Deichsicherheit durch A26 Ost gefährdet?

Der Bau der A26 Ost birgt große Risiken. Viele Fragen sind ungeklärt

Dirk Holm. Die Hydrologie auf der Elbinsel Wilhelmsburg ist seit jeher ein kompliziertes und kritisches Thema. Das ist der Lage als Flussinsel in der Elbe geschuldet. Die Gestalt der Insel ähnelt der einer Badewanne, (die volllaufen kann). Noch heute finden sich an vielen Orten Senken, die als Teiche oder Bracks mit Wasser gefüllt sind. Viele davon sind Hinterlassenschaften der Flut von 1962, als die „Badewanne“ tatsächlich volllief. Dazu kommen diverse Kanäle und Wettern, welche die komplette Insel durchziehen. Deren Wasserstand muss laufend beobachtet und reguliert werden.

Ein hoher Grundwasserspiegel

Die Wettern an der Kornweide nach Straßenbauarbeiten der DEGES.
Foto: Gisela Bertram

Das Grundwasser auf Wilhelmsburg steht hoch. Insbesondere nach starken Regenfällen, Hochwassern und Sturmfluten. Je höher der Pegelstand der Elbe, um so mehr Elbwasser drückt auch unterhalb der Deiche hindurch. Wie Augenzeug:innen berichten, war das z. B. Anfang dieses Jahres am Süderelbedeich zu beobachten. Gleichzeitig drang nach schier endlosem Starkregen, verbunden mit zwei schweren Sturmfluten, in viele Keller Wilhelmsburgs Grundwasser ein. Die Abweichung von der durchschnittlichen Niederschlagsmenge der Jahre 1991 bis 2020, betrug im Februar 2022 in Hamburg 279 Prozent. (Vgl. https://www.wetterkontor.de/de/wetter/deutschland/monatswerte-station.asp?id=10147).

Wir haben es schon unter „normalen“ Verhältnissen auf der Insel mit einem dauerhaften Problem zu tun. Es gibt regelmäßig Konflikte zwischen Bewohner:innen, Landwirt:innen und Naturschützer:innen mit dem Wasserverband1. Die Fraktionen haben unterschiedliche Interessen. Die einen brauchen Wasser zur Bewässerung ihrer Felder bzw. Feuchtgebiete. Die anderen befürchten quasi das Absaufen ihrer Immobilie, wenn zu viel Wasser im System ist.

Die Bodenbeschaffenheit verstärkt das Problem

Und schließlich spielt auch die Art des Untergrundes eine entscheidende Rolle. Wir haben es hier mit Marschboden zu tun: Teilweise mit Torfeinschlüssen, teilweise aus Lehm, mit vielen Sandaufspülungen aus der Vergangenheit. Der insgesamt weiche Grund verhält sich ähnlich wie ein Pudding. Drückt man an einer Stelle drauf, kommt er an anderer Stelle hoch. Deshalb und wegen des hohen Grundwasserstands stehen viele Gebäude auf Holzpfählen oder sind auf Betonpfeilern gegründet. Beispiel: Die Brücke der verlegten Wilhelmsburger Reichsstraße über den Ernst-August-Kanal. Man benötigte für die Standsicherheit der Brücke eine Vielzahl von Betonpfählen mit einem Durchmesser von 1,50 Meter oder mehr, die bis zu 20 Meter tief im Boden verankert sind. Vor allem wegen der schwierigen Bodenverhältnisse, war der Bau der verlegten B75 Wilhelmsburger Reichsstraße rund fünfmal so teuer wie ursprünglich geplant.

Aushebung der Baugrube für den Autobahntunnel wird zum Risiko

Die Deichsicherheit auf Wilhelmsburg ist ein jahrhundertealtes Dauerthema. Die Deiche sind laufend erhöht worden. Sie müssen ständig kontrolliert und gepflegt werden, damit sich ein Unglück wie 1962 nicht wiederholt. Aus dem oben Gesagten ergibt sich ein direkter Zusammenhang zwischen der Deichsicherheit und der Wasserbewirtschaftung auf der Elbinsel. Niemand kann vorhersagen was geschähe, wenn die Baugrube für den geplanten Autobahntunnel in Kirchdorf-Süd ausgehoben würde. Sicher ist aber, dass diese Maßnahme zu massiven Eingriffen in den Wasserhaushalt auf der Elbinsel führen würde. Zwei entscheidende Wettern, die für die Entwässerung der Insel ausschlaggebend sind, wären direkt betroffen. Sie sollen verlegt werden.

Unabsehbare Folgen für den Süderelbedeich

Man stelle sich das Ausmaß der Baugrube des Tunnels und damit der Eingriffe in die Bodenverhältnisse vor. Dazu eine näherungsweise Rechnung: Breite der Grube: ca. 30 Meter (vermutlich deutlich mehr), Tiefe: mindestens 15 Meter (es war auch schon die Rede von 30 Metern Tiefe), Länge der Grube: ca. 1500 Meter. 30 Meter mal 15 Meter mal 1500 Meter ergeben 675.000 Kubikmeter Aushub! Auch wenn die Grube mit Spundwänden gesichert würde – es wäre ein schwerwiegender Eingriff in die Boden- und Grundwasserverhältnisse! Der beträfe nicht nur Kirchdorf-Süd. Die Baugrube wäre überdies nur rund 600 Meter Luftlinie vom Deich der Süderelbe entfernt. Niemand kann vorhersehen, und scheinbar hat bisher niemand auch nur darüber nachgedacht, welche Auswirkungen die Grabungen auf die Standfestigkeit des Süderelbedeiches hätten. Allein die Bohrungen im Rahmen der ersten Bodenuntersuchungen für die A26 Ost in Kirchdorf-Süd, haben in der Vergangenheit bereits zu Absackungen und Erschütterungen benachbarter Gebäude geführt.

Hat die DEGES aus der A20 gelernt?

Autobahn 20 in Mecklenburg-Vorpommern: Die Trasse versinkt im Moor.
Foto: NDR, Stefan Tretrop

In diesem Zusammenhang ist auch die Kompetenz der DEGES als zuständige Planungsgesellschaft anzuzweifeln. Siehe der Zusammenbruch der gerade neu auf einem Moor gebauten A20, im Herbst 2017 in Mecklenburg-Vorpommern. Siehe die Absackungen auf der Trasse der A26 West im Moorgebiet zwischen Neu Wulmsdorf und Rübke. Unmengen an Sand mussten immer wieder eingebracht werden, weil die Trasse laufend weiter absackte. In beiden Fällen, wie auch bei der fünffach teureren Reichsstraße, war die DEGES für die Planungen verantwortlich.

Das alles lässt für den geplanten Bau der A26 Ost nichts Gutes erwarten. Die Autobahn soll in Moorburg ebenfalls durch ein Moorgebiet führen. Die Strecke von der A7 bis nach Stillhorn verliefe überwiegend auf Marschboden. 70 Prozent der Bauten sollen Ingenieurbauwerke sein. Also Brücken, Tunnel und 27 Meter hoch aufgeständerte Fahrbahnen. Seit dem Sommer untersucht nun die DEGES erneut den Wilhelmsburger Untergrund. Auf einem Feld in Finkenriek sowie an der Ecke Kornweide/Otto-Brenner-Straße. Mit den sogenannten Pfahlprobebelastungen soll die Tragfähigkeit des Bodens überprüft werden.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Es ist schon bezeichnend: Die Politik in Hamburg und im Bund sowie Teile der Hafenwirtschaft fordern, aller schwerwiegenden Kritik zum Trotz, den Bau der A26 Ost. Ohne Rücksicht auf Verluste. Derzeit werden (bereits verdoppelte) Baukosten in Höhe von zwei Milliarden Euro behauptet. Dabei ist Stand heute nicht einmal klar, ob der Untergrund die schweren Konstruktionen überhaupt tragen kann. So wird auch offenkundig, dass die Höhe der angegebenen Baukosten reine Fantasie sein dürfte. Unbeabsichtigte oder hingenommene „Nebenwirkungen“ wie die Gefährdung der Deiche, und damit der Bevölkerung, noch nicht eingerechnet.

Diese Autobahn wäre ein Überbleibsel aus dem vorigen Jahrhundert des Straßenwahns. Sie wäre überflüssig und riskant. Sie wäre unverschämt teuer. Und sie wäre aus Klimasicht ganz besonders schädlich. Und schließlich bliebe sie den nachfolgenden Generationen voraussichtlich für 60 bis 80 Jahre erhalten. Deshalb, und aus vielen weiteren Gründen, muss der Bau verhindert werden!

1 Auszug aus der Satzung des Wasserverbandes Wilhelmsburger Osten vom 27. März 1996: „Der Wasserverband hat die Aufgabe, ausreichende Ent- und Bewässerungsanlagen vorzuhalten und diese Anlagen zu erneuern, zu unterhalten sowie zu bedienen“.


Zum Thema „Deichsicherheit“ vgl. auch den Antrag der Bezirksversammlung vom 27.10.2022: https://inselrundblick.de/wp-content/uploads/2022/11/221027_Bezirksversammlung-Deichsicherheit-Drs.-22-3300.pdf

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