Waldzerstörung wider besseres Wissen
Bei der gestrigen Anhörung zum Thema Wilder Wald oder „Spreehafenviertel“ versuchten die Befürworter*innen des neuen Wohn- und Gewerbegebiets die Rodung und Bebauung des Waldes als alternativlos darzustellen. Das gelang nicht; schon deshalb, weil aus dem gut 150 Menschen zählenden Publikum eine Reihe gut überlegter Alternativvorschläge kam. Im Verlauf der Veranstaltung wurde deutlich: Es gibt keinen stichhaltigen Grund, den Wilden Wald zu zerstören – wohl aber unterschiedliche Alternativen, die einer fachlichen Überprüfung standhalten würden. Doch Verwaltung, Politik und IBA verweigern sich sogar der Prüfung anderer Ideen. So entsteht der Eindruck, dass die Befürworter*innen der Bebauung ganz bewusst und wider besseres Wissen an den Plänen festhalten.

Ein Bericht von der Anhörung folgt. Darin informieren wir ausführlich über den Verlauf der Veranstaltung und die Inhalte.


Nichts dazu gelernt in Jahrzehnten!
Ich bin in Wilhelmsburg aufgewachsen in den 1950er/60er Jahren, musste dann mit der Familie nach Winsen umziehen, bin aber von dort zum Studium und später beruflich täglich nach Hamburg gefahren.
1970 war Kirchdorf Süd noch extensiv genutztes Weideland (überwiegend Pferde) mit heute fast ausgestorbenen Wiesenvögeln (Brachvogel, Uferschnepfe, Kiebitz, Wachtelkönig). Die ehemalige Ziegelei Georgswerder (heute „Energieberg“) beherbergte die letzte große Trauerseeschwalbenkolonie auf Hamburger Stadtgebiet und wurde mit Hausmüll zugeschüttet (dazwischen unkontrolliert auch immer Chemie-Flüssigabfälle mit den bekannten Folgen).
Als Sechst- oder Siebtklässler waren wir zu zweit beim damaligen Ortsamtsleiter Westphal, der sich 1962 bei der Sturmflut einen Namen gemacht hat (im positiven Sinn!), einem freundlichen älteren Herrn, der aber in Sachen Natur- und Artenschutz ahnungslos war oder uns Jungs für dumm verkaufen wollte: Die Vögel hätten doch das NSG Heuckenlock (einen tideabhängigen Auwald und kein Niedermoor).
Und es ging ja so weiter in Hamburg in den kommenden Jahrzehnten: Mit Altenwerder musste ein ganzer Stadtteil dran glauben. In Schnelsen war eine Grünfläche mit Wäldchen der Erweiterung eines Gewerbegebietes im Weg: Wachtelkönig und etliche Fledermausarten nachgewiesen; egal. „Ausgleichsfläche“ wurde ein Teil des A7-Deckels. Die alten Bäume in der Düppelstraße (Altona) waren einer Fernwärmeleitung im Weg, usw.
Aber Hamburg hat eine Baumschutzsatzung, mit der man kleine Hausbesitzer ziemlich und oft unnötig drangsalieren kann, wie ich von ehemaligen Kollegen weiß. Doppelt weh tut es mit anzusehen, wie sich die von mir (im LK Harburg) mitgegründeten Grünen immer wieder durch Macht und scheinbare Alternativlosigkeit korrumpieren lassen.
Die Veranstaltung war mit rund 150 Teilnehmer*innen so gut besucht, dass man sagen kann, so viele Menschen haben sich noch nie für Lokalpolitik in diesem Raum interessiert. Bei mir ist durch die Aussagen aus der Stadtentwicklungsbehörde, der Verwaltung und der IBA, der Eindruck entstanden, wenn am Spreehafen nicht gebaut wird, kommt der Wohnungsbau in Hamburg zum Erliegen.
Dazu muss man wissen, dass alleine im Stadtteil Wilhelmsburg sich 22 Wohnungsbauprojekte, unterschiedlicher Größe, in Planung befinden. (Vgl. Wohnungsbauprogramm Hamburg-Mitte). In der Verwaltung in Mitte weiß man seit ca. 2012, dass es im Bezirk keine Ausgleichsflächen gibt (Danke, Herr Mathe, für die Bestätigung).
Wenn also Grünflächen, in diesem Fall ein im wahrsten Wortsinn Wilder Wald, platt gemacht werden soll, ist ein Ausgleich dringend nötig. Die Antwort „Pinneberg“ hat mich dann doch sehr erschüttert. Dies insbesondere, da sich Hamburg ja anscheinend krampfhaft bemüht, Hektar für Hektar, Wald zu entwickeln. Hier in Wilhelmsburg gibt es ca. 10 ha Wald sozusagen umsonst, und der soll abgeholzt werden? Es gibt vor Ort Sportanlagen, die verlegt werden sollen, dafür muss der Wald weichen. Es wäre sicher kostengünstiger und schneller, diese zu sanieren. Vor dem Hintergrund verstehe ich nicht, wie es passieren konnte, dass gerade dieses Baufeld überhaupt ausgewählt wurde und so eifrig weiterverfolgt wurde und wird.
Unter Klimaschutzaspekten ist das unverständlich und auch für eine an den Bedürfnissen der Bewohner*innen orientierte Stadtentwicklung, ist es fragwürdig. Das Spreehafenviertel kann nicht die Probleme einer verfehlten Wohnungsbaupolitik retten. Außerdem gehört für mich auch das Thema Verkehrsentwicklung dazu, leider fühlte sich die IBA bei Fragen zu dem Thema nicht angesprochen. Muss man heute noch betonen, dass jede*e Planer*in gern mal über den Tellerrand schauen darf?