Durchhalten

„Woher kommt der Hass?“

Der Anschlag vom 11. September 2001 hat sich zum zwanzigsten Mal gejährt. Es ist, finde ich, eines der schwierigeren Gedenk- oder Erinnerungsdaten. 9/11 wirkt auf den ersten Blick fern und abstrakt mit seinem komplexen und globalen Hintergrund, und dann ist es ja auch weit weg in Amerika passiert, und damit den Amerikaner:innen – nicht uns. Ich habe keine Gesichter wie bei #SayTheirNames vor Augen, nur die mittlerweile ikonografisch gewordenen Bilder der World-Trade-Center-Türme. Zudem schieben sich in meinem Kopf vor das eigentliche Geschehen des Anschlags sogleich die weltpolitischen Folgen, die furchtbare amerikanische Vergeltungsstrategie, Afghanistan, all das.

Vor dem Harburger Rathaus.
Foto: H. Bouden/HSG

20 Schüler:innen des Helmut-Schmidt-Gymnasiums haben das schwierige Thema jetzt aufgegriffen (vgl. Artikel „9/11-Gedenkaktion in Harburg“). Mit einer Gedenk-Performance quer durch die Harburger Innenstadt haben sie mich daran erinnert, was der 11. September mit mir zu tun hat, mit uns, haben an den entscheidenden Anteil, den Menschen aus Deutschland, ja, Hamburg, an dem Attentat hatten, erinnert – und damit auch an die heftige gesellschaftliche Debatte über die Radikalisierung von Jugendlichen, die einige Jahren danach folgte.

Die Attentäter, die aus Harburg kamen. Die jungen Männer von nebenan. Allzu gern vergessen wir das. In ihrem Bericht über die Gedenk-Aktion erzählen die Schüler:innen, dass viele Menschen erschrocken und überrascht auf diese Information reagierten, es also schon gar nicht mehr wussten.

Keine Gedenk-Performance, kein Mahnmal, keine Erinnerungsschrift wird den Opfern menschenhasserischer Morde gerecht. Das sagen auch die Zehntklässler:innen vom Helmut-Schmidt-Gymnasium ganz deutlich.
Die Zielrichtung ihrer Aktion ist eine andere: Sie fragen: „Woher kommt der Hass?“ Und sie fragen das die Gesellschaft. Oder in die Gesellschaft hinein: Woher kommt er, der Hass auf Andersdenkende, Andersaussehende, Andersglaubende, Anderslebende?

Im Unterricht und im Theaterkurs von Lehrer Hédi Bouden setzen sich schon lange Schüler:innen mit Themen wie Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung auseinander und stellen entsprechende Ereignisse in unterschiedlichen Formen dar. Auch Erinnerungs- und Gedenk-Aktionen im öffentlichen Raum gehen immer wieder von den Schüler:innen aus, so am Holocaust-Gedenktag, am Jahrestag der Morde von Hanau oder zum NSU. Und immer scheint in ihren Arbeiten diese eine Frage auf: „Woher kommt der Hass?“

Sicherlich sind Rassismus und Antisemitismus, religiöser Fanatismus und die ideologische Verblendung des politischen Terrorismus unterschiedliche Phänomene. Sie haben eine unterschiedliche Geschichte, die gesellschaftlichen und politischen Ursachen sind jeweils andere, und auch wenn es Überschneidungen gibt, darf man sie niemals in einen Topf werfen.
Dennoch ist ein zugrundeliegendes Phänomen tatsächlich immer gleich: der Hass auf andere Menschen und ihr Tun. Ein Hass, der mit der Abwertung des Gegenübers einhergeht. Und ein Hass, der manchmal in unvorstellbare Gewalt mündet.

Die Schüler:innen halten uns und unserer Gesellschaft mit ihrer Gedenk-Performance den Spiegel vor: Was ist los mit uns? „Woher kommt der Hass?“

Sigrun Clausen

Wenn sie nicht am Nachbarschreibtisch in ihrer Schreibstube arbeitet oder in der Natur herumlungert, sitzt sie meist am Inselrundblick. Von ihm kann sie genauso wenig lassen wie von Wilhelmsburg.

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