Wilhelmsburg gestern, heute, morgen

Jubiläumswochen „350 Jahre Wilhelmsburg“ wurden eröffnet

Der Anfang ist gemacht. Die Eröffnungsfeier am 3. September 2022 im Bürgerhaus Wilhelmsburg war informativ und stilvoll. Im Hinblick auf die kurze Vorbereitungszeit gebührt den Organisator:innen Anke Holtmann und Elke Leppin vom Museum Elbinsel Wilhelmsburg (MEW, zur Zeit „Museum auf Wanderschaft”) sowie Kerstin Lübbert und Andreas Schwarz vom Bürgerhaus Wilhelmsburg (BüWi) besonderer Dank.

Grußworte, Ausstellungen und Interviews

Ralf Neubauer vor dem neuen Transparent 350 Jahre Wilhelmsburg. Auf dem Transarent sind die Herzen über den Rand des Wappens hinaus gesprungen. Neubauer im Sakko mit weißem Hemd und offenem Kragen.
Die Eröffnungsrede hielt Ralf Neubauer, Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte.
Foto: F. Kibat

Das erste Grußwort sprach Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer. Er lobte die Initiativen aus dem Stadtteil, die dafür sorgten, dass die Jubiläumswochen, die noch bis zum 4. Dezember 2022 dauern, mit Leben gefüllt würden.
Plattdeutsche Grußworte überbrachte Freddy Eichling vun de plattdüütsche Stammdisch in de Möhl (De Möhlensnackers).
Anke Holtmann führte in die Geschichte Wilhelmsburgs ein.

Die Eröffnungsfeier wurde musikalisch umrahmt vom Wilhelmsburger Bandonion-Orchester Freundschaft-Harmonie, das in sieben Jahren seinen 100sten Geburtstag feiern kann. Gleichzeitig informierten Transparente und RollUps im Foyer des Bürgerhauses über die Geschichte Wilhelmsburgs (die .pdfs zum Download finden Sie unter diesem Artikel), das „Museum auf Wanderschaft”, die Planung der A26-Ost und über „40 Jahre Kirchdorf-Süd”.

In den Nebenräumen hatten zahlreiche Initiativen und lokale Produzent:innen ihre Stände aufgebaut. Die Windmühle Johanna, WIR vom Wilhelmsburger InselRundblick und das Museum stellten sich vor. Außerdem gab es Honig aus Kirchdorf, Vinyl-Schallplatten und Biere der Wildwuchs-Brauerei. (Eine kleine Fotogalerie finden Sie am Ende dieses Artikels.)

Eine besonders gute Idee waren die Kurzinterviews auf dem Roten Sofa im Foyer zum Gestern, Heute und Morgen.

Gestern

Links Arne Theophil im Interview mit Anke in der Wilhelmsburger Tracht auf der rechten Seite. Anke hat die Haube abgenommen. Sie hängt auf ihrem Rücken. Davor die Mikrofone.
Arne Theophil mit Anke Holtmann.
Foto: L. Amelingmeyer

Arne Theophil, der durch den Nachmittag führte, fing mit der Vergangenheit an. Er interviewte zunächst Anke Holtmann und fragte sie nach ihrer Jugend in den 1940ern im Reiherstiegviertel und ihrer Zeit als Lehrerin an der Schule Perlstieg. Anke lebte in ihrer Jugend in dem Postgebäude an der Veringstraße. Alle in der Nachbarschaft kannten sich. Die Kinder konnten noch zusammen auf der Straße spielen. In der Veringstraße gab es in jedem Haus Geschäfte und an jeder Straßenecke eine Kneipe. Diese waren wie ein Wohnzimmer für die Menschen, die meist in engen Zwei-Zimmer-Wohnungen lebten, oft mit vielen Kindern. Allerdings mussten die Frauen besonders am Ende der Woche, wenn es die Lohntüten gab, aufpassen, dass die Männer nicht zu viel von dem Geld in der Kneipe ließen.
In der Schule ging es damals streng zu. „Autoritär” seien die Lehrer:innen gewesen, so Anke. Jeweils 50 Schüler:innen in drei Parallelklassen seien sie gewesen. Als Anke 1968 selbst Lehrerin wurde, ging es zu Beginn auch noch autoritär zu, aber das änderte sich zum Glück bald. Anke begrüßte die Einführung der Gesamtschulen, die Bedingungen seien dort sehr viel besser gewesen. Obwohl Anke mittlerweile in Harburg wohnt, liegt ihr Wilhelmsburg am Herzen und sie engagiert sich seit Jahren im Musemsverein.

Heute

Arne und Claudia beim Interview vor dem Jubiläums-Transparent mit Mikrofonen.
Arne Theophil mit Claudia Roszak.
Foto: L. Amelingmeyer

Von der Gegenwart erzählte Claudia Roszak vom Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, die – im Gegensatz zu den beiden anderen Interviewpartnerinnen – keine geborene Wilhelmsburgerin ist. Sie ist in Geesthacht geboren. Als sie bei ihren Eltern auszog, fand sie eine Wohnung in der Dierksstraße im Reiherstiegviertel. Die Eltern waren entsetzt und wollten sie nicht mal zur Besichtigung nach Wilhelmsburg fahren lassen. Später wohnte sie sieben Jahre lang mit ihrem heutigen Mann Rainer in der Fährstraße. Der schlechte Ruf von Wilhelmsburg hat sie geärgert. Deshalb hat sie begonnen, sich zu engagieren. Los ging es 1994 mit dem Protest gegen die Müllverbrennungsanlage, die auf Neuhof gebaut werden sollte. In der „Zukunftskonferenz” 2001/2002 leitete Claudia die Arbeitsgruppe „Freizeit und Kultur“. 2002 wurde der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg gegründet, um die weitere Entwicklung Wilhelmsburgs zu verfolgen. Claudia war dabei. Auf die Frage von Arne, was sie hier gehalten habe, antwortete sie: „Es sind die Leute. Wilhelmsburg hat ein inspirierendes Klima, Offenheit, Toleranz, Ehrlichkeit. Man wird genommen, wie man ist. Der Stadtteil ist sehr vielfältig.“ Allerdings waren sich Claudia und Arne einig, dass es nicht einfach ist, all die Wilhelmsburger:innen unterschiedlichster Nationalität zusammen zu bringen.

Morgen

Arne mit Liza-Shirin Colak auf dem Podium.
Arne Theophil mit Liza-Shirin Colak.
Foto: L. Amelingmeyer

Als Jüngste, die den Ausblick in die Zukunft wagen sollte, kam unsere Kollegin Liza-Shirin Colak vom Wilhelmsburger InselRundblick (eWIR) aufs Podium. Sie ist auf Wilhelmsburg geboren, in Georgswerder aufgewachsen, ist hier zur Schule gegangen. Jetzt studiert sie und lebt weiterhin auf Wilhelmsburg. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft ist für sie eine Selbstverständlichkeit, das fängt schon in ihrer eigenen Familie an. Für die Zuhörer:innen war es überraschend zu hören, dass alle Mitschüler:innen aus Lizas Abiturjahrgang noch auf Wilhelmsburg oder zumindest in der Nähe wohnen. Bis vor wenigen Jahren gingen die meisten jungen Leute weg von der Insel, sowie sie mit der Schule fertig waren. Ist Wilhelmsburg also attraktiver für die jüngeren Generationen geworden? Liza hat sich lange keine Gedanken über die Zukunft, über Stadtteilentwicklung und Politik gemacht. Erst seit sie beim WIR mitarbeitet, verfolgt sie, was geschieht. Die vielen Bauprojekte sieht sie skeptisch. Gerade in Georgswerder, wo ihre Großeltern noch immer wohnen, passiert viel und sie fragt sich: „Wird es so gut wie beschrieben?” Sie wünscht sich „Platz für Parks und Förderung der Naturschutzgebiete und dass nicht so viel zugebaut wird. Die Infrastruktur, zum Beispiel ein richtiges Krankenhaus, Freizeitmöglichkeiten und Bildungsangebote müssen mitwachsen.“ „Aber”, so sagt sie, „ich gucke trotzdem hoffnungsvoll in die Zukunft.“

Mitschnitte der Interviews finden Sie hier:

Anke Holtmann
Claudia Roszak
Liza-Shirin Colak

Hier finden Sie die .pdfs der Ausstellung zum Download:
350 Jahre Wilhelmsburg – Industrialisierung
350 Jahre Wilhelmsburg – Herrschaft Wilhelmsburg
350 Jahre Wilhelmsburg – Gegenwart

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Marianne Groß

... ist Gründungsmitglied des Wilhelmsburger InselRundblicks e. V. Sie berichtet – soweit möglich – über alles, was sie selbst interessiert und hofft, damit die Leser*innen nicht zu langweilen. Dazu gehören die Veränderungen im Stadtteil, Ökologie und Kultur. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den großen Garten und liebt es, Buchsbäume zu schneiden.

Alle Beiträge ansehen von Marianne Groß →
Zurück nach oben