Von rechts kommt keiner

Nach dem LKW-Brand unter der Bahnbrücke Zweibrückenstraße ist die reguläre S-Bahnverbindung über die Norderelbe unterbrochen. Noch bis mindestens 17. September fahren ersatzweise Busse und Pendelzüge. Der WIR testete die verschiedenen Möglichkeiten, von Wilhelmsburg zum Hauptbahnhof zu kommen

Donnerstagmittag auf dem Bahnsteig in Wilhelmsburg. Zehn Tage, nachdem die Bahnbrücke an der Norderelbe nach einem spektakulären LKW-Brand schwer beschädigt wurde. Nur ein Teil des darüber liegenden S-Bahnhofs Elbbrücken und ein Gleis sind provisorisch nutzbar. Als Ersatz fährt nun ein Pendelzug alle 20 Minuten zwischen Wilhelmsburg und der Station Hammerbrook und ein Shuttle-Bus von der Haltestelle Inselpark bis zur Station Elbbrücken – Weiterfahrt mit der U4 zum Hauptbahnhof.

Der Pendelzug

Viele Menschen laufen über den Bahnsteig von einem Zug zum andern.
Umsteigen in Hammerbrook. Foto: hk.

Der Pendelzug in Wilhelmsburg ist gerade weg. In Lautsprecherdurchsagen wird alle paar Minuten auf den Brand und den Ersatzverkehr hingewiesen: „Der nächste Pendelzug kommt in 15 Minuten”. Währenddessen laufen aus Harburg drei Züge ein, das Gedränge auf dem Bahnsteig wird immer größer. Zwei kleine Gruppen von Dockville-Besucher:innen mit Leichtbollerwagen sind auch schon da. 25 Minuten später kommt der Zug schließlich. Nach einigem Gewusel beim Aus- und Einsteigen geht es im überfüllten Zug in zehn Minuten nach Hammerbrook. An den Haltestellen gibt der Zuglautsprecher den Ausstieg auf der falschen Seite an. Da die Pendel-S3 auf dem Gegengleis fährt ist der Ausstieg z. B. auf dem Bahnhof Veddel nicht links sondern rechts. Es geht aber alles gut. Im Verlauf zeigt sich, dass fast alle Ansagen und Anzeigen in Bus und Bahn nicht auf den Ersatzbetrieb umgestellt wurden und falsche und verwirrende Angaben machen. Beim Umsteigen in Hammerbrook in den gerade einlaufenden Zug vom und zum Hauptbahnhof herrscht wieder großes Gedränge. Auf der Leuchtschrift im Waggon steht: „Zug fährt über Wilhelmsburg nach Neugraben”. Einige springen irritiert wieder auf den Bahnsteig. Schließlich geht es dann nach fünf Minuten Wartezeit in vier Minuten zum Hauptbahnhof.
Die Fahrt von Wilhelmsburg zum Hauptbahnhof, für die die S3 normalerweise zehn Minuten braucht, dauert in diesem Fall 49 Minuten.

Der Metronom

In den Bahnhofsdurchsagen wird empfohlen, man möge auch die Züge des Regionalverkehrs über die Elbe nutzen. Das scheint auf den ersten Blick eine gute Idee zu sein. Der Metronom braucht von Hamburg nach Harburg zehn Minuten, die S3 fährt von dort alle zehn Minuten in fünf Minuten nach Wilhelmsburg. Allerdings muss man die Fahrpläne kennen, die Metronom-Züge fahren im Schnitt nur alle 30 Minuten. WIR haben Glück und müssen nur 15 Minuten warten. Da sich diese Alternative offenbar herumgesprochen hat, ist aber auch zu dieser Mittagszeit der Metronom schon überfüllt. Der Zugführer macht mehrere Durchsagen: „Bitte machen sie die Türbereiche frei, damit wir losfahren können“. So fährt der Zug mit fünf Minuten Verspätung ab, muss aber gleich nach dem Start noch einmal fünf Minuten halten – besetzte Gleise – und erreicht dann zehn Minuten später Harburg. Die S3 nach Wilhelmsburg kommt nach fünf Minuten, muss aber am Bahnhof noch einmal fünf Minuten auf den Gegenzug aus Wilhelmsburg warten. Die Strecke ist als Pendelbetrieb nur eingleisig nutzbar. Weitere fünf Minuten später kommen WIR schließlich wieder in Wilhelmsburg an. Inklusive aller Wartezeiten dauert die Rückfahrt also auch 50 Minuten.

Der Ersatzbus

Eine Metronom-Lokomotive am Bahnsteig mit der Aufschrift: Dein Zug. Dein Auto. deine Region
Der Metronom ist auch keine Empfehlung.
Foto: hk.

Als weitere Alternative wird in der Bahnhofsdurchsage der Ersatzbus bis zur Station Elbbrücken und von dort die Weiterfahrt mit der U4 empfohlen. Auf dem schmalen Fußweg an der Haltestelle Inselpark herrscht am Nachmittag zur Rushhour großes Durcheinander. Unter den Wartenden sind jetzt viele junge Dockville-Besucher:innen auf der Suche nach dem richtigen Bus. Auf einem Pappschild steht der Ersatz-Busfahrplan: „alle zehn Minuten bis Elbbrücken.“ Der Bus kommt schließlich nach gut 20 Minuten. Auf den Leuchtschildern steht “Bus endet hier, bitte nicht einsteigen“. Nach kurzer Ratlosigkeit steigen doch alle ein. Einige kommen nicht mehr mit, drinnen stehen die Fahrgäste dichtgedrängt bis an die Frontscheibe und in die Türbereiche. Der Bus kommt über die Reichsstraße und durch die Veddel ohne Staus voran. An Einmündungen auf der Peute ruft der Busfahrer: „Rechts alles frei?“ Und ein Fahrgast, der zwischen anderen eingeklemmt an der vorderen Tür steht, ruft: „Jo, alles frei, von rechts kommt keiner!“ Die Fahrzeit bis zu den Elbbrücken dauert gut zehn Minuten. Die U4 kommt dann nach fünf Minuten und fährt – nicht so überfüllt wie der andere S3-Ersatz – in weiteren acht Minuten zum Hauptbahnhof Nord. Die gesamte Fahrzeit dauert mit Bus und U4 knapp 45 Minuten. Mit ganz geringem Vorsprung ist dies die „schnellste“ Verbindung.
Der Plan, wie am Morgen mit dem Metronom zurückzufahren, scheitert. Am Gleis 13 auf dem Hauptbahnhof gibt es schon am Donnerstagnachmittag die chaotischen Zustände, die in den Folgetagen Schlagzeilen machen sollen. Die Menge der Wartenden drängt sich vom Bahnsteig die Treppen hinauf bis in die Wandelhalle, Durchkommen unmöglich, Leute von der Security sperren schließlich die Aufgänge ab.

Drei Testfahrten sind natürlich nicht repräsentativ für den Ersatzverkehr nach der dauerhaften Unterbrechung der Verbindung über die Elbe. Bei kürzeren Wartezeiten kann es schneller gehen, andere Wilhelmsburger:innen haben auch noch deutlich länger für die Strecke gebraucht. In der Summe dauert die Fahrt von Elbinseln bis zum Hauptbahnhof bis zu fünfmal so lange wie im regulären Betrieb.

Collage mit Zeitungsschlagzeilen: Ersatzverkehr:Verbesserungen reichen nicht. Der Süden ist abgehängt, Pendler aus dem Süden brauchen starke Nerven.
Schwacher Trost: Die S3 in den Schlagzeilen. Abb: hk.

Es ist nur ein sehr schwacher Trost, dass dieser unhaltbare und absurde Zustand, dessen Ende nicht abzusehen ist, mal wieder das eigentliche Problem auf den Tisch bringt: Diese S-Bahnverbindung ist ohnehin störanfällig: Die Bahnen sind schon im regulären Betrieb häufig überfüllt. Wie die erwarteten weiteren 30.000 Menschen in den geplanten Neubaugebieten in Wilhelmsburg und Harburg auf dieser Strecke befördert werden sollen, weiß keine:r genau. Die seit Jahren geforderte Realisierung der U4 bis auf die Elbinseln schiebt der Senat ins nächste Jahrzehnt, wenn’s gut läuft! Von Alternativen, wie dem immer wieder ins Spiel gebrachten zusätzlichen Bahntunnel entlang der A7-Trasse, ganz zu schweigen. Auch kurzfristig einzurichtende Buslinien stehen nicht auf dem Plan. Der HVV hat für die nächsten Wochen zusätzliche Ersatzbusse angekündigt. Vielleicht kann er dafür auch einen der neuen quietschbunten Beachbusse einsetzen, die seit einer Woche von Eimsbüttel als Linie 113 direkt an die Elbe fahren. Dann wird der Ersatzverkehr von Wilhelmsburg zum Hauptbahnhof wenigstens etwas lustiger.

3 Gedanken zu “Von rechts kommt keiner

  1. Zusätzlich zum Zeitfaktor ist diese ganze Umsteigerei bei den Ersatzverkehrsvarianten doch einfach Wahnsinn. Vor allem, wenn man bedenkt, wie lange das schon geht – und, dass es noch zwei Wochen so gehen soll/muss.
    Für einen kurzfristigen Notfall-SEV fände ich das bestehende System gerade noch in Ordnung, aber für so lange dauernde Schienenersatzverkehre würde ich erwarten, dass die Busse mindestens von Wilhelmsburg (besser Harburg) bis zum Hauptbahnhof durchfahren. Und zwar mit einer Express-Version (Wbg-HBF) und in einer „alle-Stationen“-Version.
    ZUSÄTZLICH zu Pendelverkehr, metronom und Moia (die dürfen jetzt wohl auch auf einer Teilstrecke kostenlos genutzt werden?).

  2. Dass es anfangs chaotisch war, bis sich der HVV bzw. Die Bahn auf die Folgen des Brands einstellen konnte, habe ich ja verstanden. Aber dass auch nach Wochen immer noch nicht mal die Bahn – und Busanzeigen stimmen ist unbegreiflich. Statt weiterer Tunnelgrabereien, die erst in Jahrzehnten etwas bringen, sollte endlich die Stadtbahn kommen! Aber da steht ja ideologische Abwehr seitens der SPD dagegen! Wacht aufgeben! Olaf Scholz kann das jetzt egal sein!

  3. Da Fürchterliche an diesen Bedingungen ist, dass eine wirkliche Verbesserung erst in zwanzig Jahren steht, nämlich eine U4 bis Harburg. Vielleicht haben wir in 10 Jahren die U4 bis Veddel… .
    Das Entsetzliche ist, dass die Verkehrsbedingungen die Sonntagsredner*innen aktiv werden lassen, sonst aber nix – wie z.B. für die „Übergangszeit“ bis zur Fertigstellung einer U4 weit in den Süden einen Eilbusverkehr im 7Min-Takt von Wburg bis Berliner Tor mit Halt nur in Veddel , Süderstr und Berliner Tor.
    Frustrierter ÖPNV – Nutzer
    Jürgen Wunder

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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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