Ein Traditionsverein kämpft sich zurück

SV Vorwärts 93 Ost aus Georgswerder startet Rettungskampagne – zwischen Arbeitergeschichte, Mitgliedersuche und Neustart

Calle Stenzler. Wer durch Georgswerder – von vielen noch liebevoll „Ziegenbek“ genannt – läuft, kennt ihn: den Sportplatz zwischen Deich, Dove Elbe, Kleingärten und Nachbarschaft. Hier spielt der SV Vorwärts 93 Ost – aktuell mit nur einer einzigen Mannschaft. Doch hinter diesem kleinen Kader steckt eine Geschichte, die fast ein ganzes Jahrhundert Wilhelmsburger Alltag widerspiegelt.

Die Anfänge: 1893 am Reiherstieg

1893 wurde im Lokal „Wettern“ am Reiherstieg der älteste Turnverein Wilhelmsburgs gegründet: Vorwärts 93. Geturnt wurde zunächst in einem einfachen Tanzsaal, in dem die Geräte aufgebaut wurden. Der Verein wuchs schnell. Bald entstanden weitere Abteilungen in der Eichenallee (heute Peter-Beenck- Straße), auf Neuhof und in Georgswerder. Aus einer kleinen Turngruppe wurde ein großer Stadtteilverein. Mit dem Wachstum kamen neue Ideen – und der Anschluss an den Arbeiter-Turn- und Sportbund. Besonders in Georgswerder gewann der Fußball ab 1921 an Bedeutung. Nach dem Bau eines eigenen Sportplatzes wollten viele Mitglieder nicht mehr nur turnen, sondern auch Fußball spielen. Die Abteilung Georgswerder wuchs stark und hatte um 1928 bereits über 300 Mitglieder. Die Forderung nach mehr Selbstständigkeit wurde lauter. 1930 war es schließlich so weit: Der SV Vorwärts 93 Ost wurde gegründet – benannt nach seiner Lage im Osten der Elbinsel Wilhelmsburg. Der neue Verein wurde sofort erfolgreich: 1931 erreichte die 1. Herrenmannschaft die Endspielrunde um die Bundesmeisterschaft der Arbeitersportvereine, die Jugend wurde norddeutscher Meister. Georgswerder hatte seinen eigenen Club – Treffpunkt für Sport, Freizeit und Gemeinschaft.

1933: Verbot und Neuanfang

Die Wurzeln des Vereins lagen in der Arbeitersportbewegung. Sport sollte für alle da sein, nicht nur für Wohlhabende. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde diese Bewegung zerschlagen. Vereine wurden zwangsaufgelöst, Vermögen beschlagnahmt. Auch Vorwärts Ost musste seinen Betrieb einstellen – obwohl die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt Tabellenführer der höchsten Hamburger Arbeitersportklasse war. Doch der Sport im Stadtteil lebte weiter. Nach zwei Jahren Pause organisierten sich die Mitglieder unter dem Namen „Sportverein Georgswerder“ neu. Zeitweise trieben wieder bis zu 600 Menschen gemeinsam Sport. Erst im Dezember 1945 konnte sich der Verein offiziell eintragen lassen – und an seinen ursprünglichen Namen und seine Tradition anknüpfen.

Die Nachkriegsjahre: Fußball und Gemeinschaft

Der Fußball wurde nun zum Motor des Vereinslebens. Bis zu 500 Zuschauende kamen zu den Spielen – für Georgswerder ein gesellschaftliches Ereignis. Aus dem Verein ging sogar ein späterer Deutscher Meister hervor: Erwin Piechowiak, später Spieler des HSV. Vorwärts Ost war weit mehr als nur Fußball. Über Jahrzehnte existierten zahlreiche Sparten: Handball, Tischtennis, Turnen, Schwimmen, Volleyball, Gymnastik, Kanu und Aerobic. Der Verein war Treffpunkt für Generationen – ein echtes soziales Zentrum im Stadtteil.

Rückschläge und Veränderungen

In einer Grünanlage steht ein flaches dunkles Holzhaus. Im Vordergrund ein Weg.
Das Vereinsheim entstand in Eigenarbeit.
Fotos: C. Stentzler

Die Sturmflut 1962 traf auch den Verein hart. Viele Anwohnende mussten Georgswerder verlassen, die Mitgliederzahl halbierte sich. 1980 zog der Verein auf den heutigen Platz an der Rahmwerder Straße um. Das Vereinsheim entstand in Eigenarbeit. Auf dem alten Gelände am Niedergeorgswerder Deich wurde später die Wohnsiedlung Georgswerder Ring gebaut – aus ihr stammen bis heute viele Menschen, die im Verein aktiv sind. Doch über die Jahrzehnte schrumpfte der einst große Mehrspartenverein zunehmend.

Heute: Neustart – Vorwärts!

Sommer, hinter Bäumen ist ein Fußballplatz, am Rand stehen Zuschauende und gucken ein Spiel. Im Vordergrund sind Sitzplätze. Foto: Calle Stentzler
Unsere 1. Herren beim ersten Saisonspiel gegen den Moorburger TSV, bald entsteht hier ein neuer Kunstrasen.

Heute existiert nur noch die 1. Herren im Fußball als einzige Mannschaft im Verein. Seit Sommer 2025 arbeitet ein neues Team ehrenamtlich daran, den Verein neu aufzubauen: Strukturen ordnen, Schulden abbauen und wieder Leben auf den Platz bringen. Ein entscheidender Schritt steht bevor: Der Verein erhält einen neuen Kunstrasenplatz. Damit sollen wieder Kinder-, Jugend-, Frauen- und Seniorenteams entstehen – und langfristig auch neue Sportangebote. Besonders im Fokus stehen Angebote für Kinder und Jugendliche, um Räume für Gemeinschaft, Selbstvertrauen und persönliche Entwicklung zu schaffen.

Gesucht werden jetzt:
• Ehrenamtlich Helfende
• Trainer*innen und Schiedsrichter*innen
• Spieler*innen
• Unterstützer*innen aus dem Stadtteil
• Sponsor*innen, die den Weg begleiten möchten

Ziel: Zurück ins Herz des Stadtteils

Vorwärts soll wieder das werden, was er einmal war: ein offener Verein für alle Menschen in Georgswerder und darüber hinaus. Die Rettungskampagne läuft bereits. Alle können helfen – mit Zeit, Ideen oder Unterstützung. Der Verein setzt wieder auf das, was ihn immer getragen hat: die Nachbarschaft. Der Blick geht dabei klar nach vorn: In vier Jahren nähert sich Vorwärts 93 Ost seinem 100-jährigen Bestehen. Das Ziel ist nicht nur, ein Jubiläum zu feiern – sondern bis dahin wieder ein gewachsener, stabiler Traditionsverein zu sein. Ein Verein, den der Stadtteil gemeinsam trägt und mit Stolz feiern kann.

Der Artikel von Calle Stenzler basiert auf umfangreichen Archivunterlagen und zusammengestellten Chroniken aus dem Verein. Ein besonderer Dank gilt Helmut Zschorsch dem Vereinschronisten, dessen sorgfältige Dokumentation diese Aufarbeitung der Geschichte überhaupt erst möglich gemacht hat.

Kontakt & Unterstützung

Habt ihr noch Anekdoten, Fotos oder Materialien aus alten Zeiten von Vorwärts Ost? Meldet euch gerne – wir freuen uns über jedes Stück Vereinsgeschichte!
Ihr erreicht uns unter folgender E-Mail-Adresse: vorwaertsost@tutamail.com
Unser Instagram-Account

Spendenaufruf

Wer den Neustart unterstützen möchte, kann dem Verein auch finanziell helfen. Jeder Beitrag hilft, Vorwärts Ost wieder fest im Stadtteil zu verankern.

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