WILHELMSBURGER INSELRUNDBLICK

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Zeugnis-Sorgen-Telefon ist für Kinder und Eltern da - 12.06.2020

Erste Schritte zur Wiedereröffnung der Schulen - 13.05.2020

Kommentar zur Schulsituation während der Corona-Zeit - 13.05.2020

Homeschooling, Sorgentelefon und die "digitale Leidenschaft der Lehrer*innen". Zum Stand des Lernens in Corona-Zeiten - 24.4.2020



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Zeugnissorgen? ReBBZ anrufen!
PM.
Es ist wieder soweit: Am 23. Juni 2020 erhalten rund 240.000 Schülerinnen und Schüler in Hamburg ihre Zeugnisse. Sie enthalten wichtige Hinweise auf die Entwicklung der schulischen Leistungen in der Einschätzung der Lehrerin bzw. des Lehrers. Für alle Eltern, Schülerinnen und Schüler, denen das Zeugnis Probleme und Sorgen bereitet, haben die Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) der Schulbehörde einen telefonischen Zeugnisdienst eingerichtet.

Erfahrene Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Lehrkräfte stehen mit fachkundigem Rat bereit und können helfen, Ursachen für die schulischen Schwierigkeiten zu finden und Wege aus einer Krisensituation aufzeigen. Die Beratung ist vertraulich und auf Wunsch auch anonym.

Die Beraterinnen und Berater sind von Montag, 22. Juni, bis Mittwoch, 24. Juni 2020, jeweils in der Zeit von 8.30 bis 16.00 Uhr, unter der Telefon-Nr. 040-428 992 002 erreichbar.

In den 13 Regionalen Bildungs- und Beratungszentren erhalten Schülerinnen und Schüler sowie Eltern und Lehrkräfte fachlich Beratung und Unterstützung bei schulischen Problemen.



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Vorsichtiger erster Schritt

Seit dem 4. Mai sind die Schulen für einige Klassenstufen wieder geöffnet – unter Corona-Bedingungen

hk.  In der Schule An der Burgweide werden seit einer Woche die Viertklässler*innen von ihren Lehrer*innen jeden Morgen um 8 Uhr am Tor zum Schulgelände abgeholt. In Gruppen zu sieben werden sie in die Klassenräume geführt. Dort sitzen sie an Einzeltischen mit zwei Metern Abstand voneinander. Nach drei Stunden Unterricht erhalten sie ein Lunchpaket für zu Hause und werden um 10.15 Uhr von den Lehrer*innen wieder zum Schultor zurückgebracht. Dann werden die WC-Räume von einer Putzfirma gereinigt, die Lehr*innen desinfizieren die Tische und von 10.45 – 13 Uhr kommen die Sechstklässler. „Auf diese Weise können wir die wuselige Pausensituation auf dem Schulhof vermeiden,“ sagt Schulleiterin Regine Seemann, „und mit dem täglichen Schulbesuch haben die Kinder einen leicht überschaubaren Stundenplan.“

Die Behörde stellt die Organisation des Unterrichts unter Corona-Bedingungen frei. An manchen Schulen haben die Kinder in wöchentlichem oder halbwöchentlichem Wechsel Unterricht. „Die Kinder haben sich alle sehr gefreut, wieder in die Schule gehen zu können,“ sagt Regine Seemann. „bis auf zwei ,Risikokinder' sind alle gekommen.“

In den sieben Wochen des „Fernunterrichts“ haben die Kinder Lernpakete mit Aufgaben vor der Schule abgeholt oder sie bekamen sie von einer Honorarkraft per schuleigener Post ins Haus geliefert. Mails oder Online-Unterricht spielten eine eher untergeordnete Rolle. Wie an anderen Wilhelmsburger Schulen haben mehr als ein Drittel der Schüler*innen keinen Rechner zu Hause. Die Arbeitsergebnisse kamen auf dem gleichen Weg zurück, einige Kinder haben sie mit dem Smartphone fotografiert und an die Schule gesendet. Die Lehrer*inne hatten regelmäßig Kontakt zu den meisten Schüler*innen. „Aber der Fernunterricht kann die „richtige“ Schule nicht ersetzen,“ meint die Schulleiterin und fügt hinzu: „Auch für uns Lehrer*innen war die Atmosphäre in den verwaisten Schulgebäuden sehr seltsam.“

Dass es schwer sein wird, die Lernergebnisse des Fernunterrichts bei den unterschiedlichen häuslichen Voraussetzungen nach normalen Maßstäben zu bewerten, sieht auch Regine Seemann so. Ihre Schule habe allerdings den Vorteil, dass die Kinder in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen auch sonst in ihrem eigenen Lerntempo arbeiteten und die Ergebnisse individuell bewertet würden. Und bei den Sechstklässlern der sechsjährigen Schule An der Burgweide habe in diesem Jahr der Übergang auf die weiterführende Schulform bis auf eine Ausnahme festgestanden, den Schüler*innen würden aus der Fernlernzeit keine Nachteile erwachsen.  

Die Schule, in die die ersten Kinder nach sieben Wochen nun wieder gehen dürfen, muss ihnen allerdings sehr exotisch erscheinen. Statt Gruppentischen, Lernbüros, Forscherwerkstatt und Kinderkonferenz, wie an vielen Grundschulen, erleben sie Frontalunterricht wie im Schulmuseum. Der/die Lehrer*in  steht an der Tafel und legt ihnen mit langem Arm – wegen des Abstands – Arbeitsblätter auf den Einzeltisch. In den ersten Tagen, so die Schulleiterin, käme es sicher vor allem darauf an, den Kindern diese Ausnahmesituation zu erklären und mit ihnen darüber zu sprechen, wie sie die Corona-Zeit erleben, was sie über die Pandemie wissen und welche Ängste sie haben.

Der Schulsenator spricht bei der Öffnung der Schulen für einige Klassenstufen von einem „vorsichtigen ersten Schritt“. Wie die Schulen nach den Maiferien, wenn wieder alle Schüler*innen kommen sollen, unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen und ohne Gefährdung der Kinder und der Pädagog*innen organisiert werden könne? Das werde nicht einfach, meint Regine Seemann.

Vorsichtige Öffnung der Schulen. Foto: hk

 

KOMMENTAR       

Etwas Milde

hk.  Die verantwortlichen Bildungspolitiker*innen sind in einer schwierigen Situation. Eine monatelange Schließung von Schulen wie jetzt in der Zeit der Pandemie hat es noch nie gegeben. Sie ist in Schulorganisation, Lehrplänen, Prüfungs- und Versetzungsordnungen nicht vorgesehen. Die vorsichtige Öffnung der Schulen geschieht auf wackeliger Grundlage. Ob sie schlimmstenfalls zu einer neuen Ansteckungswelle beiträgt, ist noch raus. Es regiert der „alte Kumpel Hoffnung“. Schulsenator Rabe spricht in seinen Statements und Interviews von einer „Situation ohne Beispiel“. Er sieht, dass Kinder in sozial schwieriger Lage beim Fernunterricht benachteiligt sind und Wochen ohne Schulen noch zur Vergrößerung der Lernrückstände führen. Und auch, dass kein Computer den Präsenzunterricht und die Lehrer*innen ersetzen kann. Zu diesen Einsichten passt allerdings nicht die strikte Weigerung der Schulbehörde, auf Forderungen nach einer der Ausnahmesituation angemessenen Alternative zur Leistungsbewertung einzugehen.    

Schüler*innen, Eltern und Bildungsexpert*innen forderten, dass die Fernlernzeit nicht nachteilig in die Zeugnisnoten einfließen dürfe (siehe auch der folgende Artikel „Emails, Blogs und Sorgentelefone“). Die Abschlussprüfungen sollten durch Jahresdurchschnittsnoten ersetzt werden.

Es sieht so aus, als wolle die Schulbehörde bei allem Durcheinander bei der Leistungsbewertung unbedingt den Anschein normaler Verhältnisse aufrecht erhalten. Der Senator bemüht dafür verschiedene Argumente. Zum Beispiel, es sei trotz allem ein reguläres Schuljahr - tatsächlich macht die Corona-Zeit von März bis zu den Sommerferien mehr als ein Drittel des Schuljahres von 38 Unterrichtswochen aus. Auch argumentiert er, man könne wegen der Benachteiligung mancher Schüler beim Fernlernen nun nicht das Niveau senken und allen eine „1“ geben. Vielmehr müssten die Schüler*innen in unserer Leistungsgesellschaft eben lernen sich anzustrengen. Man wird am Schuljahresende im Juni sehen, wie die Zeugnisse und Prüfungsergebnisse aussehen und wie Schüler*innen und Eltern dazu stehen. Den schwarzen Peter hat der Senator schon mal den Lehrer*innen zugeschoben. Sie könnten ja gegebenenfalls „etwas Milde“ walten lassen und „im Zweifel die freundlichere Note geben.“




Schule zuhause:  Emails, Blogs und Sorgentelefone

Seit mehr als fünf Wochen sind in Hamburg die Schulen geschlossen. Die Gefahr der Ansteckung ist zu groß und Schulen gelten als ein Hotspot für die Verbreitung des Corona-Virus. Das Homeschooling wirft zahlreiche Probleme auf

hk. Mit am meisten betroffen von den notwendigen Einschränkungen seit Ausbruch der Pandemie sind die Kinder. Sie können nicht mehr auf die Spielplätze, können ihre Freund*innen nicht treffen und können nicht mehr in die Schule.

Seit fünf Wochen lernen die Schüler*innen zu Hause – online oder mit gemailten oder sonst wie zugestellten Arbeitsblättern. Schüler*innen und Eltern werden von den Schulen durch Briefe oder YouTube über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten. Auf den Homepages vieler Schulen finden sich Links zu weiteren Angeboten im Netz, wie „Mathesternchen“ „Naturdetektive“ oder zu den "ZDF logo!"-Kindernachrichten. Es gibt Blogs und Podcasts und Sorgentelefone für Fragen und Probleme, die sich durch die Folgen der Corona-Krise ergeben. Dass das „Homeschooling“ nicht dasselbe ist wie der Unterricht in der Schule, ist allen klar.

Die Hamburger Schulbehörde fasst das häusliche Lernen in dieser Ausnahmesituation bisher sehr eng. Die Schüler*innen sollen die Arbeitsergebnisse ihren Lehrer*innen zur Kontrolle zugänglich machen. Die Lehrer*innen sollen möglichst täglich Kontakt zu ihren Schüler*innen halten. Die „Fernlernzeiten“, heißt es in einem Brief des Landesschulrats, sollten dem üblichen Stundenplan entsprechen. Die dort erbrachten Leistungen seien Gegenstand der Beurteilung. Natürlich räumt auch Schulsenator Rabe  ein, dass dies „eine besondere Situation ohne Beispiel“ sei und eine große Herausforderung. Aber unterm Strich sei er „begeistert über die digitale Leidenschaft der Lehrer*innen“. Sie hätten es den Kritikern am Schulbetrieb „... in den letzten Wochen aber mal richtig gezeigt.“

Bildungsexpert*innen, Gewerkschaften, Schüler*innen- und Elternkammern monieren die Kehrseite des Homeschooling. Das digitale Lernen, dass die Schulen von heute auf morgen organisieren mussten, habe schon aus technischen Gründen nur sehr unterschiedlich gut umgesetzt werden können. So wurde über zusammenbrechende Server geklagt und das offizielle Zugangsportal eduPort für die Kommunikation der Schulen im Netz sei „eine Katastrophe“ gewesen.

Vor allem aber wiesen Experten und Kammern auf die ungleichen häuslichen Lernbedingungen hin. Viele Kinder aus ärmeren Familien haben keinen Computer zur Verfügung. Bei großen Familien in kleinen Wohnungen kann es oft keinen ruhigen Arbeitsplatz und keine Hilfe bei den Aufgaben geben. Der Eingang von Fernlern-Leistungen in die Schulzeugnisse sei pädagogisch eigentlich nicht vertretbar. In anderen Bundesländern wie z.B. Bremen und Niedersachsen ist das laut deutschem Schulportal auch nicht vorgesehen. Bei der Hamburger Schulbehörde heißt es zwar, die Lehrer*innen sollten „erschwerte Bedingungen im häuslichen Umfeld berücksichtigen“. Aber eine klare Aussage gibt es nicht.

Besonders umstritten ist die Durchführung der Abiturprüfungen und der Prüfungen zum ersten und mittleren Abschluss (ESA, MSA) unter diesen Ausnahmeverhältnissen. In Statements der Hamburger Elternkammer und zahlreichen Petitionen und Briefen von Schülervertretungen wird vor der Ansteckungsgefahr bei den Prüfungen gewarnt und die Einhaltung der Hygienevorschriften bezweifelt. Und es wird auf die ungleichen Bedingungen hingewiesen, die die Schüler*innen zu Hause für die Vorbereitungen hatten. Dies bedeute, so die Elternkammer, das „der Prüfungserfolg noch stärker als zuvor vom Elternhaus abhängt“.

In einem Brief an den Bürgermeister schreiben Schüler*innen des Helmut-Schmidt-Gymnasiums „… Die Bedingungen, unter denen wir uns vorbereiten … fördern stadtteilbezogen die Ihnen wohlbekannte Ungleichheit“. Und in einer Mitteilung der Schüler*innenkammer heißt es: Es stelle sich die Frage „inwiefern dies überhaupt rechtlich legitim ist“. Man muss also wohl auch mit Klagen gegen das Abi 2020 rechnen.

Die Forderung der Kritiker ist, die Prüfungen für das Abitur, den ESA und MSA so weit wie möglich zu verschieben bzw. den Abschluss nach den bisher erbrachten Leistungen als „Durchschnittsabitur“ zu vergeben. Bürgermeister und Schulsenator haben die Bedenken und diese Forderungen zurückgewiesen.

Die Abiturprüfungen finden im Einklang mit den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) seit dem 21. April bis zum 5. Mai in „unmittelbar vor der Prüfung intensiv gereinigten Klassenräumen“ statt. Zur Begründung für das Bestehen auf dieser Abschlussprüfung heißt es in einem Papier der Schulbehörde: Das Durchschnittsabitur sei ungerecht, denn durch das Wegfallen der Prüfung „bekommen einige das Abitur, obwohl sie es unter normalen Umständen kaum geschafft hätten“. Und außerdem ginge es beim Abitur gerade auch um die Prüfung der Stressfestigkeit: „… Darin spiegelt sich die Überzeugung der Gesellschaft, dass junge Menschen zur Vorbereitung auf den Beruf, das Studium und das Leben unbedingt lernen müssen, sich einer schwierigen Situation unter zeitlichem Druck und auch unter Leistungsdruck auf den Punkt vorzubereiten ... und Leistung zu zeigen“. Ein drittes Argument ist, dass das „Abi-Light“ in anderen Bundesländern und im Ausland nicht anerkannt werden könnte.

In Nordrhein-Westfalen wird indes wieder über ein „Durchschnittsabitur“ nachgedacht, falls der Beginn des regulären Schulbetriebs weiter aufgeschoben werden muss. Und es wird dort auf den Beschluss der KMK verwiesen, dass alle Bundesländer auch die unter ungewöhnlichen Bedingungen entstandenen Schulabschlüsse gegenseitig anerkennen. Frankreich hat gerade beschlossen, die Prüfungen für das Abitur – das baccalauréat – ausfallen zu lassen. Den Abschluss bekommen die Schüler*innen auf der Grundlage ihrer Vorleistungen.