Vorschläge für Ihre Herbstferien-Lektüre

Millennials in zu großen Altbauwohnungen

Mit spitzer Zunge und spitzen Worten beschreibt die Autorin Sophie Passmann in „Komplett Gänsehaut“ das unerträgliche Sein der Millennial-Generation, die unglücklich und allein in deutschen Großstädten lebt

Liza-Shirin Colak. Die namenlose Ich-Erzählerin, es lässt sich vermuten es ist Frau Passmann selbst, sitzt auf dem Parkettboden ihrer minimalistisch gehaltenen Altbauwohnung, sinniert über das Leben und die alltägliche Selbstinszenierung. Sei es der teure Wein, der gekauft wird, um zu beeindrucken oder das selbstgemachte Risotto, um zu zeigen oder gar zu beweisen, dass man das Leben im Griff hat. Denn so machen es ja alle.
Es wird analysiert; von der Wohnung über die Straße bis zur Stadt. Immer schwingt ein Schwall Selbstmitleid (oder Selbsthass?) mit. Das gute, privilegierte Leben und die Kindheit in einer gutbürgerlichen deutschen Mittelstandsfamilie werden belächelt, kritisiert und mit viel Zynismus betrachtet.
Die Ich-Erzählerin freundet sich im Laufe der Geschichte mit einem 13-jährigen Nachbarskind an und leiht sich Brettspiele vom Rentner nebenan: Sinnbildlich der Kontakt zur Generation X und Z.

Das Buch ist wie eine zu lang geratene Kolumne oder eine tagebuchartige Sammlung von Gedanken. Ohne dramatischen Höhe- oder Wendepunkt, lässt es sich dennoch gut lesen. Die Bissigkeit und verächtliche Haltung gegen sich selbst und die eigene Generation kann man nur mithilfe von viel schwarzem Humor nachvollziehen. Sonst bleiben viele der beschriebenen Situationen unverständlich.

Sophie Passmann beweist nach ihrem erfolgreichen Buch „Alte weiße Männer“, dass sie nicht nur gegen andere austeilen, sondern auch gut Selbstkritik üben kann. Auf 172 Seiten lässt sie die Leser:innenschaft schmunzeln, auflachen und bedauernd den Kopf schütteln. Diese armen Millennials! So jung und so vom guten Leben geplagt!

Komplett Gänsehaut, Sophie Passmann, 172 Seiten, Kiepenheuer & Witsch 2021, 19 Euro

Verlockungen und lebende Labyrinthe

Der britische Biologe Merlin Sheldrake hat ein Buch über das Leben und Wirken von Pilzen geschrieben. Schon während der Lektüre von „Verwobenes Leben“ wird sich Ihr Blick auf die Welt verändern

Der im Herbst sichtbar werdende Fruchtkörper eines Schönfußröhrlings. Foto: pixabay

Sigrun Clausen. Das Buch ist, wie spätestens der Untertitel „Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen“ erkennen lässt, keine Pilzsammel-Fibel für den kommenden Herbst. Im ersten Kapitel „Eine Verlockung“ begibt sich der Autor zwar auf Speisepilzsuche, doch die Faszination für die Eigenheiten des Trüffels ist nur der Ausgangspunkt für die Beschreibung, Erforschung und immer wieder vor allem Befragung des Gesamtphänomens „Pilz“. So lernen wir in diesem ersten Kapitel zum Beispiel, dass unsere Speisepilze nur einen winzigen Teil all jener Organismen, die wir heute als „Pilze“ bezeichnen, ausmachen. Zudem ist das, was wir als „den Steinpilz“ oder „den Champignon“ kennen und essen, nur der Fruchtkörper eines Pilzes, ein zeitweise auftauchender Bestandteil eines viel größeren und unendlich komplexen Lebewesens.

Sheldrake taucht tief in die Materie ein und der lesende Mensch folgt ihm fasziniert immer tiefer und tiefer bis in die feinsten Verästelungen des Pilz-Mycels, Hyphen genannt, die gleichzeitig wachsen, ihre Umwelt erforschen und Botschaften mit anderen Hyphen austauschen. (Das Mycel kann als eine Art Pilz-Wurzelwerk betrachtet werden, auch wenn das nur eine höchst unzulängliche Beschreibung ist).
Ja, Pilze sind forschende, aktiv handelnde, sich orientierende Organismen. Sie sind vielgestaltig und wandelbar. Sie sind riesig groß und winzig klein. Manche produzieren eine Art Tinte (mit dieser Tinte hat Sheldrake die Zeichnungen für das Buch gemacht), andere leuchten im Dunkeln (Tipp: Achten Sie auf den Bucheinband nach dem Löschen der Leselampe). Pilze vertilgen Radioaktivität, Plastik und Steine. Pilze gehen Gemeinschaften mit anderen Organismen ein, sie sind Boten, manchmal auch Parasiten. Sie sind nicht Tier noch Pflanze. Pilze haben vor Jahrmillionen das Leben auf dieser Erde außerhalb des Wassers überhaupt erst möglich gemacht. Manche sind essbar, manche zerstören Nahrung, wieder andere machen high.
Letzteres hat der begeisterte Pilzerforscher natürlich im Selbstversuch ausprobiert – ein hochinteressantes Kapitel in dem Buch.

Allerdings sind alle Kapitel spannend und erhellend, manche sind sehr bewegend – einige fast ein bisschen unheimlich. Liebgewordene naturwissenschaftliche Weltbilder geraten gehörig ins Wanken, und Merlin Sheldrake setzt seine Leser:innen, seine Zunft und sich selbst mit Wonne auf die schaukelndsten Schiffe. Dem jungen Biologen ist ein hochintelligentes populärwissenschaftliches Buch gelungen, das auf keiner Seite langweilig ist. Komplexe Sachverhalte werden aus überraschender Perspektive erklärt, und Sheldrake kommt dabei ganz ohne unzulässige Vermenschlichung und Vereinfachung aus. Besonders hervorzuheben ist auch sein liebevoll-selbstironischer Blick auf das eigene wissenschaftliche Tun und das der Kolleg:innen.

Verwobenes Leben, Merlin Sheldrake, 443 Seiten, Ullstein-Verlag 2020, 29 Euro

Die Autobiografie des Killers

Fans von Stephen Kings Geschichten werden in seinem neuen Roman „Billy Summers“ einige Verweise auf frühere Bücher finden. Allerdings betonen alle Rezensent:innen: Anders als sonst bei Stephen King kommen diesmal keine Gespenster und anderen Monster vor

Hermann Kahle. Die titelgebende Hauptfigur ist ein alternder „guter“ Auftragskiller. Er erschießt nur Widerlinge und andere, die es seiner Meinung nach verdient haben. Sein neuer, mit zwei Millionen Dollar sehr gut bezahlter Auftrag – es soll sein letzter vorm Ruhestand sein – führt ihn in die Kleinstadt Red Bluff. In das dortige Gericht soll mit einem Gefangenentransport ein „böser“ Mörder aus einem anderen Knast überstellt werden. Ihn soll er von einem nahen Büroappartement aus erschießen. Problem: Man weiß nicht, ob der Transport in ein paar Wochen oder erst in Monaten stattfindet. In der langen Wartezeit lebt Billy unter falschem Namen als harmloser Mitbürger und netter Nachbar in Red Bluff. Als Alibi gibt er sich als Schriftsteller aus.

Billy Summers ist ein literarisch gebildeter Killer und so fängt er dann in seinem „Büro“ tatsächlich an, seine Autobiographie zu schreiben. Auf diese Weise entsteht langsam ein Roman im Roman, der sich im Laufe der Geschichte immer weiter mit der realen Handlung überschneidet.

Der eigentliche Auftragsmord passiert erst auf Seite 256 des 720 Seiten dicken Schmökers. Von da an nimmt die Handlung Tempo auf. Summers wird von seinen Auftraggebern betrogen, verfolgt sie und wird selbst verfolgt, begleitet von der jungen Alice, die vor seiner Haustür nach einer Vergewaltigung von ihren Peinigern aus dem Auto geworfen wurde. Die Geschichte wird zum Roadtrip mit weiteren Racheaktionen, Morden, Gewalttaten und Betrachtungen über Killermoral und schließlich mit einem notwendig tragischen Ende. Also: „Billy Summers“, ein spannender Thriller, ein Roadmovie, ein Buch über Schriftstellerei und auch eine Liebesgeschichte. Lesen!

Stephen King, Billy Summers, 720 Seiten, Heyne Verlag, 26 Euro

Nach 16 Jahren mit Mops und Mann in der Uckermark

In seinem Buch „Miss Merkel – Mord in der Uckermark“ lässt David Safier die Ex-Kanzlerin zur entschlossenen Detektivin werden. Ein schöner Lesespass!

Marianne Groß. Bundestagswahl 2021. Deutschland hat einen neuen Kanzler. Und was macht Angela Merkel nach 16 Jahren als Kanzlerin? David Safier stellt sich vor, dass sie mit Mops und Mann in die Uckermark zieht. Natürlich begleitet von ihrem sanften Bodygard Mike, der seine liebe Last damit hat, die eigenwillige Angela zu beschützen. Als der Freiherr Philipp von Baugenwitz vergiftet und bekleidet mit einer Ritterrüstung in einem von innen verriegelten Schlossverlies gefunden wird, wittert Angela sofort Mord und stürzt sich in die Aufklärung. Als auch noch die junge Frau des Freiherrn vom Kirchturm stürzt ähneln die Vorgänge Vorkommnissen aus alten Zeiten derer von Baugenwitz.
Ein sehr kurzweiliges, humorvolles Buch. Stimmt es, dass sich Angela und ihr Mann mit Puscheline und Puschel anreden? Es macht Spaß, die Dialoge zu lesen. Die Ehe von Angela Merkel und Hartmut Sauer kann man sich genau so vorstellen.
Sucht Angela nach einer wahren Freundin in ihrem Leben? Wird sie heimisch in Klein-Freudenstadt? Vielleicht erfahren wir es ja in einem weiteren Band.

David Safier, Miss Merkel – Mord in der Uckermark, 320 Seiten, Rowohlt-Verlag, 16 Euro

Das Schweigen der Generationen

In dem Buch „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel geht es um die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Gegebenheiten und familiären Verhältnissen

Klaus Müller. Jan und seine Eltern sprechen nicht viel über das Heute und erst recht nicht über das Gestern. Als Herr Kern auftaucht, kommt das fragile Gleichgewicht der Familie ins Wanken: Welche Beziehung führte Jans Mutter mit dem Vater von Herrn Kern? Und was haben die Kerns mit der Kunst von Georg Baselitz zu tun? Immer weiter arbeitet sich Jan durch das Schweigen mehrerer Generationen, taucht ein in die Geschichte der Baselitz-Brüder, die Geschichte seiner Eltern und begreift, dass die Gegenwart nicht nur aus der eigenen Vergangenheit besteht.
Behutsam und voller Empathie zeichnet Lukas Rietzschel ein eindrückliches Bild von Menschen, die durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind, und erzählt von Verletzungen, die sich durch Generationen hindurchziehen und scheinbar nie verheilen.
Der Autor versucht die Verschiedenheiten und Spaltungen zwischen Ost- und Westdeutschland nachzuzeichnen. Dabei wird auch die vermeintliche Abhängigkeit von den „Umständen“, also den unterschiedlichen Lebensbedingungen, deutlich.
Den/die Leser:in fordern die Sprünge zwischen den Zeiten, Familien und Personen heraus. Es erfordert schon ein wenig Konzentration, nicht die Verbindungen zu verlieren. Das schadet dem Buch aber nicht. Als Rückschau auf die zwei deutschen Staaten ist es eine empfehlenswerte Lektüre.

Raumfahrer, Lukas Rietzschel, 288 Seiten, dtv-Verlag, 22 Euro

Zurück nach oben