Bausenatorin droht zur Durchsetzung des Bebauungsplans Wilhelmsburg 102 („Spreehafenviertel“) mit dem Mittel der Evokation

Eine Presseerklärung der Initiative Waldretter*innen Wilhelmsburg

Das Bündnis WiWa bleibt!, die Hamburger Naturschutzverbände und viele Wilhelmsburger*innen setzen sich seit mehr als acht Jahren für den Erhalt des 10 Hektar großen Wilden Waldes am nördlichen Rand des Reiherstiegviertels ein. So auch die am längsten engagierte Initiative Waldretter*innen Wilhelmsburg.

Mitglieder der Initiative mussten kürzlich im Gespräch mit der Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Karen Pein (SPD), erfahren, dass auch für dieses (IBA-)Projekt die Evokation im Raum steht: „Wir als Senat werden das Projekt im Falle des Scheiterns einer Abstimmung in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte evozieren“, so die Senatorin. Die Umsetzung des „Spreehafenviertels“ – und somit die Rodung des Wilden Waldes – stehe nicht mehr zur Diskussion.

Evokation bedeutet, dass der Senat die Entscheidung über ein bezirkliches Bauvorhaben an sich zieht. Der Senat evoziert immer dann, wenn ein Bezirk nicht in seinem Sinne entscheiden will. Die eigentlich zuständige Bezirksversammlung wird also entmachtet. Im Zusammenhang mit dem „Spreehafenviertel“ beträfe dieses Vorgehen den Bezirk Hamburg-Mitte.

Noch im Oktober 2025 hat Simone Dornia, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der GRÜNEN-Bürgerschaftsfraktion, in ihrem Statement zum sogenannten Hamburger Wohnungsbau-Turbo betont: „Die Bezirke bleiben dabei unverzichtbare Entscheidungsträger mit ihrer Expertise vor Ort. Klar ist: Hamburg wird keine unkontrollierte Ausweitung auf Naturflächen zulassen, sondern die Innenentwicklung gezielt vorantreiben“. Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu der von Senatorin Pein jetzt gegenüber den Waldretter*innen getätigten.

Was bedeutet das für die Expert*innen-Anhörung zum Wilden Wald?

Im Angesicht der morgigen, vom Hauptausschuss der Bezirksversammlung angesetzten Öffentlichen Expert*innen-Anhörung zum Wilden Wald/„Spreehafenviertel“ zeugt die Aussage der Senatorin ganz konkret von Missachtung der bezirklichen Verwaltung und ihrer Verfahren und von mangelndem Respekt gegenüber demokratischen Instrumenten und engagierten Bürger*innen.

Mit jeder Evokation eines Bezirks-Beschlusses wird die Entscheidungshoheit der Hamburger Bezirksversammlungen schwer in Frage gestellt. Regelrecht negiert wird sie aber, wenn die Evokation schon vorausgesetzt wird, obwohl der Entscheidungsprozess noch mitten im Lauf ist. Das wertet tatsächlich alle politischen, fachlichen und formalen Bemühungen der bezirklichen Organe und aller Beteiligten (TÖB, lokale Initiativen, engagierte Bürger*innen) herab. Auch und gerade die Öffentliche Anhörung, die ja ganz explizit der Meinungsbildung auf allen Seiten und einer konstruktiven Diskussion dienen soll.

Wider besseres Wissen

Unserer Ansicht nach ist das Ansinnen der Evokation zum Thema Wilder Wald ein weiteres Beispiel für die Arroganz der Mächtigen in der Freien und Hansestadt Hamburg. Außerdem stellt sie ein weiteres Exempel von Machtdarstellung wider besseres Wissen dar, weil sie ein schweres Vergehen am gesetzlichen Natur- und Klimaschutz sowie an der Novelle des Grundgesetzes zur Umwelt- und Generationengerechtigkeit aus dem Jahr 2021 wäre.´

Denn mit der jetzigen Androhung einer Evokation durch den SPD-dominierten Senat werden sämtliche Erkenntnisse aus den in Auftrag gegebenen Expertengutachten, den Stellungnahmen der Arbeitsgemeinschaft der Hamburger Naturschutzverbände und sogar die Einschätzung der eigenen Umweltbehörde zum Wilden Wald kurzerhand vom Tisch gewischt. Mit dem Durchdrücken des Bebauungsplans Wilhelmsburg 102 würde der Senat die Rodung eines der letzten Pionier-Wälder Hamburgs zustimmen.

In den hauseigenen Biokartierungen von 2010 und 2019 wird dem Wilden Wald eine „sehr hohe Bedeutung in einem Biotopkomplex, für den lokalen Biotopverbund oder als Puffer“ bescheinigt. Er gilt als „seltener Biotoptyp“, in dem es seltene oder bedrohte Pflanzenarten sowie einige Tierarten, die auf der „Roten Liste“ der bedrohten Arten zu finden sind gibt.

Es gibt Alternativen!

Für Alternativen im Wohnungsbau, gerade in der Innenentwicklung, zeigt sich der Senat wiederholt blind und hält selbst nicht inne bei Bauprojekten, die offensichtlich konträr zu den eigenen Zielen im Natur- und Klimaschutz stehen. Seit mittlerweile neun Jahren weisen die Waldretter*innen Wilhelmsburg gemeinsam mit den Hamburger Naturschutzverbänden (u.a. NABU, Botanischer Verein, SDW und BUND) darauf hin, dass es zahlreiche Alternativen im Bereich der Innenentwicklung und Nachverdichtung im Wohnungsbau gibt.

Die Umwandlung von Gewerbe- und Büroflächen, die Nutzung von Hafenflächen, die aufgeständerte Überbauung von Parkplätzen und eingeschossigen Supermärkten sowie die Priorisierung des „Masterplans Magistralen“ wären, so auch die Meinung aus Kreisen von Wissenschaftler*innen und Stadtplaner*innen, die geeigneten Mittel zur Vermeidung von weiteren Flächenversiegelungen.

Wo bleibt der Aufschrei?

Wir Waldretter*innen fragen uns: Wo bleibt der Aufschrei aller Abgeordneten der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, wenn ihnen ihre vornehmen Rechten zur Flächennutzungs- und Bebauungsplanung vom Hamburger Senat genommen werden sollen? Wo bleibt der Widerstand in der Bürgerschaftsfraktion der GRÜNEN gegen die Naturzerstörung? Auch die GRÜNEN-Basis zeigt an vielen Stellen großes Unverständnis über die erschreckende Diskrepanz zwischen dem Wahlprogramm 2025 und dem Koalitionsvertrag zwischen SPD und GRÜNEN in Hamburg.

Waldretter*innen Wilhelmsburg, 2. Februar 2026

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