1.300 Bäume sollen dem „Spreehafenviertel“ zum Opfer fallen – ein Riesenfehler angesichts des Klimawandels

Wissenschaftssenatorin Fegebank und Klimawissenschaftler Prof. Dr. Marotzke unterstützen den eindringlichen Appell der Forschenden, neue Erkenntnisse ernst zu nehmen“, so eine Pressemitteilung des Senats vom 11. August 2021 zur Bedeutung der Klimaforschung in Hamburg und zu den Forschungsergebnissen aus dem neuen IPCC-Report des Weltklimarats

In diesem Monat hat der Weltklimarat bestätigt, dass menschliches Handeln die Erdatmosphäre erwärmt hat. Wissenschaftssenatorin Fegebank ist stolz darauf, dass Hamburg ein wichtiges Zentrum der weltweiten Klimaforschung ist: „Die Hamburger Klimawissenschaftler:innen und das Exzellenzcluster an der Universität Hamburg und das Max-Planck-Institut Meteorologie sind Garanten dafür, dass diese Expertise weltweit Anerkennung und Wertschätzung findet.“
Weltweit – aber nicht auf Wilhelmsburg. Das Amt für Stadt- und Landschaftsplanung Hamburg-Mitte hört offenbar noch nicht auf die Hamburger Forscher:innen: Dort hält man immer noch an den unzeitgemäßen Plänen für das Abholzen eines intakten Pionierwaldes fest.

Noch wachsen sie in den Himmel, die bis zu 60 Jahre alten Bäume im Wilden Wald am Ernst-August-Kanal.
Foto: Leandra Boxberger/Waldretter:innen Wilhelmsburg

Im Wilden Wald wird mehr als die Hälfte der Bäume gefällt

Am 9. August 2021, gleichzeitig mit der Vorstellung des neuesten Berichtes des Weltklimarates, wurde im Bezirksamt Hamburg-Mitte der Bebauungsplan-Entwurf Wilhelmsburg 102 „Neues Wohnen und Gewerbe im Spreehafenviertel“ vorgestellt. Für das neue Viertel sollen von den vorhandenen fast 2.000 Bäumen im „Wilden Wald“ am Ernst-August-Kanal ca. 1.300 Bäume gefällt werden. 250 Bäume sollen nachgepflanzt werden; sie werden aber erst in zig Jahren den gleichen Nutzen für das Klima haben wie die rund 60 Jahre alten Bestandsbäume.

Auf Wilhelmsburg gibt es keine Ausgleichsflächen mehr!

Außerdem erfolgt der Ausgleich in 40 Kilometer Entfernung von Wilhelmsburg in Hoinkenbostel (Niedersachsen) und hat damit keinen Nutzen für das Reiherstiegviertel. Ausgleiche für die Tiere, die ihren Lebensraum verlieren, sind in der Fischbeker Heide und im Osten bei Aumühle vorgesehen. Das alles ist gutachterlich ermittelt und die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), unter Leitung des grünen Senators Jens Kerstan, hat es genehmigt.

Das Vorhaben verstößt gegen den Hamburger Klimaplan

„Alle Bezirke sollen nach dem Hamburger Klimaplan Flächen für eine mögliche Aufforstung bzw. Wiedervernässung von Mooren benennen. Vor dem Hintergrund der Klimakrise ist die Zerstörung des 10 Hektar großen intakten Ökosystems des Wilden Waldes, in dem mehrere Tierarten, die auf der Roten Liste stehen, leben, unverantwortlich und rechtswidrig“, erklärte Frederik Schawaller vom NABU.

Der Hafen hält genügend bereits versiegelte Flächen bereit

Vor dem Bezirksamt HH-Mitte gab es Proteste gegen die Bebauungspläne. Foto: Timo Knorr

Nur sehr wenige der Teilnehmenden an der Öffentlichen Plandiskussion sprachen sich für den geplanten Wohnungs- und Gewerbebau aus. Die meisten Anwesenden, viele aus Wilhelmsburg, konnten nicht verstehen, dass es unmöglich sein soll, Wohnungen auf bereits versiegeltem Gelände, z. B. im Hafen, zu bauen. Prognosen sagen, dass der Hafen nicht weiter wachsen wird, so dass dort keine große Flächen mehr frei gehalten werden müssen.

„Passt es in diese Zeit, einen Wald zu fällen?“

Viele Bewohner:innen der Elbinsel fühlen sich nicht ernst genommen und sind skeptisch in Hinblick auf den Zusammenhang von Klimawandel und steigendem Hochwasser . Auch wenn der Leiter des Stadtplanungsamtes, Michael Mathe, auf die Frage nach dem Hochwasserschutz erklärte: „Im Planungsprozess muss man da genau hinschauen. Diese zentrale Frage: Hochwasserschutz, Deichschutz ist ein verdammt ernstes Thema (…) Passt es in diese Zeit, einen Wald zu fällen? Die Bewertungen und der Fragenkatalog werden im Bebauungsverfahren geprüft. Die Fragen sind im Raum“.

Der Bebauungsplan-Entwurf für das „Spreehafenviertel“, der bei der Veranstaltung am 9.8.2021 vorgestellt wurde.
Bedeutung: Rot = Wohnen, Grau = Gewerbe, Weiß = Sportanlagen, Gelb = Straßen und Wege, Grün = Grünanlage.
Abb.: Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung

Beteiligung oder Information?

Der Info-Flyer zur Veranstaltung am 9.8.2021.
Abb.: Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung

Beteiligung vereitelt
Die Initiative Waldretter:innen hatte Ende 2019 ein Bürgerbegehren organisiert und viele Unterschriften für den Erhalt des Wilden Waldes am Ernst-August-Kanal gesammelt. Am Ende scheiterte das Bürgerbegehren, weil die Behörde der Initiative von Anfang an falsche Auskünfte über die benötigte Anzahl von Unterschriften für das Zustandekommen gegeben hatte. Die Behörde hat den Fehler inzwischen zwar eingestanden, jedoch bis heute keinerlei Vorschlag zur Wiedergutmachung gegenüber den Waldretter:innen gemacht. Das Vertrauen der vielen engagierten Bürger:innen in die Beteiligungsform der direkten Demokratie wurde durch diese Vorgänge schwer erschüttert.
Gegen den Bezirksamtsleiter des Bezirks Mitte, Falko Droßmann, wurde inzwischen von anderer Seite Strafanzeige wegen Rechtsbeugung gestellt.

Beteiligte nicht ernst genommen
In dem zur „Öffentlichen Plandiskussion“ am 9. August 2021 ausgelegten Flyer wird noch einmal auf den Bürgerbeteiligungsprozess zum „Spreehafenviertel“ von 2017 hingewiesen. Im Flyer heißt es: „Aufgrund der stadträumlichen Bedeutung des Spreehafenviertels wurde 2017 das Workshopverfahren ,Spreehafenviertel – neue urbane Nachbarschaften‘ mit einer intensiven Bürgerbeteiligung durchgeführt. Auf Grundlage dieser Planungsergebnisse wurde der Funktionsplanentwurf erarbeitet …“.
Diese Aussagen stehen im krassen Gegensatz dazu, was WIR im Januar 2018 berichteten: „Große Enttäuschung der beteiligten Bürger:innen im Beteiligungsprozess: Die Jury hat für das Spreehafenviertel einstimmig einen Entwurf angenommen, der von den Bürger:innen abgelehnt wurde.

Beteiligung erforscht
Am 10. August 2021 hat der Senat eine erste Auswertung und Einschätzung von Bürger:innenbeteiligungsprozessen vorgelegt. Darin heißt es: „In der bisweilen unklaren Kommunikation der Abgrenzung zwischen Beteiligung und Information liegt eine der Ursachen für mangelndes Vertrauen in Beteiligungsprozesse.“

Wie wahr. (Die Red.)

Die vollständige Öffentliche Plandiskussion finden Sie hier:
https://10-0-0-1.de/OePD-Wilhelmsburg-102/stream/

Marianne Groß

... ist Gründungsmitglied des Wilhelmsburger InselRundblicks e. V. Sie berichtet – soweit möglich – über alles, was sie selbst interessiert und hofft, damit die Leser*innen nicht zu langweilen. Dazu gehören die Veränderungen im Stadtteil, Ökologie und Kultur. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den großen Garten und liebt es, Buchsbäume zu schneiden.

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