StoP! Partnerschaftgewalt. Hilf`auch du mit!

Nach der Unterstützung des StoP-Projektes und der Frauenschutzwohnung durch den Beirat für Stadtteilentwicklung Wilhelmsburg (vgl. den Artikel „Unterstützung des StoP-Projektes durch den Beirat für Stadtteilentwicklung Wilhelmsburg“), haben wir uns nochmal näher mit dem Projekt und den Aktivistinnen beschäftigt und uns bei gutem Wetter mit Kaffee und Tee zu einem kleinen Interview getroffen. Abeba Kiflu als Leiterin des StoP-Projektes Wilhelmsburg, drei Aktivistinnen: Sabriye Alacam, Heba Imam und Nezhat Kartal sowie eine Vertreterin für den Beirat und natürlich WIR waren dabei.

Was als Kurzinterview geplant war, endete in einer hochinteressanten Klönrunde!

Kaum gesessen ging es thematisch schon heiß her. Es wurde berichtet, wie der Stand der Dinge nach der Beiratssitzung ist. Der Antrag auf Förderung ist beim Beirat durch. Jetzt fehlt nur noch das „Go“ der finanziellen Förderung seitens des Bezirksamtes, sodass das StoP-Projekt regelfinanziert werden kann. Den Anstoß dafür gab es von der Parteifraktion der Linken. Jetzt heißt es warten auf endgültige Zusagen.  

Zwischendurch haben WIR es geschafft, einige Fragen zu stellen, um den „formalen“ Teil des Treffens abzuhaken und wieder zurück zur gemütlichen Gesprächsrunde zu kommen.

WIR: Frau Kiflu, Sie sind ja die Leiterin des StoP-Projektes in Wilhelmsburg. Wie kam es dazu? WIR berichtete ja bereits über das Projekt, aber eine kleine Zusammenfassung, gerade nach der lähmenden Lockdown-Situation wäre vielleicht ganz gut?

Frau Kiflu: Ja, das stimmt. Das Projekt startete hier in Wilhelmsburg im September 2019. Es gab und gibt ja auch weitere Netzwerke in Hamburg und ganz Deutschland. Die ursprüngliche Idee kam dabei von Prof. Dr. Sabine Stövesand von der HAW hier in Hamburg. Leider hat uns die Corona-Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht und wir konnten nicht so arbeiten wie geplant. Auch die Bekanntmachung wurde erschwert, da wir keine Werbung auf Stadtteilfesten machen konnten. Dafür liegen in allen öffentlichen Einrichtungen und Beratungsstellen Flyer aus, um sich wenigstens so zu informieren.

WIR: Was sind denn „typische“ Aufgaben? Wie sieht die Arbeit im StoP-Projekt aus?

Frau Kiflu gab das Wort an die Aktivistinnen ab, welche lebhaft ihre Arbeit schilderten. Betont wurde dabei immer, dass es sich um Arbeit aus vollster Überzeugung handelt. Denn viele der Aktivistinnen haben selbst häusliche Gewalt erlebt oder sind dabei, sich aus so einer Situation zu befreien. Das Verständnis und persönliche Erleben erleichtert dabei die Arbeit mit den betroffenen Frauen.

Aktivistinnen des Projektes: Nun, unsere Aufgaben sind so vielfältig! Wir hören zu, sind als emotionale Unterstützung dabei, wenn es zu Gerichtsterminen kommt, helfen bei der Organisation von Betreuung im Notfall, klären auf, helfen beim Ausfüllen von Anträgen, bieten praktische und schnelle Lebenshilfe, wenn die Behörden sich zu viel Zeit lassen.
Aber wir bieten nicht nur Hilfe für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, sondern wollen auch innerhalb der Nachbarschaft Aufmerksamkeit schaffen, sich zu engagieren. Denn sobald es zu Gewalt kommt, ist es ein Fall von Menschenrechtsverletzung. Da darf man einfach nicht wegschauen! Und die traumatisierenden Folgen für die Kinder dürfen dabei auch nicht in den Hintergrund geraten. Leider wird dieser Aspekt vom Familiengericht nicht stärker beachtet. Dabei ist es ein tiefgreifendes und prägendes Erlebnis, wenn Kinder sehen, wie die Mutter vom Vater geschlagen oder erniedrigt wird. Gerade hier in Wilhelmsburg ist es schwierig. Jeder kennt jeden. Da hat man oft Hemmungen sich „einzumischen“, um die Situation nicht noch zu verschärfen oder die Frau in noch mehr Gefahr zu bringen. Der soziale Druck ist hoch. Aber genau dieses Eingreifen ist oftmals die Rettung. Man hört zum Beispiel Schreie oder dumpfe Geräusche aus der Nachbarwohnung? Dann könnte man „ahnungslos“ klingeln und nach Milch oder Mehl fragen, was zufällig nicht mehr im Haus ist. Oder eben direkt die Polizei rufen, wenn man das Gefühl hat, die Situation eskaliert. Seinen eigenen Namen muss man dabei ja nicht nennen.

WIR: Wer ist denn konkret die Zielgruppe des Projektes?

Frau Kiflu: Nun, hauptsächlich ist es ein Gemeinwesen-Projekt und soll die Solidarität und Gemeinschaft in der Nachbarschaft ansprechen. Genauso unterstützen wir aber auch Frauen, die in einer gewaltvollen Partnerschaft leben und Rat brauchen. Vielleicht steht schon der Plan, den Mann zu verlassen oder diese Erkenntnis ist noch nicht da. Dazu sollte man auch nicht drängen. Leider ist es nicht nur durch das soziale Umfeld, sondern auch ein strukturelles Problem, dass Frauen eher geraten wird, „es auszuhalten“, sich nochmal zu vergegenwärtigen was man alles „verlieren“ würde, z. B. das Auto, Sicherheit, das Haus. Und wie es den Kindern gehen würde! Oftmals ist es so, dass die Männer in der Öffentlichkeit total nett sind und man es den betroffenen Frauen kaum glaubt, dass sie Gewalt erleben. Das kann so tief wirken, dass die Frauen dann oftmals selbst zweifeln und die Schuld und Gründe bei sich suchen …

„Die Frau hat niemals Schuld! Das Beste was sie tun kann, ist es sich zu trennen!! Aber diese Erkenntnis muss sie selbst erst haben, wir können ihr das nicht einreden. Die Frau bestimmt das Tempo!“, ruft eine der Aktivistinnen dazwischen- und spricht dabei aus Erfahrung. 

Die Hauptzielgruppe sind jedoch Nachbar:innen. Ein großes Ziel des Projektes ist es, die Gesellschaft für häusliche Gewalt zu sensibilisieren. Nicht länger wegschauen, sondern eingreifen! Dafür werden vom Projekt auch Workshops angeboten. Geplant sind diese vor allem in Schulen und Jugendeinrichtungen, um das Thema präsent zu machen. Ganz konkret ist auch eine weitere Gruppe mit Aktivistinnen geplant. Ein weiteres großes Projekt ist aber auch die Frauenschutzwohnung.

Frau Kiflu: Genau. Die Frauenschutzwohnung ist ein weiterer wichtiger Schritt für das Projekt. Oft ist schnelle Hilfe gefragt, wenn die Frauen beschließen, die Situation zu verlassen. Aber das bedarf eben ein wenig Vorarbeit und Ruhe. Wo bleiben die Kinder, wenn man nur kurz einen amtlichen Termin wahrnehmen muss? Wo können in Ruhe die Dokumente ausgefüllt werden? Die „Flucht“ geplant werden? Dafür ist die Frauenschutzwohnung ein guter Rückzugsort.

WIR: Und was können jetzt alle tun, die nun helfen möchten aber nicht selbst von häuslicher Gewalt betroffen sind?

Von allen Seiten wurden direkt Tipps und Ratschläge laut. Jede der Aktivistinnen kannte sich genau mit dieser Frage bestens aus. WIR haben mal ein wenig gesammelt und sortiert, falls unter den Leser:innen nun jemand ist, der sich auch aus Überzeugung gegen partnerschaftliche und häusliche Gewalt einsetzten möchte.

  • Sobald man als Nachbar:in das Gefühl hat, dass die Geräusche aus der Nachbarwohnung auf Gewalt hindeuten (z.B. ein Wimmern, Schreie oder gar Schläge) die Polizei rufen!
  • Oder durch eine „banale“ Bitte, wie nach Mehl oder Eiern, die Situation unterbrechen.
  • Auch andere Nachbar:innen animieren, nicht wegzuschauen, sondern ebenfalls einzugreifen. Je stärker das Gefühl der Solidarität mit Frauen innerhalb der Gemeinschaft ist, desto leichter fällt es, die Situation zu verlassen.
  • Jedoch keine „Held:innenaktionen“ starten! Wenn man bemerkt, dass vielleicht ein Messer oder Waffen im Spiel sind, unbedingt die Polizei rufen! Die Helfer:innen selbst sollen sich nicht auch noch in Gefahr begeben.

Die abschließenden Worte der Klönrunde verdeutlichten noch einmal die Wichtigkeit des Themas: „Vielleicht ist es nochmal ganz wichtig zu sagen, warum dieses Projekt so nötig ist: Über 81% Prozent der Opfer in Deutschland von partnerschaftlicher Gewalt sind Frauen! Also fast jede dritte Frau, dabei liegt die Dunkelziffer noch viel höher. Allein in diesem Jahr gab es bereits drei Femizide (tödliche Gewalt gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts) in Hamburg. Das sind Zahlen, die man nicht einfach so hinnehmen darf. Der gefährlichste Moment für eine Frau ist, wenn sie ihrem Partner sagt, dass sie sich trennen möchte. Dann eskaliert die Situation meistens komplett. Dabei darf man diese Taten nicht länger als Beziehungsdramen verharmlosen oder ein „Familienunglück“ nennen. Setzt man sich mit dem Gewaltverhalten nicht konkret auseinander, wird es immer weitere Opfer geben. Denn Femizide und die Gewalt an Frauen sind nicht länger Privatsache, sondern Menschenrechtsverletzungen!“

Wichtige Links und Hilfen:

StoP Partnergewalt Wilhelmsburg

https://www.hilfetelefon.de/das-hilfetelefon/beratung/online-beratung.html

24-Stunden Hotline: „Gewalt gegen Frauen“ Tel. 08000 116 016

Frauenschutzhäuser in Hamburg: https://hamburgerfrauenhaeuser.de/index.php?id=18&L=0

Allgemeine Infos:

https://www.hamburg.de/gewalt-gegen-frauen/

https://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt/

Liza-Shirin Colak

Liza-Shirin Colak schreibt als jüngstes WIR-Mitglied besonders über Stadtteilentwicklung, Nachhaltigkeit und lokale Insel-Insider.

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