Wilhelmsburg braucht wieder ein kompetentes und verlässliches Basis-Krankenhaus und den Ausbau der ambulanten Versorgung
Über 100 Menschen waren zum Leichenschmaus fürs Krankenhaus auf den Bonifatiusplatz gekommen. Dass es nicht mehr waren, zeigt die Mutlosigkeit der Wilhelmsburger*innen. Im Vorfeld hörten die Initiator*innen häufig den Satz: „Das ist doch gelaufen. Das Krankenhaus ist nicht mehr zu retten“.
Doch auch, wenn es ein Leichenschmaus war, geht es jetzt insbesondere um die Forderung nach einem vollwertigen Krankenhaus auf den Elbinseln mit Notfallversorgung, Chirurgie und stationären Angeboten. Ebenso muss die ambulante Versorgung in vielen Bereichen ausgebaut werden. Auf den Elbinseln fehlen unter anderem Psychotherapeut*innen, Chirurg*innen – auch gibt es keine*n Durchgangsärztin oder -arzt mehr – und weitere Fachgebiete.
Wilhelmsburg braucht ein richtiges Krankenhaus
Auf der Kundgebung am 10. April 2026 sprachen für den Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg (ZEW) Hugo Ohle, Vorstand, Hartmut Sauer, ZEW und Mitglied im Förderverein des Wilhelmsburger Krankenhauses Groß-Sand, und die Vorsitzende Berit Münsterberg.
Hugo Ohle erkärte, welche Folgen die Schließung von Groß-Sand für die rund 300.000 Menschen im Hamburger Süden und die vielen Beschäftigten im Hafen und in der lokalen Industrie hätte. Es drohen überfüllte Notaufnahmen in den wenigen umliegenden Krankenhäusern sowie erhebliche Belastungen für Familien, Senior*innen, chronisch Erkrankte und Menschen mit Sprachbarrieren. Sein Fazit: Wer hier lebt und arbeitet, bekommt Hilfe später – und manche vielleicht zu spät. Taylan Arslan übersetzte die Rede ins Türkische.
Hartmut Sauer ging auf die Geschichte des Klinikums ein. Das Krankenhaus sei seit 1950 ein treuer und verlässlicher Begleiter durch die Wirren der Nachkriegszeit gewesen. Und ein wichtiger Ankerpunkt bei Krankheiten, Unfällen oder Katastrophen wie der großen Flut 1962 gewesen. Er verwies auf die Managementfehler und dankte ausdrücklich den engagierten und kompetenten Mitarbeiter*innen. Dabei klammerte er die Leitung und das Bistum ausdrücklich aus. Abschließend forderte er den Hamburger Senat auf: „Stellt uns in Wilhelmsburg wieder eine gute, kompetente und verlässliche Basis-Krankenhausversorgung zur Verfügung. Dieser wachsende Stadtteil hat es verdient – und der gesamte Hamburger Süden gleich mit“.
Die ZEW-Vorsitzende, Berit Münsterberg, ging auf die bedauerliche Entwicklung in dem von der Politik immer wieder vernachlässigten Stadtteil ein. Sie kritisierte, dass das Gesundheitswesen zunehmend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten organisiert werde – zu Lasten der gesundheitlichen Versorgung von uns allen. Sie erinnerte an Versprechen zur Mitsprache, der Aufstockung der Anzahl der Rettungswagen sowie das Konzept für eine Stadtteilklinik, allerdings ohne Chirurgie und Notfallversorgung, bis Anfang 2026. Von dem Wenigen, was angekündigt wurde, sei allerdings im Stadtteil bisher nichts angekommen. Sie verwies zudem auf die gestiegenen Wartezeiten in der Notaufnahme bei Asklepios in Harburg (bis zu 8 Stunden Wartezeit!) und die mangelnde ärztliche Versorgung auf den Elbinseln. Aber sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und erinnert an die Wehrhaftigkeit der Wilhelmsburger*innen: „Unser Kampf um Groß-Sand ist noch nicht verloren. (…) Wilhelmsburg hat immer wieder gezeigt, dass es sich wehren kann, wenn wir nur zusammenkommen und uns einmischen (…)“.
Nicht ganz ernst gemeinte Ideen zur fortschrittlichen Umgestaltung der Gesundheitssituation Wilhelmsburgs stellte Stefan Lorenzen vor, der 16 Jahre in Groß-Sand Pflegelehrer war, vor. Sie gipfelten in der Forderung: „Das Bürgerhaus wird neues Groß-Sand als klassenloses, demokratisch organisiertes Genossenschaftskrankenhaus mit Poliklinik im Besitz der Bevölkerung“.
Unterstützt wurden die Forderungen von Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg durch Beiträge von Kay Jäger, ver.di, sowie Deniz Celik, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Bürgerschaft.
Vom Leichenschmaus zur Leichenfledderei
Am Ende der Veranstaltung lud Lutz Cassel, ZEW, dazu ein, Bilder im Krankenhaus abzuhängen und mitzunehmen. Bilder seines Freundes, des Fotokünstlers Günter Marnau, hängen noch überall im Krankenhaus und im MVZ. Günter Marnau habe zur Leichenfledderei aufgerufen. Jede*r dürfe sich ein Bild abhängen und mitnehmen. Ein „Gutdünken-Preis“ könne als Spende an ZEW gegeben werden. Etliche Protestierende nahmen das Angebot gern an.

Am 9. April 2026 wurde in der Bürgerschaft unter Tagesordnungspunkt 42 über die Zukunft der klinischen Versorgung von Wilhelmsburg diskutiert.
Nur der Antrag 23 03583 von SPD und GRÜNEN – Fortschritte bei der Realisierung der neuen Stadtteilklinik für Wilhelmsburg zu erzielen, Standortfrage in Wilhelmsburg pragmatisch zu handhaben, wurde angenommen.
Am Dienstag, 28. April 2026, um 19 Uhr, lädt die SPD-Fraktion Hamburg Institutionen zu einem Gedankenaustausch zu den aktuellen Entwicklungen rund um das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand ins Hamburger Rathaus, Raum B, ein.
Die Wilhelmsburger SPD- Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft Ali Kazanci (MdHB) und Michael Weinreich (MdHB) wollen mit Gästen und der gesundheitspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion Claudia Loss zu den aktuellen Entwicklungen ins Gespräch kommen. (S. Drucksachen 23/495 und 23/3529) Das Erzbistum hat beschlossen auch die verbliebenen Stationen zu schließen. Gleichzeitig kommt der Verkauf des Grundstücks an die FHH nicht voran. Nachdem die Bürgerschaft die Drucksache 23/495 beschlossen hatte, hat sie nunmehr am 9. April nachgelegt und den Senat gebeten, auch andere Standorte als das Grundstück des Erzbistums in Wilhelmsburg in Erwägung zu ziehen (Drucksache 23/3583).
Die Einladung ist persönlich und nicht übertragbar und für bis zu drei Vertreter:innen ihrer Institution.
Eine Anmeldung ist erforderlich unter info@spd-fraktion.hamburg.de
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