20 Jahre Interkultureller Garten – das sind 20 Jahre Begegnung, gemeinsames Lernen und Gestalten in Wilhelmsburg
Temur Mehr und Ruth Lenz. Am 6. April 2006 haben wir den Interkulturellen Garten Hamburg Wilhelmsburg e. V. gegründet. Damals war er noch ein Zwei-Kulturen-Garten mit türkischen und deutschen Mitgliedern – insgesamt zehn Personen. Heute ist der Garten deutlich vielfältiger geworden und wird von Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen gemeinsam gestaltet. Aus diesen Anfängen ist im Laufe der Jahre ein lebendiger, bunter Ort geworden, der von dieser Vielfalt lebt. Zum 10-jährigen Jubiläum haben wir ein schönes, kleines Heft gestaltet, das immer noch zu haben ist. Darin haben wir die Entwicklung des Gartens in den ersten zehn Jahren dargestellt. Wir geben es gerne an interessierte Menschen weiter.
Damit bleiben noch die zweiten zehn Jahre des interkulturellen Gartens, die hier beschrieben werden sollen.

Wie viele Gemeinschaftsorte wurde auch der Garten durch die Corona-Jahre stark belastet. Begegnung, Austausch, voneinander lernen und gemeinsames Feiern waren plötzlich nur noch eingeschränkt möglich. Auch die Auseinandersetzungen um Maskenpflicht, Testen und Impfen machten vor dem Garten nicht halt und kosteten viel Energie. Leider haben wir in dieser Zeit auch einen Todesfall im Garten zu beklagen.
Geschützter Raum in den Corona-Jahren
So belastend diese Phase war, bot der Garten den Mitgliedern während der Pandemie zugleich einen wichtigen geschützten Raum im Freien. Der Garten wurde für Familienfeiern, Grillen und Essen viel von den Mitgliedern genutzt. Da sich jedoch meist nur einzelne Familien im Garten aufhielten, förderte das eher die Vereinzelung als die Gemeinschaft. Der Zusammenhalt wurde nachhaltig gestört.
Die Folgen waren auch nach der Pandemie noch spürbar. Unsere monatlichen Vereinstreffen wurden auch nach der Pandemie nicht gut besucht. Von den damals 32 Mitgliedern kamen nur noch drei zu den Monatstreffen. Die Frage stand im Raum: Müssen wir den Verein auflösen? Besteht kein Interesse mehr, den Verein aktiv mitzugestalten und im Verein mitzuarbeiten?
Dabei spielte nicht nur die Pandemie eine Rolle. Es gab schon immer eine große Fluktuation im Garten. Die Mitglieder sind aus den unterschiedlichsten Gründen aus dem Verein ausgeschieden, z. B. wegen eines Umzugs in eine andere Stadt, veränderter Lebenssituationen, Familienzuwachses, zu kleiner Beete oder weil Mitglieder älter wurden und nicht mehr genug Kraft für die Gartenarbeit hatten. Gerade die langjährigen Mitglieder, die sich in der Flüchtlingsarbeit, im Kräuterbeet, beim Kochbuch, bei gezeichneten Protokollen und bei der Organisation von Ausflügen engagiert hatten, hinterlassen eine große Lücke im Verein.
Neue Mitglieder kommen oft mit viel Motivation in den Garten, merken aber bald, dass sie die Arbeit für Beet und Gemeinschaft zeitlich nicht leisten können, und treten dann wieder aus. Trotz dieser Herausforderungen gibt es im Garten vieles, was geblieben ist und ihn bis heute trägt.
Traditionen und ein neuer Vorstand
Jedes Jahr feiern wir im April das Pflanzenfest und im September das Apfelfest mit vielen Besucher*innen aus dem Stadtteil. Sie werden mit unserem großen, bunten Büfett verwöhnt. Das Apfelfest haben wir 2010 vom BUND übernommen, der es zehn Jahre lang auf dem Jakobsberg durchgeführt hat. Wir setzen die Tradition in kleinerem Rahmen fort.

Neben diesen festen Traditionen gibt es auch in der Gegenwart viele ermutigende Entwicklungen. Im Moment ist der Garten gut aufgestellt. Es hat einen Generationswechsel im Vorstand und bei den Mitgliedern gegeben. Bei der nächsten Vorstandswahl 2027 wird dieser Wechsel im Vorstand vollendet. Besonders schön ist, dass viele junge Menschen den Garten mit frischer Energie gestalten und nutzen wollen. Sie haben einen neuen, größeren Schuppen gebaut und mit großem Engagement ein großes Gewächshaus verwirklicht. Auch der Kompost wird professioneller hergestellt. Der Garten sah letztes Jahr besonders schön und gepflegt aus. Daran wird sichtbar, wie viele fleißige Hände den Garten tragen.
Von der Leinpflanze zum Faden
Diese neue Energie zeigt sich auch in aktuellen Projekten. Wir wollen zusammen mit den Zinnwerken in diesem Jahr Flachs anbauen. Dafür haben wir eine Fläche für Leinpflanzen in unserem Garten vorgesehen. Einige Mitglieder haben schon 2025 bei den Zinnwerken die Leinpflanzen weiter zu einem Faden verarbeitet. Ihre Bilder und Erzählungen haben uns motiviert, in diesem Jahr mitzumachen.
Neben solchen neuen Projekten gibt es natürlich auch Aufgaben, die uns fordern. Bei unserer jüngsten Herausforderung, der Kohlhernie (eine Pflanzenkrankheit, die sich im Boden verbreitet und die Kohlpflanzen angreift), hat sich ein Mitglied schlau gemacht. Er informiert uns und leitet die Maßnahmen an, die jetzt folgen müssen. In den nächsten fünf bis sieben Jahren dürfen wir keinen Kohl und keine anderen Kreuzblütler anbauen, der Boden wird gekalkt, der pH-Wert überwacht und alle werden immer wieder auf die Pflanzen aufmerksam gemacht, die nicht mehr gepflanzt werden dürfen. Es ist eine große Aufgabe in den nächsten Jahren.
Aber das wird uns nicht davon abhalten, das ganze Jahr unser Jubiläum zu feiern. Gerade darin zeigt sich, wie viel Engagement und Zusammenhalt im Garten steckt. Wie schön, dass es uns noch gibt und dass der Garten nach 20 Jahren weiterhin lebt, wächst und sich verändert.
Temur Mehr und Ruth Lenz aus dem Vorstand des Interkulturellen Gartens

