Das Büro für egenseitige GlücksMissionen

Ein unterhaltsames kleines Buch mit dem Anspruch, die Welt ein bisschen glücklicher zu machen

Der Kellnerin ein aufrichtiges Kompliment für ihr herzliches Lächeln machen. Der Frau mit dem Rollstuhl bei strömendem Regen helfen, den Bus noch zu kriegen. Das Angebot kostenloser Umarmungen in der Fußgängerzone. Müllsammeln im Park. Merkt ihr was? Schon beim Lesen dieser kleinen Alltagsgesten werden wir ein kleines bisschen glücklich.

Aus der Bücherhalle habe ich mir Die Glücksagenten von Cécile Pardi ausgeliehen.

Cécile Pardi
Die Glücksagenten
Paris 2019, deutsche Ausgabe 2026 bei Hoffmann und Campe Verlag
Übersetzerin: Sabine Schwenk
20,00 Euro

Perrine war Buchhalterin, ist 50+ und seit kurzem arbeitslos. Sie lebt in einer französischen Kleinstadt (aber sie könnte auch auf einer Insel mitten in Hamburg leben). Auf ihre zahlreichen Bewerbungen bekommt sie oft nicht mal eine Absage. Zum Glück verdient ihr Mann ausreichend, um beiden ein einfaches Leben zu finanzieren. Doch Perrine sehnt sich nach Struktur und einer sinnstiftenden Aufgabe. Sie rafft sich auf, ihr Haus regelmäßig für Spaziergänge zu verlassen. Bei einem Spaziergang findet sie einen verwahrlosten Hund. Nach einer Dusche, den Resten aus dem Kühlschrank und einem Schläfchen entpuppt sich der Hund als Foxterrierhündin. Perrine beschließt, die Hündin zu behalten und gibt ihr den Namen Fanette.

Eine Hand hält das Buch. Im Hintergrund Bäume und eine Wiese. Foto: Meret Büchner
Ein Buch für einen schönen Nachmittag im Park. Foto: Meret Büchner

Am nächsten Morgen fällt es Perrine ganz leicht, das Haus zu verlassen und sie merkt sofort, dass der kleine Hund ihre Beziehung zu anderen Personen verändert. Wie ein kleiner Sonnenschein flitzt der Hund nun durch Perrines Tage. Menschen sind netter zu Perrine. Und Perrine beschließt sofort, diese Nettigkeiten weiterzugeben. Für den Anfang beschließt sie, jeden Tag jemandem ein Kompliment zu machen. Einzige Regel: Es muss ehrlich sein!

Weil sie nicht weiß, wer den kleinen Balkon gegenüber von ihrem Lieblingscafé so schön bepflanzt hat, schreibt sie das Kompliment auf ein Kärtchen und wirft es in den passenden Briefkasten. Stufe zwei ist gezündet, zu den mündlichen Komplimenten kommen jeden Tag einige Karten in Briefkästen.

Perrine beschließt, dass das nun ihr neuer Job ist. Ihr Ehemann wird zum Mäzen des Büros für Gegenseitige GlücksMissionen (GGM) und schenkt ihr sogar Visiten- und Postkarten. Natürlich mit der Zeichnung eines Foxterriers.

Als Perrine und Fanette einen schweren Unfall haben, sorgt eine gute Freundin dafür, dass die ganze Geschichte im Lokalblatt (so was wie der Wilhelmsburger InselRundblick, nur in Frankreich und auf Papier …) landet. Und dann kommen körbeweise Briefe. Und aus der Mission einer Einzelkämpferin entstehen mehrere Gruppen und Initiativen: Lesetraining und Fußball spielen im Park. Die Rettung von Fanettes Geschwistern aus der schlimmen Hundezucht eines bösen Menschen. Menschen, die sich Komplimente machen, Umarmungen verschenken und gegenseitig unterstützen.

Das Buch ist sprachlich eher durchschnittlich, das tut aber der schönen Geschichte keinen Abbruch. Vielmehr passt die eher einfache Sprache ganz gut zur Mission des Buches und lenkt auch nicht von der Botschaft ab: Mach jemanden glücklich und die Welt wird schöner.

Einiges in dem Buch ist zu rosig gezeichnet: Wie sich die obdachlosen Menschen in der Kleinstadt integrieren, dass das Krankenhaus unkompliziert einen Weg findet, wie die kleine Hundemeute den Kranken Trost spenden kann. Dass keine Helikopter-Eltern auftauchen, um zu verhindern, dass ihre Kinder im Park Müll sammeln … Aber Romane dürfen das. Romane dürfen die Welt durch eine rosa Brille betrachten und uns Leser*innen damit kleine Nischen schaffen.

Random Acts of Kindness (Kleine Aufmerksamkeiten im Alltag)

Anfang der 2000er Jahre erfuhr ich von der globalen Initiative Random Acts of Kindness. Jemand spendiert einer fremden Person einen Kaffee, verschenkt eine Blume oder ein Kompliment. Eine Tür wird extra lange aufgehalten, man bückt sich für jemanden anders, man schenkt fremden Menschen ganz allgemein ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hab schon häufiger Anläufe genommen: Wenn mir der aufregende Nagellack der Lidl-Kassiererin auffällt, dann sage ich ihr das. Wenn mir ein*e Autofahrer*in entspannt meine Vorfahrt auf dem Rad gewährt, dann bedanke ich mich mit dem Heben meiner Hand und einem Lächeln. Wenn mir ein offener Schnürsenkel auffällt, dann weise ich die Person darauf hin, denn ich möchte nicht, dass jemand fällt. (Aber oft genug fällt mir nur Negatives auf und ich meckere deutlich mehr als gut ist.)

Das Buch ist also für mich persönlich eine Erinnerung, wieder aufmerksamer für das Gute zu werden. Die Glücksagenten hat nur 180 Seiten, ich bin Schnellleserin und hatte es nach gut zwei Stunden schon ausgelesen. Im Epilog appelliert die Autorin natürlich an die Leserschaft, es Perrine und ihren neuen Freund*innen gleichzutun. Und statt Ende steht ganz am Ende des Buches: Anfang. Eine nette Idee!

Liebe Leser*innen dieses Artikels, habt ihr solche Random Acts of Kindness erlebt? Habt ihr im Park oder im Café nette Leute kennengelernt? Wie war das? Hat euch schon mal jemand ganz unkompliziert aus der Patsche geholfen? Wir suchen immer nach schönen Geschichten aus dem Stadtteil! Schickt uns eure Geschichten per E-Mail.

Wenn ihr noch Anregungen habt, wie wir alle schnell kleine Freundlichkeitsgesten in den Alltag kriegen, nutzt die Kommentarfunktion hier unter diesem Artikel.

Du willst jetzt ganz schnell eine kleine Freundlichkeit loswerden? Der Wilhelmsburger Inselrundblick kann nur überleben, wenn mehr Menschen unsere Arbeit mit einem (kleinen) Beitrag auf unser Konto wertschätzen. Stichwort: „WIR unterstützen“, IBAN DE85200505501263126391, Hamburger Sparkasse

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Meret Büchner

… fährt meistens mit dem Fahrrad in die Redaktion. Sie liest ca. 100 Bücher im Jahr. Außerdem kocht, backt und (balkon-)gärtnert sie gern.

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