Das war knapp! 800 Quadratmeter Wilder Wald vorerst gerettet

Ein großer Erfolg für das Bündnis Wilder Wald bleibt! und den NABU

Die Ereignisse überschlugen sich in den Tagen zwischen dem 12. und 26. Februar 2026. Am Ende konnte das bedrohte Stück vom Wilden Wald (WiWa), mindestens bis zur nächsten Rodungssaison, gerettet werden. Eine Chronologie der Ereignisse:

Am 12. Februar 2026 wird bekannt, dass der Bezirk Hamburg-Mitte die Baugenehmigung für die Firma „BM Bau“ doch noch erteilt hat. Am 13. Februar reagiert der NABU mit einem Widerspruch gegen die Baugenehmigung (die Entscheidung darüber steht noch immer aus), dieser hat jedoch keine aufschiebende Wirkung. Damit sind 14 Tage vor Ende der Fällsaison (Ende Februar) 800 Quadratmeter des WiWa jederzeit von der Rodung bedroht.

12. Februar

Die Initiativen Wilder Wald bleibt! und Waldretter*innen Wilhelmsburg rufen umgehend zu einer täglichen Mahnwache an der Schlenzigstraße und zu erhöhter Aufmerksamkeit im und am Wald auf (WIR 18.2.26).

⁉️ Noch 0 Tage bis zur Rodung ⁉️
Wir haben heute (12.02.2026) die Info bekommen, dass eine Rodungsgenehmigung vorliegt (wahrscheinlich für die ersten 800m²). Das bedeutet, dass ab sofort gerodet werden darf!
Kommt ab 7 Uhr in den Wald (Ecke Honartsdeicher Weg/Schlenzigstraße), wir sind da und brauchen eure Hilfe.
Es ist sinnvoll, wenn zu jeder Tageszeit Menschen im und um den Wald sind. Wenn ihr Rodungsfahrzeuge/-arbeiten am Wald bemerkt, ruft uns an!
Nur zusammen ist der Wilde Wald zu retten! WIWA BLEIBT!

13. Februar

📢 TÄGLICHE MAHNWACHE‼️
Ab Montag, 16.02.2026, wird es jeden Morgen ab 7 Uhr, eine Mahnwache vor Ort geben. Diese Rodungssaison hat nur noch 13 Tage (ab Montag). Kommt dazu und seid bereit, die Rodung aufzuhalten!
📍 Bushaltestelle Stenzelring
👀 AUGEN OFFEN HALTEN
Geht alle auch weiterhin tagsüber am Wald vorbei und gebt Bescheid, wenn ihr etwas beobachtet!
Der Wilde Wald braucht uns alle JETZT! Wilder Wald bleibt GANZ!

19. Februar

📢 Noch 8 Tage Rodungssaison!🌳
Das Viertel braucht den Wald – der Wald braucht dich! Noch nie war es so ernst, die Bedrohung noch nie so nah. Der NABU hat Widerspruch eingelegt und wir geben noch mal alles!
Zeigt eure Solidarität auf den Straßen, malt Poster, werdet kreativ und seid laut! Protest kann vielfältig sein und fängt im eigenen Küchenfenster an.💚 Wir wollen, dass der Protest für den Wald unübersehbar wird. Machst du mit?
WILDER WALD BLEIBT! GANZ!

Viele Menschen aus dem Viertel und aus dem Bündnis WiWa bleibt! folgen den Aufrufen – an manchen Morgen versammeln sich bis zu 20 Personen in der Eiseskälte neben dem Firmengelände an der Schlenzigstraße, im Viertel tauchen in Fenstern, an Stromkästen oder Häuserwänden Plakate auf und zahlreiche Spaziergänger*innen umrunden den Wald.

23. Februar

Einige Tage bleibt alles ruhig. Dann, am Nachmittag des 23. Februar, der Schock: Eine Baustellenabsperrung wird im Wald gespannt!

❗Rodungsalarm im Wilden Wald❗
Alle Zeichen sprechen dafür, dass morgen (Di., 24.02.2026) die Rodung beginnen wird! Eine Kundgebung wird morgen früh als legale Anlaufstelle angemeldet werden.

Der NABU stellt einen Eilantrag beim Hamburger Verwaltungsgericht, um eine einstweilige Verfügung gegen die Rodung zu erwirken. Der Antrag hat jedoch keine aufschiebende Wirkung. Frederik Schawaller vom NABU-Süd sagt zur Begründung in der Pressemitteilung: „Der Wald bietet im dicht besiedelten Reiherstiegviertel einen unersetzbaren Rückzugsort für Mensch und Natur. Der Wald ist die letzte naturnahe Fläche im Wilhelmsburger Norden und eine der letzten naturnahen Inseln in Wilhelmsburg, nachdem im Zuge der Internationalen Gartenschau weite Teile ehemals naturnaher Flächen in Parkanlagen überführt und Naturbestand durch weitere andere Bauvorhaben beansprucht wurden“.

24. Februar

Am nächsten Morgen versammeln sich schon ab 6 Uhr Menschen zu einer Spontandemo. Ca. 20 Waldbesetzer*innen haben ihre Plätze auf dem bedrohten Waldstück eingenommen. Um kurz nach sechs zeigt sich, dass es wirklich ernst ist:

Bagger mit Harvester wird abgeladen, kommt schnell vorbei!

Um 7 Uhr sind rund 50 Personen zur Protestversammlung gekommen. Wilhelmsburger*innen, Menschen von befreundeten Initiativen, Personen aus dem Bündnis WiWa bleibt!, auch Vertreter*innen des NABU und Malte Siegert, der NABU-Vorsitzende. Nun heißt es warten auf die Entscheidung des Gerichts. Und bis dahin mit Protesten vor dem Wald und Blockaden im Wald die Rodung verhindern.

Im 5-Minuten-Takt fährt Polizei vor, ein Wagen nach dem anderen. Auch eine technische Einheit und speziell ausgebildete Kletter-Polizist*innen kommen an und beginnen, sich auf dem Firmengelände und rund um die 800 Quadratmeter Wald zu gruppieren. Die Stadtteilpolizist*innen vom PK 44 haben gut zu tun, ist es doch ihr Auftrag, die Kommunikation zwischen der Kundgebung und der Einsatzleitung zu organisieren. Wirkliche Informationen bekommen die Protestierenden aber nicht. Und nur, weil sie hartnäckig immer wieder nachfragen, „dürfen“ sie zu guter Letzt dann doch die Baugenehmigung einmal sehen.

Unter den Menschen herrscht Fassungslosigkeit über den martialischen Auftritt der Polizei. Doch sie lassen sich weder provozieren noch einschüchtern. Alle Aufmerksamkeit gilt jetzt den Geschehnissen im Wald und dem Wohlergehen der Aktivist*innen dort. Immer wieder gibt es Sprechchöre in ihre Richtung: „Ihr seid nicht allein!“

Blockade im Wald ist stabil! Kundgebung an der Straße bleibt erreichbar.

Noch immer keine Nachricht vom Gericht. Die Polizei baut einen Zaun um das Gelände auf, bringt Räumgerät in den Wald. Alles sieht danach aus, dass die Menschen aus dem Wald geholt werden sollen, damit die Rodung beginnen kann. Das Gewalt androhende Handeln der Staatsorgane ist erschreckend und völlig unverhältnismäßig.

Polizei baut Zaun auf!

Polizei umzingelt die Leute im Wald!

Dann, um 10 Uhr, endlich die erlösende Nachricht: Das Gericht hat die Rodung vorerst ausgesetzt! Bis es über den 34-seitigen Eilantrag entschieden hat, darf nichts mehr passieren. Etwas später kommt dann die Information, dass das Gericht die Entscheidung über den Eilantrag Donnerstagvormittag treffen wird, dass der Rodungsstopp also bis dahin gilt.

Es herrscht Erleichterung. Ein Aufschub. Doch dann: Die Polizei räumt den Wald trotzdem!

Aber Menschen sind weiterhin im Wald und von Polizei eingekesselt, wir bleiben noch hier!

Die Polizist*innen räumen jetzt die Leute aus dem Wald!

10 Polizist*innen, 1 Zelt.

Sie versuchen die zweite Person vom Baum zu holen, wer gefährdet hier wen?

Die Menschen aus dem Wald werden zunächst festgenommen und in die Werkshalle von „BM Bau“ gebracht. Um 15 Uhr werden die letzten durch den Hinterausgang der Halle freigelassen. Einigen drohen Anzeigen. Andere wurden bei der Räumung verletzt, obwohl sie keinen Widerstand geleistet haben. Alles in allem eine vollkommen unnötige, schlimme Macht- und Gewaltdemonstration des Staates.

Wir haben die Versammlung für heute beendet, der Wald steht noch! Morgen geht’s weiter.
🌱 Zusammen achten wir darauf, dass vor der Entscheidung über den Eilantrag nichts passiert!

25. Februar

Am heutigen Tag bleibt es ruhig.

26. Februar

Am Donnerstagmorgen versammeln sich dann alle voller Anspannung an der Mahnwache. Die Polizei zeigt wieder mehr Präsenz. Der Stadtteilpolizist kommt mit der Nachricht, er habe gehört, dass um 10 Uhr die Entscheidung des Gerichts mitgeteilt werden solle, natürlich „ohne Gewähr“, wie er sagt.

Am Ende erfahren sie es bei der Mahnwache als Erste: Das Verwaltungsgericht hat dem Eilantrag des NABU stattgegeben und die Baugenehmigung für ungültig erklärt! Um 9.40 Uhr heißt es:

WIR HABEN GEWONNEN! Die Baugenehmigung wurde für ungültig erklärt! Es darf NICHT gerodet werden!

Die Erleichterung ist riesengroß! Schon bald kommt der beglaubigte Beschluss des Gerichts als pdf herein. Da steht es nun schwarz auf weiß: Mindestens bis zur nächsten Rodungssaison bleibt der WiWa GANZ! Die Baumaschinen müssen wieder abgezogen werden, die Baustellenabsperrung entfernt, Ruhe kann im Wald einkehren.

Kein Mensch versteht, warum unter diesen Umständen die Polizei plötzlich noch mit ihrer Reiterstaffel ankommt … Vielleicht war sie schon auf dem Weg, bevor sie von dem Gerichtsbeschluss gehört hat? Oder es war für die gegnerische Seite einfach nicht vorstellbar, dass sie im Wilden Wald nicht machen darf, was sie will? Jedenfalls: Es ist eine letzte, unangenehme Machtdemonstration.

Einfach nur noch lächerlich.

An der Mahnwache bleiben Menschen bis zum frühen Abend, immer wieder kommt jemand zum Gratulieren, einmal wird mit Sekt angestoßen. Alle sind froh, die Stimmung ist ruhig. Für Ausgelassenheit sitzt der Schock der vergangenen Tage noch zu tief. Im Wald beginnen die Aufräumarbeiten. Was mit Schnee und Eis begann, endet nun unter der Frühlingssonne und bei heftigem Vogelgezwitscher. Der Wald hat sich selbst wieder.

27./28. Februar

Noch bis Sonnabendvormittag passen die Waldschützer*innen auf, dass das so bleibt. Am Abend wird ein Fest zum Ende der Rodungssaison gefeiert.

Bis zum 1. Oktober 2026 ist (aller Wahrscheinlichkeit nach) erst mal Ruhe. Doch das Ringen um den Erhalt des Kleinods am Ernst-August-Kanal geht weiter. Die Verantwortlichen haben auf der Anhörung am 4. Februar 2026 bekräftigt, an den Plänen für das „Spreehafenviertel“ festhalten zu wollen. Der Widerspruch des NABU vom 13. Februar gegen die Baugenehmigung für den LIG und die Firma „BM Bau“ ist noch nicht beschieden. Auch gibt es noch kein Signal der Bezirksversammlung, zumindest diesen Plan für die 800 Quadratmeter fallen zu lassen.

Alle Fotos: Initiativen Wilder Wald bleibt!, Waldretter*innen Wilhelmsburg.

2 Gedanken zu „Das war knapp! 800 Quadratmeter Wilder Wald vorerst gerettet

  1. Vielen Dank für den ausführlichen Artikel zum Widerstand gegen die Rodung des Wilden Waldes an der Schlenzigstraße und insbes. auch den Link zum Beschluss des Verwaltungsgerichts. Dass es bei der Rodung dieses Teilstücks des Waldes letzten Endes um die Umwandlung in eine asphaltierte Lagerfläche für eine Baufirma geht, hat mich noch zusätzlich empört.
    Danke an alle, die sich so aktiv und mutig eingesetzt haben.
    Susanne Pötz-Neuburger, RAin iR

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Sigrun Clausen

Themen in Worte fassen und Schreiben um der Sprache selbst willen - beides macht sie mit großer Freude. Oft geht es in ihren Texten um das Spannungsfeld von Natur und Kultur. Zur Zeit beschäftigt sie sich vor allem mit der Entstehung von Landschaften und der Lebensweise von Pflanzen. Neben dem Schreiben ist ihr politisches Handeln wichtig.

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