Gegen das Vergessen: Die Ausstellung „Zeitkapsel Lagerhaus G“

Die Initiative Dessauer Ufer (IDU) zeigt im Rahmen der Woche des Gedenkens des Bezirks Hamburg-Mitte vom 20. April bis zum 8. Mai 2022 ihre Installation „Zeitkapsel Lagerhaus G“ im Deutschen Hafenmuseum am Standort Schuppen 50A. Neben der Geschichte der Zwangsarbeiter:innen steht die Zukunft eines Lern- und Erinnerungsortes im Fokus.

Auf dem Weg zum Museum weisen die Straßennamen auf die Kolonialgeschichte des Hansahafens hin, Stückgut aus den brutal eroberten Gebieten wurde hier lange Zeit verschifft. Das Geldverdienen am Leid von Menschen hat an diesem Ort eine traurige Tradition. Das Wasser hinter dem Schuppen 50A glitzert an diesem Frühlingsnachmittag in der Sonne, einige Besucher:innen bestaunen den Viermaster „Peking“. Schräg gegenüber ist ein langgezogener roter Klinkerbau erkennbar, ein kleiner Anleger führt zum Wasser. Das Lagerhaus G.

Zwangsarbeit, Unterernährung, Folter und Tod

Das Lagerhaus G im Hansahafen aufdem Kleinen Grasbrook
Das Lagerhaus G im Hansahafen auf dem Kleinen Grasbrook.
Foto: Rainer Viertlböck, 2020, Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte

In den Jahren 1944/45 nutzte die nationalsozialistische „Schutzstaffel“ (SS) den 24.000 Quadratmeter großen Speicher als Außenlager des KZ Neuengamme für mehrere tausend aus den Konzentrationslagern Auschwitz und Lodz deportierte Häftlinge. Sie mussten von dort aus, unter menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen, im Rahmen des sogenannten „Geilenberg-Programms“ Bau– und Aufräumarbeiten, unter anderem bei den Hamburger Wasserwerken, bei Mineralölfirmen und neben weiteren Hafenbetrieben auch bei der Reichsbahn verrichten. Die Verantwortung für ihren Einsatz lag bei der Stadt Hamburg und ihren Behörden.

Viele der Inhaftierten, zu Beginn rund 2.000 Frauen, erlagen Krankheiten, Unterernährung und der Brutalität der Wärter:innen. Auch Folter und Hinrichtungen haben hier stattgefunden. Mindestens 150 männliche KZ-Häftlinge kamen im Herbst 1944 in Haus 1 und 2 während eines alliierten Luftangriffs, bei dem das sogenannte Krankenrevier getroffen wurde, ums Leben.
Das Lagerhaus G ist einer der wenigen Orte im Stadtgebiet, der das grausame Ausmaß der NS-Zwangsarbeit im Hafen eindrücklich verdeutlicht. Hier einen Erinnerungsort zu erschaffen, könnte eine Leerstelle in der Hamburger Erinnerungskultur füllen.

Konflikt ums Gedenken

Dass die IDU ihre Ausstellung nicht im Lagerhaus selbst zeigen kann, zeigt, wie schwierig Erinnerungskultur und Gedenken bis heute sind. Obwohl sich die Initiative seit 2017 für den Erhalt des Gebäudes auf dem Kleinen Grasbrook und der Errichtung eines Lern- und Gedenkortes einsetzt, hat sie keinen Zugang zum Lagerhaus G. Seit Jahrzehnten verfällt der riesige, zweiteilige Bau zunehmend. Weil die Stadt die Verantwortung in Privatbesitz abgeschoben hat und sich auch die verschiedenen Akteure, die sich für ein würdiges Gedenken einsetzen, nicht immer einig sind, erinnerten lange Zeit nur die wenigen Überlebenden an seine Geschichte. Außerdem liegt das Areal in dem damaligen Freihafengebiet, das für Außenstehende bis 2013 nicht zugänglich war.


Das Lagerhaus G wurde 1903 bis 1907 von der Hamburger Hafen- und Lagerhausaktiengesellschaft (HHLA) als Speicher für sogenannte Kolonialwaren wie Kaffee, Tabak und Tee im Auftrag des Tabakunternehmers Reemtsma auf Eichenpfählen errichtet, die im Wasser versenkt wurden. Durch die vielen Elbvertiefungen und den Klimawandel fallen diese jedoch immer wieder frei und kommen so mit Sauerstoff in Verbindung, sodass sie immer weiter verfaulen. Außerdem rosten die Ringanker, an denen die innere Holzkonstruktion des Gebäudes mit der Außenmauer verbunden ist, und sprengen sie so an mehr und mehr Stellen.

Ohne Sanierung verfällt das ehemalige KZ-Außenlager zunehmend.
Ohne Sanierung verfällt das ehemalige KZ Außenlager zunehmend.
Foto: Initiative Dessauer Ufer

Verfall eines Zeitzeugnisses

Das Legerhaus G wurde bis 1992 als kommerzieller Speicher genutzt
Das Lagerhaus G wurde bis 1992 als kommerzieller Speicher genutzt.
Foto: Jennifer Domnick

Nach dem Krieg wurde 1950/51 ein Abschnitt des zerbombten Stückgutlagers wieder aufgebaut, Reemtsma sowie die Firma Hälssen & Lyon (Tee) nutzten den Schreckensort weiter als kommerzielle Mieter des städtischen Unternehmens Hamburger Hafen- und Lagerhaus-Aktiengesellschaft, heute Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA), bis 1992. Diese stellte vier Jahre später einen Abrissantrag, die Kulturbehörde und das Denkmalschutzamt griffen ein und verhinderten den Abriss. Doch jahrzehntelang haben sich weder sie, noch der Bezirk um das letzte, baulich vollständig erhaltene, Außenlager des KZ Neuengamme gekümmert, von dem es in und um Hamburg herum etwa 90 gegeben hat. Und dass, obwohl es 1998 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Die HHLA verkaufte das Gebäude-Ensemble stattdessen 1997 an die private LG Lagerhaus GmbH. Der damalige Geschäftsführer, der Kaufmann und Kapitän Lothar Lukas, erwarb es mit der Auflage, den Bau von Grund auf zu sanieren. Lukas zeigte Interesse an einem möglichen Gedenkort, verstarb jedoch 2017. Der von den Erben eingesetzte Geschäftsführer meldete zum Ende desselben Jahres Insolvenz an. Eine internationale Investorengruppe übernahm, doch 2018, nach der Ablehnung der HHLA, das Gebäude zurückzunehmen, erwarb die Lagerhaus G Heritage KG das geschichtsträchtige Bauwerk. Die Stiftung wurde nach eigenen Angaben gegründet, um mit den Nachfahren der hier an diesem Ort zu Tode gebrachten oder misshandelten Menschen zu gedenken und sich ihrer zu erinnern. Seither konnten immerhin zwei überlebende Frauen den Ort besuchen, an dem sie bei jedem Bombenangriff im Keller bis zur Hüfte im Wasser standen.

Gerade einmal zwei kleine Gedenktafeln mit je zwei Sätzen auf Deutsch und Englisch, sowie ein einziger Stolperstein für die hier ermordete Insassin Margarethe Müller, weisen seit 1988 auf die grausame Geschichte des Ortes hin, an dem insgesamt ca. 5.000 tschechische, ungarische, polnische, italienische und sowjetische Frauen und Männer, Jüd*innen, Kriegs- und politische Gefangene unter den Augen der ansässigen Bevölkerung leiden und auch sterben mussten.

Alternative Gedenkkonzepte entwickeln

Der Kleine Grasbrook steht nun im Fokus der Hamburger Stadtplanung, die im ehemaligen Freihafengebiet ein neues Wohn- und Gewerbeviertel errichten möchte (WIR berichteten). Der Grund und Boden, auf dem das Lagerhaus G steht, wurde im Rahmen der Neugestaltung des Kleinen Grasbrooks von der HHLA an die HafenCity GmbH übergeben. Im Entwicklungsplan der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen ist der Standort zwar als „Gedenkstätte“ markiert, Genaueres ist ihm aber nicht zu entnehmen. Weder die HafenCity GmbH, die federführend bei der Planung des neuen Stadtteils ist, noch die Heritage KG sind mit der IDU im regelmäßigen Austausch. Auch wartet die Heritage KG immer noch auf einen Mietvertrag, wie sie auf ihrer Website schreibt.

Jon Kornell (li.) und Lisa Hellriegel von der IDU führen durch die Ausstellung
Jon Kornell (li.) und Lisa Hellriegel von der IDU führen durch die Ausstellung
Foto: Jennifer Domnick (WIR)

Aktuell hat auch noch die Zuständigkeit der Behörden gewechselt (WIR berichteten), weil der Senat die Bebauungsplanung und Bauaufsicht für den Grasbrook und die nördliche Veddel dem Bezirksamt Hamburg-Mitte entzogen und der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) übertragen hat.

Die Initiative Dessauer Ufer ruft in ihrer Broschüre indes dazu auf, über alternative Konzepte nachzudenken, den Speicher „mit Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft“ zu füllen. Sie hat den Anspruch, eine Debatte um die zukünftige Nutzung des Lagerhauses voranzutreiben, bei der die vielfältigen und sozialen Bedarfe der angrenzenden Stadtteile Veddel und Wilhelmsburg mit den Anforderungen würdigen und verantwortungsvollen Umgangs eines Lern- und Gedenkortes miteinander verknüpft werden. So finden sich in der Ausstellung eine Masterarbeit, die verschiedene Szenarien einer Nutzung durchspielt, und ein „Utopiegang“, auf dem die Besucher:innen die Vision der IDU für das Lagerhaus G Schritt für Schritt begehen können. Auf keinen Fall soll sich der Umgang des Senats mit den Orten des NS-Verbrechens in Hamburg, wie im Fall des Stadthauses oder des Hannoverschen Bahnhofs, wiederholen.
Dafür müsste der Speicher zunächst von Expert:innen quasi archäologisch erforscht und anschließend saniert werden:
Schon bei notdürftigen Erhaltungsarbeiten Ende der 1990er Jahre wurden versteckte Utensilien der Inhaftierten, zum Beispiel ein Aluminiumlöffel mit eingeritzten Initialen, sowie ein Locher aus den 1940er Jahren entdeckt, der wahrscheinlich von Kapos (Funktionshäftlinge in KZs, die andere Inhaftierte beaufsichtigen mussten) verwendet wurde. Sogar die Inschrift eines sowjetischen Gefangenen samt Jahreszahl und Namensnennung kam in Betonfragmenten zum Vorschein. Auch ein von den Bewachern, zumeist Bedienstete des Hamburger Zolls, genutzter Verschlag samt Einrichtungsbestandteilen steht dort noch herum, bedeckt von einer dicken Staubschicht – unbeachtet und unerforscht.

Ausstellung Zeitkapsel Lagerhaus G
Im Rahmen von „Mitten unter uns“- Gedenkwoche des Bezirks Hamburg-Mitte

Kostenfreie Führungen am 22.04. um 16 Uhr sowie am 30.04. um 15 Uhr
Podiumsdiskussion am 7. Mai um 15 Uhr
Ausstellung vom 20. April bis 4. Mai 2022 im Deutschen Hafenmuseum, Standort Schuppen 50A, zu dessen Öffnungszeiten und Eintrittspreisen.

*Alle Fotos, soweit nicht anders beschrieben, mit freundlicher Genehmigung der Initiative Dessauer Ufer*

Jenny Domnick

Als freiberufliche Texterin und gesellschafts-politisch aktive Person ist sie viel im Internet unterwegs, unternimmt aber auch gerne Streifzüge am und im Wasser. Wenn's pladdert, müssen ihre Freund*innen als Testesser*innen für ihre Hobby-Kochkünste herhalten.

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