Wer braucht schon eine Notaufnahme? Wilhelmsburg reagiert konsequent auf veränderte Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen auf den Elbinseln
Vorsicht, Satire!
Seit der Schließung des Krankenhauses Groß-Sand erfolgt die Versorgung von Notfällen nicht mehr direkt im Stadtteil. Patient*innen werden in die Krankenhäuser Harburg und St. Georg transportiert. Durch die derzeitige Verkehrssituation rund um die Elbbrücken (Sperrung der Freihafen-Elbbrücke, Einschränkung der B75-Elbbrücke) kann dies im Einzelfall eine halbe Stunde oder auch gern mal ein kleines Bisschen mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Aber bei uns weiß man sich zu helfen!
In Wilhelmsburg finden regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse statt. Innerhalb von neun Unterrichtsstunden erwerben Teilnehmende dort Kompetenzen, die bislang ausschließlich medizinischem Fachpersonal vorbehalten waren (oder jedenfalls so ähnlich).
Neben stabiler Seitenlage und Wiederbelebung wird vor allem eines vermittelt: Handlungssicherheit. Das Prinzip ist einfach. Wenn professionelle Hilfe später eintrifft, muss vorher eben professionell angefangen werden, neben Dreieckstuch und Mullbinden gehören zukünftig Skalpell, Knochensäge und ein Nähnadel-Set zur Erstausstattung.
Beobachter*innen gehen davon aus, dass sich auf dieser Grundlage mittelfristig neue Versorgungsstrukturen etablieren lassen. Während Rettungskräfte unterwegs sind, kann vor Ort bereits das Operationsbesteck zum Einsatz kommen. Ein ausreichend großer Tisch, gute Beleuchtung und ein*e entschlossene*r Erste-Hilfe-Scheininhaber*in mit dem Skalpell in der Hand schaffen hier eine solide Basis.
Die klassische Trennung zwischen Laienhilfe und klinischer Behandlung wird damit behutsam modernisiert. Medizin wird wieder näher an die Menschen gebracht – dahin, wo sie gebraucht wird: nach Hause, in die Betriebe im Hafen oder notfalls auch in die Teeküche.
Dass ein Rettungswagen durch die aktuellen Baustellen und Einschränkungen 30 Minuten oder mehr benötigt, verliert an Bedeutung. Die Erstversorgung läuft ja bereits. Wenn die Ambulanz dann endlich eintrifft, sind die Ersthelfer*innen oft schon dabei, die Wunden zu vernähen (Ist der Patient/die Patientin bei Bewusstsein kann er/sie sogar aus fünf verschiedenen Nähgarn-Farben wählen. Das war in Groß-Sand zum Beispiel nie möglich!).
Wilhelmsburg zeigt damit, wie Eigenverantwortung im Gesundheitswesen praktisch aussehen kann:
früher vollwertiges Krankenhaus mit Notaufnahme, heute engagierte Bürger*innen mit Kurszertifikat und erweiterten Möglichkeiten.
Anmerkung:
Die Mitglieder der Redaktion des eWIR halten 1.-Hilfe-Kurse für wichtig. Wir empfehlen allen Menschen, nicht nur auf den Elbinseln, die Teilnahme und regelmäßige Auffrischung.
Die Rechtslage sieht so aus: Wer hilft und Fehler macht, wird nicht belangt. Wer aus Angst, Fehler zu machen, nicht hilft, macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig.
1.-Hilfe-Kurse geben Sicherheit.
Zum Beispiel hier gibt es regelmäßig 1.-Hilfe-Kurse in Wilhelmsburg

