Zum Abschied von Esther Bejarano

Erinnerungen von Lutz Cassel

Am Sonntag, dem 18. Juli 2021 wurde Esther Bejarano auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf unter großer Anteilnahme vieler Bürgerinnen und Bürger und vieler Weggefährten verabschiedet und beigesetzt. Ein würdiger Abschied wurde ihr von mehr als 1000 Gästen bereitet. Rolf Becker, der mit Esther Bejarano brüderlich verbunden war, beschrieb das Leben und Wirken dieser kleinen, großen, mutigen Frau, deren Freund ich sein durfte.
Rolf Becker berichtete von ihren gemeinsamen Aktionen und Auftritten mit der nimmermüden Mahnerin Esther, die bis zuletzt gekämpft, gemahnt, erzählt hat, an Schulen ging um der Jugend ihr Wissen und ihre Erfahrung mitzuteilen. Sie gründete das Auschwitz Komitee und blieb bis zuletzt dessen Vorsitzende, protestierte gegen Unrecht, gegen Fremdenhass, mahnte und sang, und wenn sie mit der Microphone Mafia aus Köln auftrat und gegen Rechts rappte, dann riss sie am Ende beide Arme hoch mit geballten Fäusten.

Esther Bejarano mit Lutz Cassel bei der Verleihung des Hans-Frankenthal-Preises 2013. Foto Birgit Kassovic

Ich lernte Esther Mitte der sechziger Jahre kennen, als der Kantor und Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Hamburg, Günter Singer, meine Anfrage nach einem Auftritt in der Synagoge an der Hohen Weide, mit einer Gegenfrage beantwortete.: Ob ich denn bereit wäre, eine Frau mit ihrer Tochter, Esther und Edna Bejarano, bei einem Fest im Gemeindesaal der Synagoge an der Gitarre zu begleiten. Mein Repertoire an Liedern in Jiddisch und Hebräisch war noch nicht sehr groß, aber ich sagte mutig zu. Wenige Tage später saß ich mit Edna und Esther in der Küche der Wohnung über der Wäscherei, die die Bejaranos in der Harkortstraße in Altona betrieben, und wir studierten eine Reihe Lieder aus Israel, in jiddischer Sprache aus Osteuropa, Widerstandslieder aus Spanien, Italien, Griechisches und Russisches ein, für unseren – meinen ersten – Auftritt in der Synagoge. Die Stimmen von Mutter und Tochter mischten sich zu einem fabelhaften Klang, den ich heute noch im Ohr habe. Und mit großer Dankbarkeit denke ich an unsere kleinen Konzerte in den Sechzigern zurück. Esther wurde zusammen mit Edna zur Mahnerin, zur Berichterstatterin, zur Kämpferin für Frieden, gegen Rassismus, für Toleranz und gegen Hass. Immer wieder kreuzten sich unsere Wege, mal auf Kundgebungen gegen Rechtsradikale, mal auf „Marathonlesungen“ am Bornplatz und mal auf kleineren oder größeren Bühnen oder auch in Schulen, was ihr besonders wichtig war. Längst musizierte und erinnerte sie mit den Gruppen Coinzidenz und der Hip Hop Band Microphone Mafia, an die Gräuel der Nazis. Ich habe sie erlebt, wie sie in einer gutgefüllten Schulaula mit wenigen Sätzen die jungen Menschen in ihren Bann zog, bevor sie anfing mit der Microphone Mafia zu singen, zu rappen mit einer Energie, die sich auf alle in der Aula unwiderstehlich übertrug. Wenn sie dann zum Schluss sang:
„Mir leben eybig – mir senen do“, dann hielt es keinen mehr auf den Plätzen, und es gab Standing Ovations.

Esther hat uns allen noch einen Auftrag mitgegeben, den zu erfüllen ich Euch allen, egal woher ihr kommt, egal wohin ihr geht, weitergebe:
Nie mehr Schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf Euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“

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