wie geht es weiter nach der Schließung durch das Bistum?“ zugelassen werde. Dazu erteilte er als Erstem Marco Kellerhof, dem Leiter des Amts für Gesundheit, das Wort.

Verkauft das Erzbistum Hamburg Groß-Sand an die Stadt?

Marco Kellerhof erklärte, dass es in Zukunft viel mehr Angebote ambulanter Versorgung geben solle. Für alte Menschen oder Menschen in der Obdachlosigkeit würden Beobachtungsplätze vorgesehen. Könne ein Krankenhausaufenthalt geplant werden, dann dort, wo die größte Erfahrung, die größte Kompetenz und spezialisiertes Personal vorhanden sei. Die Notfallversorgung in der Zukunft sehe so aus: „Selbst anrufen, dann losgehen!“. Meistens könne man vorab klären, wie dringend die medizinische Versorgung benötigt werde und wo die Patient*innen am besten aufgehoben wären – : Ob der Besuch eines*r Notarztes*Notärztin nötig sei, ob ein Besuch in einer ärztlichen Praxis am nächsten Tag ausreiche oder ob eine Einlieferung in die Notaufnahme sein müsse. Marco Kellerhof sieht die Chance, auf diesem Feld in Wilhelmsburg, als Folge der Schließung von Groß-Sand Neues aufzubauen. Er erklärte: „Wir sehen Chancen darin, dass wir in Verhandlung mit dem Erzbistum die Liegenschaft erwerben. Wir haben schon jetzt ein Krankenhauskonzept und prüfen, wie wir das fortsetzen können. Die ambulante Versorgung soll verbessert werden. Wir führen intensive Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Rahmen der Krankenhausreform gibt es für Umgestaltung in erheblichem Umfang Finanzmittel“.

Welche medizinische Versorgung ist möglich und nötig?

Ein Problem sieht Marco Kellerhof beim Krankenhausreformgesetz. Es müsse mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft vereinbart werden, was solche „sektorübergreifenden Versorger“ anbieten dürfen oder nicht. Das müsse bis Ende des Jahres abgeglichen werden. Im Moment seien mindestens Angebote für Innere Medizin und Geriatrie vorgesehen. Weitere ambulante Angebote und Pflege könnten dazu gehören. Mit der KV seien sie im Gespräch, wie das bestehende MVZ Groß-Sand weiter entwickelt werden könne. „Wir wollen dort weitere Fachdisziplinen realisieren. Wir streben an, diese drei Punkte Ende des ersten Quartals 2026 abzuschließen. Zum geeigneten Zeitpunkt komme ich gern wieder zu Ihnen.“

Frau Dr. Sybille Nold, Vorsitzende der Mitarbeitervertretung von Groß-Sand, beklagte: „Ende Mai erhielten wir Nachricht von der Schließung. Die Bereiche Neurologie und Geriatrie gehen über ins Marienkrankenhaus in Harburg. Es gibt keine Info, wie es weiter gehen soll. Zunehmend kündigen die Mitarbeiter*innen. Die Befürchtung ist, das Kenntnisse und Expertise verschwinden, bevor es zur Stadtteilklinik kommt.“ Auch Dr. Peter Witzel, Vorsitzender der Wilhelmsburger Ärzteschaft e. V. meinte: „ Die Geschwindigkeit ist existenziell. Das Personal wird nicht mehr für Jahre zu halten sein. Übernehmen Sie das Krankenhaus, bevor die beiden Stationen auch weg sind … Die KV muss Sitze frei machen, wenn es nicht schnell geht mit dem Kauf. Es braucht für den Hamburger Süden ein gesondertes Planrecht. Wenn in ganz Hamburg die Ärzteversorgung sehr gut ist, gilt das nicht für den Hamburger Süden. Es gab in den letzten zehn Jahren deutliche Verluste.“

Es bleiben viele Fragen offen

Wilhelmsburger*innen wollen beteiligt werden. Foto: J. Domnick

Der erste Redner aus dem Publikum wies darauf hin, dass Hamburg wenig getan habe, nach der Schließung der Notaufnahme am 15. Juli 2025 die Lücke zu füllen. Die KV müsse Wilhelmsburg als eigenen Raum sehen. Er stellte den Vergleich auf: „Brauchen wir auf Wilhelmsburg keine Feuerlöscher, weil sie in Neugraben ausreichend haben?“ Was könne eine Stadtteilklinik anbieten? Und telefonische Absprachen in Deutsch? Das sei auf den Elbinseln schwierig. Er regte an, dass alle Parteien im Ausschuss einen Beschluss fassen sollten, dass ein Krankenhaus mit Chirurgie und Notfallpraxis geplant werde. Michael Weinreich wies den Sprecher darauf hin, dass es eine Fragestunde sei und die Besucher*innen keine Statements abgeben sollten.
Das kam nicht gut an.

Im weitere Verlauf machten die Besucher*innen deutlich, wie schwierig die Situation bei Notfällen sei. Das Asklepius Klinikum Harburg melde sich oft wegen Überlastung für die Notfallversorgung ab. In den letzten Tagen gab es dort auch Brände. Wilhelmsburg sei als Insel besonders verwundbar, insbesondere da die Elbbrücken marode seien und es oft wegen Sanierungsarbeiten Einschränkungen gebe. Es sei fahrlässig, die Leute am Telefon zu sortieren. Eine junge Besucherin wies darauf hin, dass Wilhelmsburg mit Ärzten*innen massiv unterversorgt sei. Es gebe lange Warteschlangen. „In den letzten zwei Monaten gab es massives Verkehrschaos. Wo sollen wir in solchen Fällen hin? Das trifft Wilhelmsburg. Menschen entscheiden darüber, die nicht betroffen sind. Es geht nicht um die Gesundheit, sondern um andere Interessen.“ Ein anderer Besucher fand es „grob fahrlässig“, die Notaufnahme zu schließen. Die Offiziellen auf dem Podium hätten keine Ahnung von der konkreten Situation bei der Notfallbetreuung.

Was ist mit der Bürgerbeteiligung?

In seiner Stellungnahme erklärte Marco Kellerhof, dass sie die Entwicklung der Notfallversorgung mit dem Rettungsdienst intensiv im Blick behielten. Es gebe im Moment keine Hinweise darauf, dass Todesfälle drohten. Im August habe es nicht mehr Rettungseinsätze gegeben. Sie behielten das monatlich genau im Blick. Es sei in den letzten Wochen nicht zu großen Problemen gekommen. Im Notfall käme der Rettungswagen und brächte die Kinder ins Marienkrankenhaus. Maria Hilf und Asklepios stünden zur Verfügung.

Weitere Fragen gab es zum MVZ. Was wird nach der Schließung von Groß-Sand sein? Was passiert mit der Radiologie? Was passiert mit dem Fachpersonal? Was passiert mit den Instrumenten? Die Erprobung der STATAMED-Abteilung des Wilhelmsburger Krankenhauses Groß-Sand läuft bis zum 31. März 2026; Wie sieht die Planung für die Zeit danach aus? Zweifel wurden an der Bereitschaft des Katholischen Erzbistums am Verkauf der Liegenschaft an die Stadt und an dem Zeitpunkt der möglichen Übernahme und der Eröffnung einer Stadtteilklinik geäußert. Einigkeit bestand darin, dass Wilhelmsburg eine chirurgische Abteilung und eine Notfallambulanz 24 Stunden an sieben Tagen (24/7) braucht.

Laut Marco Kellerhof werde im Hintergrund ein neues Konzept für Wilhelmsburg entwickelt. Zum Zeitplan gebe es keine Information. Notfallkonzept bedeute nicht eine Notaufnahme 24/7. Nicht in jedem Stadtteil müsse das vorhanden sein. Petra Fischbach, in der Sozialbehörde zuständig für die Versorgungsplanung, beteuerte: „Wir stellen uns den Fragestellungen ( … ) Wir planen, was laut der Gesundheitsreform möglich ist. Groß-Sand hatte eine untergeordnete Rolle in der Notfallversorgung ( … ) Ich bekomme alle Ihre Hinweise ( … ) Jede der Fragen fällt auf ernsthaften Boden.“

Beiräte fordern einen runden Tisch

Im Verlauf der weiteren Sitzung beschloss der Regionalausschuss einstimmig zwei Empfehlungen des Beirats für Stadtteilentwicklung Wilhelmsburg und des Quartiersbeirats Reiherstiegviertel. Die Beiräte empfehlen dem Regionalausschuss Wilhelmsburg/Veddel, sich dafür einzusetzen, dass ein runder Tisch ins Leben gerufen wird, bei dem – unter Beteiligung der Politik, der Verwaltung, der Bürger*innen sowie aller lokalen Akteur*innen im Gesundheitssektor – ein „Gesundheitskonzept Wilhelmsburg“ entwickelt wird. Bis zur Einrichtung eines solchen runden Tisches soll die Beteiligung der Beiräte in Wilhelmsburg durch die Entsendung informierter Vertreter*innen (z. B. des Vorsitzenden des Regionalausschusses ) in die Beiräte sichergestellt werden.

Zu diesem für die Wilhelmsburger*innen wichtigen Thema wären regelmäßige öffentliche Informationen über den Stand der Verhandlungen durch die Sozialbehörde wünschenswert, wie von Marco Kellerhof in dem untenstehenden Video angekündigt.

Ausschnitte aus der Sitzung.
Aufnahme: B. Münsterberg

3 Kommentare zu „Nach der Schließung der Chirurgie und der Notaufnahme Groß-Sand – Wie wird sich die gesundheitliche Versorgung weiter entwickeln?

  1. Moin, was ich auch nicht verstehe ist wieso angeblich die Verhandlungen für den Kauf des Krankenhauses abgebrochen wurden von der Stadt Hamburg obwohl und es hieß wir schauen noch mal woanders. Wenn das stimmt ist es eine absolute Frechheit der Stadt Hamburg.
    Aber das Dilemma fing doch schon damals an als ein Herr Bürgermeister Ole von Beust sich über das Referendum hinweg gesetzt hatte und die Krankenhäuser versilbert hat.
    Soviel zur Mitbestimmung.
    Lieben Gruß Renate Knoblich

  2. Mir fehlt das Krankenhaus Groß Sand und seine Notfallversorgung hier in Wilhelmsburg. Mehrfach dufte ich schon am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, kein Krankenhaus mehr auf der Insel zu haben.
    Im Februar habe ich mir hier auf der Insel den Fuß gebrochen und war auf Hilfe angewiesen. Es gibt keine kurzen Wege mehr in ein Krankenhaus oder zum Notarzt zu kommen.
    Die nächsten Krankenhäuser sind St. Georg oder AK Harburg. Beide sind nur mit erheblichen Zeitaufwand zu erreichen. Wertvolle Zeit, die den Patienten in einem Notfall fehlt.
    Für alles, was der Hausarzt nicht abdeckt, müssen wir die Insel verlassen, oft sind wir dabei auf Hilfe von Dritten angewiesen, was für die Betroffenen einen unötigen Zeit- und Geldaufwand bedeuten kann.
    – Warten auf den Notarzt oder Krankenwagen
    – Transport im Krankenwagen über überfüllte Straßen, kaum ein Durchkommen für den Krankenwagen
    – Warten in einer überfüllten Notaufnahme. Das Warten auf eine Behandlung kann Stunden dauern, als Patient bekommt man so nebenbei eine Auskunft was mit einem passiert ist. Man wird notdürftig versorgt, bekommt ein paar Krücken in die Hand. Es wird einem so ganz nebenbei gesagt, dass der Fuß operiert werden muss und man sich um einen OP-Termin bemühen muss.
    Bei mir hat es drei Wochen gedauert, bis mein Fuß endlich operiert werden konnte. Statt 6 Wochen durfte ich meinen Fuß neun Wochen nicht belasten.
    Auch die Nachsorge ist nicht mehr geregelt, man bekommt eine Überweisung in die Hand gedrückt mit der Ansage: „Nehmen Sie mal ihr Telefon in die Hand und versuchen, einen Termin bei einem Physiotherapeuten zu bekommen“. Man bekommt ein paar Krücken in die Hand und gesagt, dass man mit dem Fuß nicht auftreten darf. Keine Einweisung, wie man mit den Krücken laufen soll.
    Nachsorge, Röntgen, wieder das Gleiche. Termine sind schwer zu bekommen, man erscheint zum Termin, bekommt dann von der Rezeption gesagt, der Termin findet nicht statt, das Personal würde fehlen, wieso ich hier stehen würde, man hätte mir doch eine Nachricht geschickt. Mir ist das inzwischen dreimal passiert, einmal ist meine Überweisung verschwunden.
    Ich wünsche mir „mein“ Krankenhaus zurück. Es kann nicht sein, das man 58.000 Menschen einfach von der ärztlichen Versorgung abschneidet.

  3. Diese Entwicklung zur medizinischen Unterversorgung des gewachsenen Stadtteiles Wilhelmsburg hat sich doch schon seit Jahrzehnten angekündigt.
    Nach meiner Meinung jedoch nicht ganz unschuldig sind auch die Wilhelmsburger und auch die Wilhelmsburger Ärzte selbst gewesen.
    Die Akzeptanz des Wilhelmsburger Krankenhauses hatte ungerechtfertigterweise ihre Grenzen. Sowohl die Patienten, aber auch die zuweisenden Ärzte vertrauten nicht in ausreichendem Maße der Kompetenz der Ärzte im Krankenhaus Groß-Sand, sondern sorgten oftmals lieber für die Einweisung der Patienten in die umliegenden Hamburger Großkrankenhäuser.
    Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn auch meine radiologisch und nuklearmedizinische Praxis der 80ger, 90ger und 2000der Jahre musste einen zunehmenden Schwund der Existenzgrundlage verzeichnen, weil die zuweisenden Ärzte und wohl auch die Wilhelmsburger Patienten sich lieber nach Harburg oder in die Hamburger Innenstadt – in die dortigen Großpraxen – orientierten.
    Auch für eine angestrebte engere Zusammenarbeit der radiologischen Praxis mit dem Krankenhaus Groß-Sand war die Zeit leider noch nicht reif, so daß ich meine Praxis seinerzeit nach Harburg verlegen mußte.
    Bei der Gründung des Vereines Wilhelmsburger Ärzteschaft haben wir die Vision einer soliden Gesamtversorgung der „Inselkleinstadt Wilhelmsburg“ vor Augen gehabt, die unter Einbeziehung des Krankenhauses der Grundversorgung hätte Modellcharakter haben können.
    Dr. Klaus Pauly
    Röntgenpraxis Hamburg Wilhelmsburg

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Marianne Groß

... ist Gründungsmitglied des Wilhelmsburger InselRundblicks e. V. Sie berichtet – soweit möglich – über alles, was sie selbst interessiert und hofft, damit die Leser*innen nicht zu langweilen. Dazu gehören die Veränderungen im Stadtteil, Ökologie und Kultur. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den großen Garten und liebt es, Buchsbäume zu schneiden.

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