Für sein neues Buch „Impulse fürs Leben“ interviewte Wilhelm Kelber-Bretz, der langjährige Direktor von Zirkus Willibald, ehemalige Schüler*innen über ihre Sicht auf ihre Schulzeit

Der Zirkus Willibald und sein Gründer und langjähriger Zirkusdirektor Wilhelm Kelber- Bretz sind feste Größen in der Bildungslandschaft der Elbinseln. Seit 2001 ist der Zirkus ein eigenständiger Programmbereich des Bürgerhauses Wilhelmsburg, seit zwei Jahren als „Zirkus Willibande“. Mit einem großen vielfältigen Angebot an Kursen, Ferienworkshops und öffentlichen Auftritten werden rund 500 Kinder jährlich erreicht. Über die 30 Jahre seines Bestehens haben mehrere tausend Wilhelmsburger Kinder als Akrobat*innen, Jongleur*innen und Clowns beim Zirkus mitgemacht.
Zusatzangebot zum „normalen“ Unterricht
Wilhelm Kelber-Bretz war Lehrer an der Stadtteilschule Wilhelmsburg. Er hat den Zirkus und die Folgeprojekte wie das Zirkustheater „Mimi Loop“ und die Profilklasse ZEBRA an der Stadtteilschule immer auch als ein notwendiges Zusatzangebot zum „normalen“ Schulunterricht betrachtet.
In mehreren Veröffentlichungen, so in der Festschrift „25 Jahre Zirkus Willibald“ und im Buch „Bildungerechtigkeit – zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, betont er, wie wichtig es für Kinder und Pädagog*innen ist, den engen Rahmen der reinen Wissensvermittlung im Schulalltag zu sprengen und unabhängig vom Leistungsdruck Räume für neue Erfahrungen zu schaffen.
Das vorliegende, im September 2025 erschienene Buch “Impulse fürs Leben“ ist gewissermaßen eine Ergänzung. Es ist eine Sammlung von Interviews, mit eingeschobenen Kapiteln zur Geschichte der Projekte und zur Bildungspolitik in Wilhelmsburg. Wilhelm Kelber-Bretz sprach für das Buch mit 15 ehemaligen Schüler*innen. Er wollte wissen, was für sie in ihrer „Zirkuszeit“ wichtig war, und was sie aus dieser Zeit für ihr späteres Leben mitgenommen haben.
Prägende Erlebnisse

Alle Befragten, heute 20- bis 40-jährige Erwachsene, haben die Zeit noch in guter Erinnerung. So berichtet Tugba, dass sie noch viele Zirkusbilder zuhause habe. Sadik meint: „Wir konnten andere Dinge machen als normal und auch mal Quatsch. Das war gerade für uns Jungens wichtig“. Und Sophia, die vor allem für die Betreuung der Kleineren zuständig war, sagt, bei den Aufführungen habe sie alle Probleme in der Klasse vergessen können.
Einige erwähnen als prägendes Erlebnis, vor großem Publikum auf der Bühne gestanden zu haben. Ehemalige Schüler*innen der für das „Eventmanagement“ zuständigen Profilklasse ZEBRA erinnern sich, dass sie hier unter anderem gelernt hätten, selbstbewusst mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Allen zusammen sind die Reisen des Zirkus Willibald und der gute Zusammenhalt der Gruppen im Gedächtnis. „Nach der Peru-Reise wurden wir fast wie Brüder“, sagt Arda.
Positive Geschichten
Wilhelm Kelber-Bretz schränkt in der Einleitung des Buches selber ein: Die Gruppe der 15 Interviewten ist nicht repräsentativ. Zehn von ihnen sind Student*innen oder Akademiker*innen und haben sehr gute Jobs. Wilhelm Kelber-Bretz wollte, wie er sagt „positive Geschichten“ erzählen und aufzeigen, dass die schulischen Projekte eine Grundlage für erfolgreiche Lebenswege sein konnten und weiterhin sein können.
Der Untertitel des Buches lautet „Wie schulische Projekte den Werdegang prägen“. Ob die Zirkuszeit einen ganz konkreten Einfluss auf die Berufswahl hatte, geht aus den Interviews nicht hervor, zwei der Ehemaligen sind allerdings Lehramtsstudenten. Wohl aber wird einmal mehr deutlich, dass die Zeit in den Zirkusprojekten und der ZEBRA-Profilklasse das Selbstvertrauen der Schüler*innen und ihr Selbstbewusstsein im Umgang mit anderen Menschen gestärkt hat und sie heute noch davon profitieren. Und sie haben erfahren, dass Schule mehr sein kann als der „normale Unterricht“.

