Zur Frage, ob der Wald am Ernst-August-Kanal für ein Neubaugebiet gerodet werden soll, sind Expert*innen und Bürger*innen zu einer Anhörung am 3. Februar 2026 vor dem Hauptausschuss der Bezirksversammlung eingeladen

Das Ringen um Flächen und ihre Nutzung, um Naturschutz und Wohnungsbau spitzt sich im gesamten Stadtgebiet zu. In Wilhelmsburg ringen Naturschützer*innen und Politiker*innen seit mehr als sieben Jahren miteinander um die geplante Bebauung des Pionierwaldes im nördlichen Reiherstiegviertel. Im Spätsommer des vergangenen Jahres stellten die Umweltverbände in einem Gutachten fest, die „Planungen im Bereich des Wilden Waldes“ seien mittlerweile „ein hochumstrittenes Politikum“1 (WIR 17.9.25).
Einige engagierte Bezirkspolitiker*innen (aus der Opposition) und Mitglieder des Bündnisses „WiWa bleibt!“ überlegten daraufhin, wie der Konflikt für eine größere Öffentlichkeit auf der politischen Bühne noch einmal dargestellt werden könnte. Sie kamen auf die Idee, eine öffentliche Anhörung im Bezirk zu initiieren. Diese Anhörung findet nun – nach einigem internen Politikgerangel, in dessen Folge der Opposition die Antragstellung von der Regierungskoalition aus der Hand genommen wurde – am 3. Februar 2026 statt.
Worum geht es bei der Anhörung?
Die Stadt Hamburg will in Wilhelmsburg ein neues Viertel mit ca. 1.100 Wohnungen bauen, das „Spreehafenviertel“. Es ist eines der drei geplanten Quartiere auf der sogenannten Nord-Süd-Achse. Sie verläuft zwischen dem Wilhelmsburger Rathaus und dem Spreehafen und stellt einen Teil des Senatskonzepts „Sprung über die Elbe“ dar. Dort ist eine Bebauung mit insgesamt rund 6.000 Wohneinheiten plus Büros, Gewerbe, Sportanlagen und Kitas geplant. Fast alle Teile werden auf der Trasse der ehemaligen Wilhelmsburger Reichsstraße gebaut – bis auf einen: das „Spreehafenviertel“. Das soll auf einem 10 Hektar großen Waldgebiet entstehen, das sich in west-östlicher Richtung zwischen Spreehafen und Ernst-August-Kanal entlang zieht.
Bei dem Wald handelt es sich um einen nach der Sturmflut 1962 spontan aufgewachsenen Pionier- oder Sukzessionswald, dessen westlicher Teil sich seit 34 Jahren vollkommen unberührt entwickelt. Es ist ein größtenteils wildes, nicht von Menschenhand aufgeforstetes Gebiet. Deshalb trägt der Wald den Namen Wilder Wald. Aus der Perspektive von Natur- und Klimaschutz betrachtet, ist ein solcher Wald einzigartig und von großem ökologischen Wert.
Die konkrete Frage lautet: Ist es tatsächlich notwendig, im Rahmen einer so großflächigen Baumaßnahme auch die einzige Waldfläche auf dem Gebiet zu bebauen?
Diese Frage, ob der Wilde Wald erhalten bleiben oder das „Spreehafenviertel“ gebaut werden soll, ist der gesellschaftliche und politische Konflikt, um den es bei der Anhörung geht.

Foto: Regina Leidecker für Waldretter*innen
Wie funktioniert die Anhörung?
Es ist eine öffentliche Expert*innen-Anhörung. Die Anhörung findet vor der Öffentlichkeit statt – alle Bürger*innen können dort hingehen. Mehr noch: Die Anhörung soll der Meinungsbildung in der Gesellschaft dienen.
Bei einer solchen Expert*innen-Anhörung sollen Politiker*innen sich tiefergehend über kontroverse Themen informieren und die Forderungen der Bürger*innen kennenlernen.
Alle Parteien der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte können sich zu dem Thema Expert*innen aus unterschiedlichen Fachgebieten einladen. Zur Frage „Wilder Wald oder ,Spreehafenviertel’” haben die Parteien Fachleute aus den Bereichen Natur- und Klimaschutz, Stadtplanung und Architektur, Umweltgerechtigkeit sowie Vertreter*innen von der IBA und aus der Umweltbehörde eingeladen.
Die Expert*innen tragen die Argumente – entweder für den Walderhalt oder für das Baugebiet oder vielleicht auch für eine Kompromisslösung – vor. Danach können alle Anwesenden Fragen zum Thema und zu den Argumenten der Expert*innen stellen, diese ergänzen und auch eigene Argumente vorbringen.
Wichtig zu wissen ist: Auf einer Anhörung wird nichts entschieden. Wohl aber können die Bürger*innen den Entscheider*innen aus Politik und Verwaltung deutlich machen, was sie von deren Plänen halten und wie die Stimmung vor Ort ist.
Es ist wichtig zur Anhörung zu kommen, weil:
- das eine Möglichkeit ist, Politiker*innen und Entscheider*innen zu zeigen, was uns als Bürger*innen wichtig ist.
- wir als Bürger*innen dort sehen können, ob unsere Anliegen ernst genommen werden.
- die betroffenen Menschen den Politiker*innen ihre Forderungen deutlich machen und so möglicherweise Einfluss auf deren Entscheidungen nehmen können.
- es gerade in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Siuation wichtig ist, alle noch verbliebenen demokratischen Instrumente wahrzunehmen und zu nutzen.
- es um unser Lebensumfeld, unsere Lebensqualität und unsere Umwelt geht.
- wir mit unserer Anwesenheit zeigen: „Wir schauen euch Herrschenden auf die Finger!“

Öffentliche Expert*innen-Anhörung vor dem Hauptausschuss des Bezirks Hamburg-Mitte
Dienstag, 3. Februar 2026
17.30 Uhr
Bezirksamt Hamburg-Mitte
Sitzungssaal, 11. Etage
Caffamacherreihe 1 – 3, 20355 Hamburg
Mehr Infos über den Wilden Wald und die Bürgerinitiative Waldretter*innen Wilhelmsburg auf: www.waldretter.de
- Das Gutachten liegt der Redaktion vor. ↩︎


Ich hoffe, dass viele Menschen kommen werden, um ihre Meinung zu sagen. Es gibt in Wilhelmsburg so viele Bauprojekte, die teilweise seit über 15 Jahren ihrer Umsetzung harren (Korallusviertel, Flächen in Georgswerder, die Bauprojekte auf der ehemaligen Trasse der Reichstraße). Warum muss man ausgerechnet die Klimaoase Wilder Wald abholzen, bevor nicht die anderen Flächen endlich mal entwickelt werden?
Ich würde die Weiterentwicklung des Wilden Waldes zu einem Gedenkwald für die Opfer der Flut von 1962 favorisieren. Hier sind viele Menschen, die damals in den sog. Behelfsheimen gewohnt haben, ertrunken, da hier eine der Bruchstellen im Deich war. Das wissen viele Menschen nicht mehr, es gehört aber zur Geschichte der Elbinseln. In Wilhelmsburg wird jeder Stein umgedreht, da kann man einen Pionierwald gern mal stehen lassen, um den Klimaschutz hier zu erhalten.
Der Wald liegt tief und müsste erstmal richtig eingepoldert werden, das macht die Fläche wenig geeignet. Sieht man sich um und blickt nach Norden, so sieht man die Hafenrandstraße und Harburger Chaussee entlang des Klütjenfelder Hauptdeichs am Potsdamer Ufer/Berliner Ufer.
Diese sind unbebaut, könnten aber nach dem Vorbild des Finkenwerder Aue-Hauptdeichs bebaut werden, also teils in den Deich hinein. Technisch möglich. Das wären dann alles Grundstücke mit Hafenblick, sowas bewohnen viele gern. Das sind 1,9 km Ufer, da kommt ganz schön was zusammen.