Es braucht nur zwei bis drei Schicksalsschläge

Seit Anfang Januar, also in nur einem Monat, sind in Hamburg mindestens 15 Obdachlose gestorben. Nicht alle sind erfroren, aber die Kälte sorgt dafür, dass sich gesundheitliche Probleme vergrößern

Einer der Gestorbenen war Fiete, genannt „Grinsi“, der am 12. Januar 2026 in der Weimarer Straße in Wilhelmsburg tot aufgefunden wurde. Er ist vermutlich erfroren. Andere Informationen der ermittelnden Polizei sind nicht zu finden. In der Weimarer Straße befindet sich die Suchthilfe-Einrichtung Kodrobs.

Während Obdachlose früher eher zum Bild der Innenstadt gehörten, hat die Verdrängung dazu geführt, dass uns heute auch außerhalb des Zentrums Menschen ohne festen Wohnsitz begegnen. U. a. am Wilhelmsburger Bahnhof halten sich regelmäßig Menschen auf, die Passant*innen um Geld bitten.

In Hamburg leben deutschlandweit im Vergleich die meisten wohnungslosen Menschen. Die letzten Zahlen (Statista) für Hamburg sind von Januar 2024. Damals lebten in Hamburg ca. 31.000 Menschen ohne eigene Wohnung, die in Unterkünften für Obdachlose und Geflüchtete untergebracht waren. Ca. 1.500 Menschen wohnten bei Bekannten oder Familienangehörigen. Und circa 3.720 Obdachlose waren ganz ohne Unterkunft. Die Zahl dürfte sich in den vergangenen zwei Jahren nicht verringert haben.

Die, vermehrt im Winter, zur Verfügung gestellten Schlafplätze der Stadt in Notunterkünften für Obdachlose reichen nicht aus, außerdem berichten Nutzer*innen, die dort übernachten, von Übergriffen und Diebstählen. Und die Einrichtungen sind nur von 17 bis 9:30 Uhr geöffnet. Den ganzen Tag müssen Menschen bei Minustemperaturen draußen verbringen.

Müssen Menschen auf der Straße leben?

Mietschulden sind der häufigste Grund, warum Menschen in Obdachlosigkeit geraten, bei circa 60 Prozent der Obdachlosen war das der Grund, warum sie auf der Straße landeten. In den Sozialen Medien gab es vor einiger Zeit Beiträge, die das sehr treffend beschrieben: „Die meisten von uns sind nur zwei oder drei Schicksalsschläge von Armut und Obdachlosigkeit entfernt.“

Was heißt das konkret? Ein Beispiel könnte so aussehen: Jemand geht sein Leben lang arbeiten, verdient aber nicht viel und hat wenig Geld gespart. Dieser Mensch bekommt eine schwere Krankheit, Krebs zum Beispiel. Nach langer Krankheit verliert er oder sie den Job, landet irgendwann in Grundsicherung. Die Wohnung ist zu groß, das Amt bezahlt nicht alles. Doch eine neue Wohnung findet sich nicht so leicht und der Mensch hat keine Kraft, eine neue zu suchen. Zunächst springt vielleicht der Partner/die Partnerin ein. Doch was, wenn es niemanden (mehr) gibt? Oder wenn es z. B. noch Eltern oder Kinder gibt, diese aber auch schon in Armut und einer sehr kleinen Wohnung leben? Dann kommt es zu Mietschulden und zur Zahlungsunfähigkeit, dann zur Zwangsräumung und alles ist weg. Auch das Dach über dem Kopf.

Die vorherige Regierung aus SPD, Grünen und FDP hatte sich zum Ziel gesetzt, dass es bis 2030 keine Obdachlosen mehr in Deutschland geben soll. Und die aktuelle Koalition aus CDU und SPD hält an diesem Ziel fest. Eine einfache Internetsuche ergibt allerdings, dass es sehr fraglich ist, dass das Ziel erreicht wird. Es fehlt an Wohnungen und Geld, die Zuständigkeiten werden hin und her geschoben und gerade bei der neuen Grundsicherung wird die Miete schnell als Sanktionsmittel eingesetzt.

Housing first

Es gibt eine Alternative zu Obdachlosigkeit und Notunterkünften. Housing first. Das wird in Finnland konsequent praktiziert. Dort bekommen also alle Menschen zuerst einmal eine Wohnung. Auch in anderen Ländern wird es erprobt, sogar in Deutschland gibt es Versuche dazu.

Was ist Housing first?
Statt sich mühsam aus der Obdachlosigkeit in eine eigene Wohnung zurück zu arbeiten, bekommen Wohnungslose (und ggf. ihre Familien) zuerst und bedingungslos eine Wohnung gestellt. Bedingungslos heißt auch, dass sie nicht erst einen Entzug von Alkohol oder andere Drogen machen müssen. Dazu erhalten sie Unterstützung für alle Bereiche des Lebens. Diese Unterstützung können sie annehmen oder ablehnen, eine Bedingung für den Erhalt der Wohnung ist das nicht.
Wikipedia

Wer soll denn das bezahlen?

In einer Studie, die unter dem Titel „Alkoholismus: ,Housing first‘ senkt Versorgungskosten“ im Deutschen Ärzteblatt erschien (nicht mehr online) stand laut Wikipedia folgendes: „Für die Gemeinden bedeutet dies auch eine signifikante Kostenreduktion durch Rückgang von Inhaftierungen, aber vor allem durch die sinkende Nutzung von Rettungsdiensten und anderen medizinischen Versorgungsleistungen. ,Selbst wenn man die Ausgaben für die Unterkunft mit einbezieht, halbierten sich die Gesamtkosten.’“

Warum machen wir es dann nicht?

Es gibt Gruppen, die sagen, Obdachlosigkeit erfüllt einen sozialen Zweck: Sie soll den Menschen, die Arbeit haben und gesund sind, stets vor Augen führen, was passiert, wenn sie einen schlechten Job oder eine Wohnung in schlechtem Zustand ablehnen. Sie soll Angst machen. Und das funktioniert ja auch. Oder?

Foto: Manuel Alvarez from Pixabay

Betteln verboten!

Ebenfalls 2024 führte die Hamburger Hochbahn eine Befragung unter Ihren Fahrgäst*innen durch. Rund 75 Prozent empfanden das Betteln in den Zügen als „äußerst störend, sehr störend oder störend“ nur ein knappes Viertel empfand das Verhalten als „weniger störend, bzw. nicht störend“ oder hat keine Angabe gemacht. Leider wurde dort nicht erhoben, warum das Betteln als störend empfunden wird. Ist es nicht ein Unterschied, ob jemand seine Ruhe haben möchte oder ob jemand nicht sehen möchte, was passiert, wenn man seine Rechnungen von heute auf morgen nicht mehr zahlen kann?

Menschen, die trotz möglicher und machbarer Alternativen zu Obdachlosigkeit und zum Betteln gezwungen sind, verdienen unsere Solidarität. Der NDR hat zusammengetragen, wie man sinnvoll helfen kann. Natürlich können wir nicht jeder bettelnden Person Geld zustecken. Wenn man in dem Fall sagt „Tut mir leid, ich habe selber nichts mehr“, erntet man oft Verständnis. Und die obdachlose Person fühlt sich gesehen.

Beitragsbild: LEEROY Agency from Pixabay

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Meret Büchner

… fährt meistens mit dem Fahrrad in die Redaktion. Sie liest ca. 100 Bücher im Jahr. Außerdem kocht, backt und (balkon-)gärtnert sie gern.

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