Was tun Sie, Frau Leonhard?

150 Demonstranten versammelten sich am nationalen Tag der Pflege vor dem Hamburger Rathaus. Aufgerufen hatten das „Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus“ und die „Aktion Krankenhaus Groß-Sand bleibt“. Die zahlreichen Wilhelmsburger Teilnehmer:innen forderten: „Wilhelmsburg braucht sein Krankenhaus! Kein Gesundheitskiosk, kein Krankenhaus Light! Groß-Sand in öffentliche Hand!“

„Muss am Ende der Papst eingreifen?“, titelte das Hamburger Abendblatt ungewohnt flapsig in einem Artikel zu der Kundgebung am Tag der Pflege. Das Abendblatt bezog sich auf die „unternehmerische Entscheidung“ des Erzbistums Hamburg, das Wilhelmsburger Krankenhaus zu verhökern, mögliche Schließung inbegriffen. (Der WIR berichtete.) Gut 150 Menschen kamen am 12. April auf dem Rathausmarkt zusammen. Darunter zahlreiche Wilhelmsburger:innen mit Slogans und Transparenten gegen die Schließung von Groß-Sand. Die Moderatorin bat am Anfang um eine Schweigeminute für die Toten der Corona-Pandemie. Die Pandemie habe ein Schlaglicht geworfen auf die mangelhafte Arbeits- und Versorgungssituation, die durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens entstanden sei. Mehrere Redner:innen berichteten über Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen an Hamburger Krankenhäusern. Und über den Versuch der Betreiber, Kritiker:innen der Zustände einzuschüchtern und zu disziplinieren, wie die Krankenschwester und Betriebsrätin Romana Knezevic, der im letzten Dezember nach einem Fernsehinterview von Asklepios gekündigt wurde.

Es gibt Widerstand gegen diese Zustände

Die Demonstranten zeigen auf dem Rahausmarkt die rote Karte
Die rote Karte für Klinikbetreiber und Gesundheitspolitiker. Foto: Hermann Kahle

Aber Anastasia Stumpf, im letzten Jahr eine der Sprecher:innen im Kampf gegen die Schließung der Pflegeschule Groß Sand, fügte auch Beispiele von Widerstand gegen diese Zustände an. Zum Beispiel habe Asklepios nach großer Solidarität und öffentlichem Protest die Kündigung von Romana Knezevic kommentarlos zurückziehen müssen. Der Konzern sei sozusagen „rückwärts aus der Tür geschlichen“. Und in Berlin hätten heute zum Pflegetag die Beschäftigten einer Klinik die Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaft Ver.di habe den landeseigenen Berliner Kliniken mit Streikandrohung ein Ultimatum von 100 Tagen zur Unterzeichnung eines Vertrages über neue Personalbemessung gestellt. Über 8.000 Beschäftigte hätten eine entsprechende Petition unterzeichnet.

Gutsherrliches Vorgehen der Klinikleitung

Oskar Tröger, Krankenpfleger in Groß-Sand, berichtete dann noch einmal über die Schließung der Krankenpflegeschule im letzten Oktober und das gutsherrliche Vorgehen der Klinikleitung bei dieser Maßnahme und bei der aktuellen Umsetzung der Verkaufspläne des Krankenhauses: „Seit dem Bekanntwerden der Verkaufspläne herrscht in der Kommunikation eine Scheintransparenz, es werden Unternehmerinteressen als Grund für die Intransparenz angegeben. Es wird zu Gesprächen eingeladen, welche jedoch im Sande verlaufen. Das alles hat spürbare Auswirkungen auf die Mitarbeiterschaft. Es herrscht eine ständige Ungewissheit über den Fortbestand des Arbeitsplatzes, die familiäre Atmosphäre geht verloren, die Fassade bröckelt. Der Leitspruch des Hauses „Insel der Menschlichkeit“ erscheint in dieser Zeit geradezu zynisch.“

Das UKE als möglicher Träger

Zwei Demonstranten stehen vor dem Rathaus mit einem Transparent: Wilhelmsburg braucht sein Krankenhaus
Symbol des Protestes: Die Faust im grünen OP-Handschuh. Foto: Waltraud Hopfenmüller

Manuel Humburg wies in seinem Redebeitrag auf die besondere Situation in ärmeren Stadtteilen hin und wandte sich direkt an die zuständige Senatorin Melanie Leonhard: „In armen Hamburger Stadtteilen sind die Corona-Zahlen mehr als doppelt so hoch. Der Zusammenhang von sozialer Lage mit Krankheit und Tod gilt auch sonst und ist bestens dokumentiert. Deshalb ist ein sozialer und regionaler Blick auf die gesundheitliche Versorgung in Hamburg so wichtig. Stadtteile wie Wilhelmsburg, die Veddel und Harburg bräuchten mehr und nicht weniger Arztpraxen sowie mehr und nicht weniger Krankenhausbetten als im Durchschnitt. Das Gegenteil ist leider der Fall: In ganz Hamburg gibt es 36 Krankenhäuser. Das bedeutet: ein Krankenhaus für 50.000 Menschen. Südlich der Elbe gibt es nur drei Krankenhäuser. Hier muss ein Haus 75.000 Menschen versorgen. Sollte Groß-Sand wegfallen, gäbe es im Hamburger Süden nur noch zwei Häuser für 230.000 Menschen …“ Und an die Senatorin gerichtet: „ Sie kennen diese Zusammenhänge und fordern den Erhalt von Groß-Sand für die Grund-, Regel- und Notfallversorgung auf der Elbinsel. Das ist sehr erfreulich. Aber was tun Sie, um das auch durchzusetzen? Warum weigern Sie sich immer noch, das UKE als möglichen Träger ins Spiel zu bringen?“

Axel Hopfmann vom Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus sprach dem rot-grünen Senat den Willen zur Verbesserung der Pflegesituation ab. Man könne auf SPD und Grüne in Hamburg in diesem Kampf nicht mehr vertrauen. Man könne nur auf seine eigenen Kräfte bauen und sich auf einen Streik vorbereiten, der auch massiv sein müsse.

Öffentliche Aufmerksamkeit hat die Kritik an den Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und die Forderung zum Erhalt von Groß-Sand allemal. Ein Vertreter des Gesamtbetriebsrats Hafen überbrachte eine Solidaritätserklärung. Und bekräftigte die Bedeutung von Groß-Sand für die Hafenbetriebe. Fernsehen und Zeitungen berichteten über die Kundgebungen auf dem Rathausmarkt – das Hamburger Abendblatt in zwei Artikeln „Rettet die Klinik“. Vom Papst war nicht mehr die Rede.

Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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