Walskelett rettet Elbtower

Der „Kurze Olaf“ soll als Standort für das Naturkundemuseum fertig gebaut werden – auf Kosten der Steuerzahler

Neue Vision: Der Naturkundemuseumstower.
Illustrationen: H. Kahle

Den Bau eines Naturkundemuseums hat die Bürgerschaft vor vier Jahren einstimmig beschlossen. Das ehemalige Museumsgebäude am Steintorwall war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Seither waren die geretteten Exponate auf verschiedene Hamburger Museen verteilt. Sie sollen nun in dem neuen „zukunftsweisenden Naturkundemuseum mit Forschungslaboren und wissenschaftlicher Sammlung“ wieder vereint werden. Grundlage ist ein Staatsvertrag mit dem Land Nordrhein-Westfalen zur Gründung des „Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels” (LIB). Kernbestandteil des Vertrags ist die Errichtung eines modernen Naturkundemuseums, des „Evolutioneums“, in Hamburg.

„Ideales Zuhause“ für das „Evolutioneum”

grasues oberster Tunnesegmernt. Ganz oben ein ovales oranges Cafe-Schild: Rooftop Bar Zum halben Olaf
Und in 199 Meter Höhe auf der Dachterrasse könnte ein Panoramarestaurant eröffnet werden, mit Ausblick über ganz Hamburg. Der Turm ist auch mit nur 50 statt 63 Stockwerken das höchste Gebäude der Stadt. Für den Dachabschluss des verkürzten Elbtowers muss sich der Architekt des Gebäudes, David Chipperfield, aber noch etwas einfallen lassen.

Am Ende der Standortsuche für das Museum, bei der angeblich unter anderem auch ein Baufeld in der HafenCity und das Gruner+Jahr-Gebäude geprüft worden sind, hat sich der Senat nun für den Elbtower als Standort entschieden. Die Senator*innen gerieten in ihren Statements angesichts dieser Wahl ins Schwärmen und der Bürgermeister lobte die „hervorragenden Lage und die markante Architektur“. Die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank freute sich über das „neue Highlight“ für die Stadt. Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal meinte, der Elbtower sei ein „ideales Zuhause“ für das Museum, es werde ein „Leuchtturm des Hamburger Wissenschaftsstandorts“. Es solle nicht nur ein Forschungsstandort auf Exzellenzniveau sein sondern auch ein Publikumsmagnet mit über zehn Millionen Objekten, darunter ein Walskelett (WIR 30.4.25). Erwartet würden 500.000 Besucher*innen im Jahr. In einer bläulichen Computersimulation kann man schon mal in eine große Eingangshalle mit dem Walskelett an der Decke schauen. Auf keinen Fall, so die Wissenschaftssenatorin, sei es um die Rettung des Elbtowers gegangen! Der Haken ist: Das glaubt ihr in Hamburg kaum eine*r.

Der Tower war von Anfang an umstritten

graues Tunnelsegment
Hier könnte ein Luxushotel betrieben werden. 2022 hatte der prominente Schauspieler Robert de Niro im Tower ein Hotel betreiben wollen. Allerdinngs scheidet die Einrichtung von Luxuswohnungen aus. Wohnen im Elbtower ist nach Aussage der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde aufgrund der hohen Lärmbelästigung durch die nahe Autobahn nicht möglich.

Der Elbtower war von Anfang umstritten. Es wurde diskutiert, ob er elegant sei oder vor allem ein gigantomanisches Prestigeprojekt. Der Verein „Prellbock“ wies mehrfach auf die Risiken für die nahen Bahngleise durch das schwere Gebäude auf weichem Grund hin. Vor allem aber wurde – auch in der SPD – das Geschäft mit dem windigen Investor René Benko (zur Zeit Justizanstalt Ziegelstadt, Innsbruck) kritisiert, auf das sich der damalige Bürgermeister Olaf Scholz eingelassen hatte.

Der ehemalige Leiter des Bezirks Mitte, Markus Schreiber, hatte mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Dirk Kienscherf 2022 um vier Kisten Wein gewettet, dass Benko in spätestens zwei Jahren pleite gehen und die halbfertige Ruine das Stadtbild verschandeln würde. Er hat die Wette gewonnen.

Das Museum als rettender Strohhalm für den Investor

graues Tunnelsegment
Zum Beispiel Banken und Versicherungen. Vielleicht zieht ja die Commercial Bank wieder ein. Die Bank war 2022 mit einer Beteiligung von 25 Prozent Ankermieter des geplanten Towers. Der Vertrag stand allerdings in dem Ruch eines betrügerischen Deals, um die Baugenehmigung für den Tower zu erhalten. Die Hamburgische Bürgerschaft hatte die die Genehmigung von einer Vorvermietungsquote von 3o Prozent abhängig gemacht.

Seit Oktober 2023 ruht der Bau. Die Ruine löst Zorn aus und ist zum Gespött geworden (WIR 15.12.23). Die ursprünglichen Mieter*innen wie die „Commercial Bank“, Beratungsfirmen und Versicherungen, sind abgesprungen. Mitinvestor Klaus-Michael Kühne hat sich zurückgezogen.
Der Immobilienunternehmer Dieter Becken, der als exklusiver Verhandlungspartner des Insolvenzverwalters Torsten Martini das Gebäude erwerben will, sucht seit zwei Jahren vergeblich nach Mieter*innen, vor allem nach einem*r „Ankermieter*in“, einem*r Großmieter*in, die*der die Seriosität des Projekts untermauert und dann andere Mieter*innen, z. B. Banken und Hotels, nach sich zieht. Beckens Idee, das geplante Naturkundemuseum solle diese*r „Ankermieter*in“ sein, kann wohl als Griff nach dem rettenden Strohhalm gewertet werden. In der öffentlichen Debatte wurde, unter anderem im Hamburger Abendblatt, gefordert, die Stadt dürfe dieses Prestigeprojekt nicht im Regen stehen lassen.

Bürgermeister Peter Tschentscher hatte allerdings, noch als Reaktion auf die Warnung vor dem zweifelhaften Geschäft, immer wieder versichert und nach der Benko-Pleite bekräftigt: Die Zukunft der Bauruine sei allein Angelegenheit des privaten Investors. Die Stadt werde sich auf keinen Fall an der Rettung des Projekts beteiligen: Es werde kein Cent öffentlicher Gelder in den Elbtower fließen. Vielmehr drohten dem Investor bei mangelndem Baufortschritt vertraglich festgelegte Strafen in Millionenhöhe und die Stadt könne von ihrem Wiederkaufrecht Gebrauch machen (WIR 15.11.23).

Es gilt das gebrochene Wort

Die unteren 12 Stockwerke des Elbtowers bezieht das Naturkundemuseum. Darüber gibt es dann 38 Stockwerke. Hier könnten weitere zahlungskräftige Mieter*innen einziehen.

Nun will die Stadt sich also doch an der Fertigstellung des Elbtowers beteiligen und für 595 Millionen Euro 12 Stockwerke des Wolkenkratzers – fast 50 Prozent der Gesamtfläche – für die Realisierung des Naturkundemuseums kaufen. Den Rest des Turms darüber hätte dann Investor Becken für die Vermietung an Gewerbekund*innen zur Verfügung.
Der Bürgermeister betont, dass die Fertigstellung des Turms in der Verantwortung der privaten Investor*innen bleibe. Über einen Erwerb dieser zwölf Stockwerke hinaus gebe es für die Stadt keine wirtschaftlichen Risiken aus dem Projekt.

Dass es daran begründete Zweifel gibt und neben der zur Schau getragenen Begeisterung öffentliche Empörung über den Wortbruch des Senats laut wurde, kann nicht überraschen. Der CDU-Vorsitzende Dennis Thering warf Peter Tschentscher „Wortbruch“ vor. Ebenso der „Bund der Steuerzahler“. Er warnte vor dem Haushaltrisiko und sprach von einer „verdeckten Beteiligung an einem gescheiterten Prestigeprojekt“. Die letzte Entscheidung hat die Bürgerschaft. Deshalb fordert jetzt die Fraktion der Linken Akteneinsicht in die Unterlagen der Verkaufsverhandlungen. Es geht dabei unter anderem um Informationen über die Überprüfung der Standortalternativen und um die Frage, warum der Senat nicht von seinem Wiederkaufsrecht Gebrauch gemacht habe und welche Risiken die Stadt mit dem Deal tatsächlich eingehe.

Der halbhohe Olaf

Und die Linke fordert Auskunft über eine gewisse Skurrilität des Vertrages mit Investor Becken. Der Turm soll nicht, wie in den letzten Jahren oft gefordert, in der jetzigen Höhe von circa 100 Metern belassen werden. Er soll aber auch nicht, wie ursprünglich geplant, 245 sondern nur noch 199 (!) Meter hoch werden, also um 12 Stockwerke niedriger. Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein gibt als Grund an, so sänken nicht nur die Kosten sondern auch die Vermietungsrisiken. Der Investor muss jetzt, statt für die über dem Museum ursprünglich geplanten 63 Etagen nur noch für 50 Stockwerke Mieter finden. Ob das leicht geht, muss die Zukunft zeigen. Denn bei den zahlungskräftigen internationalen Banken und Versicherungen wurde ja auch mit der Eleganz des schlanken Turms geworben. Und ob der gekappte „halbe Olaf“ noch elegant sein wird, ist ungewiss. Immerhin tröstet Karen Pein, auch der verkürzte „Leuchtturm des Hamburger Wissenschaftsstandortes“ sei immer noch der höchste deutsche Wolkenkratzer außerhalb Frankfurts.

Zwei Leuchttürme

Nebenbei: Nur ein paar 100 Meter entfernt, am anderen Elbufer, soll es dereinst mit dem „Großen Deutschen Hafenmuseum“ ein zweites Leuchtturmprojekt geben, nicht ganz so hoch wie das Naturkundemuseum. Aber das ist in Ordnung. Hamburger*innen wissen: Für die Navigation auf der Elbe braucht es bei den Richtfeuern immer zwei Leuchttürme: Oberfeuer und Unterfeuer.

Ein Gedanke zu „Walskelett rettet Elbtower

  1. Man muss nur lange genug über einem Teller Suppe den Kopf schütteln, um ein Haar darin zu finden.
    Ich frage mich allen ernstes, ob ein Naturkundemuseum nicht allemal besser ist, als eine Bauruine. Wenn man noch länger mit dem Bauen wartet, dann kann man wegen des Rostes in den offenliegenden Anschlussbewehrungen ohnehin nicht mehr weiter arbeiten. Dann ist ein Abriss, von dem niemand etwas hat (außer Kosten für nichts), nicht mehr zu verhindern.
    Dem Senat vorzuwerfen er hätte nicht geprüft, halte ich, ohne Beweis, für schlechten Journalismus. Guter Journalismus sollte frei von eigenen Meinungen und Verschwörungstheorien sein.
    Klar, die CDU fürchtet ein zweites finanzielles Desaster nach ihren Erfahrungen mit der Elbphilharmonie, aber vielleicht sollten sie erst mal abwarten und alle Fakten mit in die Betrachtung einbeziehen.

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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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