Kriegerdenkmal: Die militaristische Botschaft brechen

Ein Kommentar zur künstlerischen Intervention am Kriegerdenkmal an der Emmauskirche (s. Bericht in dieser Ausgabe): Friedens-mahnung in kriegerischen Zeiten

Mehrere Jahre hat die DENKmal-Gruppe im Auftrag der evangelischen Reiherstieg-Gemeinde die Geschichte des Kriegerdenkmals an der Emmauskirche aufgearbeitet und in verschiedenen Veröffentlichungen dokumentiert, unter anderem in der Broschüre „Das Kreuz mit dem Denkmal“ (der WIR berichtete). Darin finden sich Zeugnisse des Hurra-Patriotismus‘ zu Beginn des ersten Weltkrieges und des Revanchismus‘ der Kriegervereine, die in den 20er Jahren die Errichtung des Denkmals betrieben.

Es werden auch die kritischen Stimmen zitiert, unter anderem eine Rede, die der damalige Wilhelmsburger Ortsamtsleiter Hermann Westphal vor dem Kriegerdenkmal an der Emmauskirche am Volkstrauertag 1967 hielt. Darin heißt es: „Heute wissen wir, dass Kriege in unserem technischen Zeitalter sinnlos sind. Wir wissen auch, dass mit Hilfe von Kriegen die Verhältnisse auf unserer Erde nicht verbessert werden, weil jeder beendete Krieg schon den Keim künftiger Konflikte in sich birgt.“ Er nahm in seiner Rede das Denkmal als Mahnung, den militaristischen Geist den es ausstrahlt, nie wieder zuzulassen. Er sagte auch, dass dennoch an vielen Stellen der Erde weiterhin Kriege tobten, die Welt starre vor immer furchtbareren Waffen.

Die von Westphal angemahnte Haltung zu Krieg und Frieden war bei uns nach dem zweiten Weltkrieg lange Zeit breiter gesellschaftlicher Konsens, der erstmals in der Auseinandersetzung um die Beteiligung Deutschlands am Balkankrieg in den 90er Jahren Risse bekam. Mit dem Ukrainekrieg ist die „militaristische Botschaft“ in Deutschland wieder auf der Tagesordnung.

Der Überfall Russlands auf die Ukraine Anfang des Jahres führte nun zu einer dramatischen Abkehr von dieser Haltung zu Krieg und Frieden. Mit dem Schlagwort „Zeitenwende“ wurde über die Auseinandersetzung über Waffenlieferungen an die Ukraine hinaus die bis dahin gültige Politik der Entspannung und der Verhandlungen zur Kriegsvermeidung für einen Irrtum erklärt, teilweise bis zurück zur Politik Willy Brandts. Und verwiesen wurde oft auf den militärischen Sieg der Alliierten über Hitler-Deutschland und das Scheitern der Appeasementpolitik. Kritiker dieses Kurses, die den Weg der Verhandlungen anmahnten, wurde oft unterschiedslos Naivität vorgeworfen, und von den neuen Hardlinern auch schon mal „Lumpenpazifismus“ oder „Unterwerfungspazifismus“. Und einige Boulevardmedien entdeckten ihre Begeisterung für alles Militärische und soldatische Tugenden – bei den Guten.

Wie denn der Weg der Verhandlungen in diesem Krieg begangen werden kann, ist ungewiss. Aber die Beschwörer eines Siegfriedens können auch nicht sagen, wie ihr Weg ausgehen soll. Sicher ist nur, dass das Ende des Sterbens nicht in Sicht ist. Im nächsten Jahr wird das Gegendenkmal, die künstlerische Intervention, an der Kirche eingeweiht. Sie soll die militaristische Botschaft des Kriegerdenkmals brechen. Man sollte bei der Einweihung Hermann Westphals Rede zitieren.

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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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