Heimat ist, wo die Veddel ist. Ein Interview mit Dieter Thal

Autor, Sammler, Geschichtsliebhaber und herzlich engagierter Veddel-Experte; so haben WIR Dieter Thal bei einem interessanten Gespräch kennengelernt

Dieter Thal, ein verhalten lächelnder Mann mit Schnauzbart, an einem Holztisch im Innenhof der Ballinstadt.
Dieter Thal im Museum Ballinstadt auf der Veddel. Foto: privat

WIR: Moin Dieter! Hast du gut hergefunden?

Dieter: Moin! Jo, hab‘ ich. Nur die Parkplatzsuche ist hier auf Wilhelmsburg immer so schwierig! Und mit dem Rad ist der Weg ein wenig weit. *lacht*

WIR: Nanu? Weit? Wohnst du denn gar nicht auf der Veddel oder in der Umgebung?

Dieter: Nee, nee, ich lebe schon lange in Geesthacht. Aber ich komme immer gerne hier her. Vor allem auch für das Veddeler Erzählcafé …

Und da sind wir schon mitten im Thema! Dieter ist seit 2004 aktiv im Veddeler Erzählcafé dabei. Und als jüngstes Mitglied (!) hat Dieter mittlerweile die Hauptverantwortung übernommen, veranstaltet die monatlichen Treffen, sorgt für Kaffee, Kuchen und Erzählmaterial. Dies besteht zum Großteil aus seiner umfangreichen Bildersammlung, die er in den vergangenen 30 Jahren mit viel Mühe zusammengetragen hat. Jetziger Stand: über 5.000 Bilder!

WIR: Dieter, wie kam es dazu, dass du so ein umfangreiches Archiv erstellt hast? Und warum gerade zur Veddel?

Dieter: Na, weil ich dort geboren und aufgewachsen bin! Meine Eltern sind damals nach dem Krieg in die Überseeheime gezogen, ungefähr dort, wo heute das Ballinstadtmuseum ist. Auch wenn die Verhältnisse gerade nach dem Krieg bescheiden waren, muss ich sagen, dass ich dort eine sehr schöne Kindheit auf der Veddel verbracht habe. Wir hatten so viele Orte zum Spielen, sind bei Flut in die Hafenbecken gesprungen oder auf den Müllberg in Georgswerder geklettert. Die Veddel war voller Leben, Geschäfte, Restaurants, Bars … daran möchte ich die Leute heute gerne erinnern und gleichzeitig Erinnerungen austauschen. Deswegen gibt es das Erzählcafé ja auch. Um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.

WIR: Erzähl uns mehr! Was macht ihr bei euren Treffen? Wer nimmt daran teil?

Dieter: *lacht* Nuu, also wir treffen uns eigentlich regelmäßig einmal im Monat. Die letzten zwei Jahre haben uns zwar einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht, aber mittlerweile ist die Situation ja etwas entspannter. Zu den Treffen kommen immer so 35 bis 40 Personen angereist. Einige extra von Helgoland und eine Dame kam einst sogar aus England angereist! So bekannt sind wir bereits! Und dann gibt’s Kaffee und Kuchen. Manchmal bereite ich mit dem Beamer eine kleine Fotoshow vor. Mehr als 20 Bilder schaffen wir nie, weil immer direkt die Diskussionen anfangen. „Das bin ja ich!“, „Ach, wie hieß der/die nochmal … ?“, „Ist das nicht … ?“, *lacht wieder*. Und was für schöne Momente ich dort schon erlebt habe! Teilweise treffen sich dort Leute nach über 50 Jahren wieder. Die sind dann erstmal in ihrer eigenen Welt und in ihre Gespräche vertieft. Aber auch ich habe schon einige Überraschungen erlebt und Bekannte von früher, die als verschollen galten, wieder getroffen. Das sind immer die schönsten Augenblicke. Und wenn wir mal nicht sitzen und schnacken, haben wir früher auch viele Ausflüge gemacht. Einmal sogar nach Berlin in den Reichstag! Das war ein Erlebnis.

Dieter zeigt uns uns eine Liste aller Teilnehmer:innen. Ganz akribisch mit allen Angaben zur Person.

Dieter: So können wir besser Kontakt halten und ich sehe dann immer wann Der- oder Diejenige als nächstes Geburtstag hat. Dann gibt’s ne‘ Kleinigkeit. Letztes Jahr gab es eine Tasse mit unserem Erzählcafé-Logo oder einen Schlüsselanhänger mit Einkaufschip. Das war der Hit! *lacht*

WIR: Ist das nicht ganz schön viel Arbeit? Alle Veranstaltungen planen, die Dokumente sammeln, in Kontakt bleiben … ?

Dieter: Tja nu, was ich mache, mache ich richtig. Und das macht mir ja auch Spaß! Ich bin bloß ein bisschen traurig, wie wenig die Veddel in der Öffentlichkeit vertreten und wie wenig über deren Geschichte bekannt ist. Heutzutage gibt es da ja kaum noch etwas! Vielleicht ein paar Cafés, einen Penny-Markt. Das war’s. Wenn ich an früher denke … bis zu 300 Geschäfte gab es dort! Heute kaum vorstellbar.

Dieter zeigt uns einige Hefte und Bildbände, die er zusammengestellt hat, und kann zu jedem Bild eine Anekdote erzählen!

WIR: Woher hast du denn das ganze Wissen?

Dieter: Jahrelange Recherche. Ich habe viel aus dem Staatsarchiv, aber auch von Privatpersonen. Und ich habe auch selbst fotografiert! Als ich 12 Jahre alt war, hat mir mein Vater seine Agfa Clack in die Hände gedrückt. Da war gerade die große Flut und ich stand oben am Bahndamm und habe fotografiert. Die Überseeheime lagen höher, wir waren zum Glück nicht so schwer betroffen. Aber jedes Mal, wenn neue Leute zu den Treffen kommen, lerne ich ja auch wieder was dazu. Jetzt gerade, schreibe ich zum Beispiel an einem weiteren Buch zum Kleinen Grasbrook und dessen Auswanderergeschichte ab 1892. Dafür recherchiere ich auch schon eine ganze Weile.

WIR: Also ist das Erzählcafé gar nicht deine einzige Leidenschaft?

Dieter: *lacht* Nee, ich habe schon zwei, drei Bücher zur Veddel und zur Peute veröffentlicht, bin aktiv im Museum Ballinstadt und habe auch schon Infotouren zur Veddel gemacht. Besonders die Ausstellung zur Flutkatastrophe in der Ballinstadt 2012 war wirklich toll. Und dann flattern auch so immer noch Anfragen rein. Besonders von Universitäten, die sich für Städtebau oder die Geschichte des Stadtteils interessieren. Vor der Coronasituation wurde ich auch von der Schule Slomanstieg gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mich um deren Archiv zu kümmern. Du siehst, die Arbeit geht nicht aus! Aber ich war schon immer an Geschichte interessiert. Früher habe ich zum Beispiel auch Tonkrüge gesammelt und war in einem Arbeitskreis zur Geschichte Hamburgs aktiv.

WIR: Also nicht nur Geschichtsliebhaber sondern auch leidenschaftlicher Sammler?

Dieter: *lacht* Sozusagen. 2019 habe ich auch eine Verdienstmedaille für mein Engagement zur Veddel bekommen. Vom Bürgermeister Tschentscher höchstpersönlich! Und im Guiness Buch der Weltrekorde war ich übrigens auch!

WIR: Bitte was?? Womit?

Großer Metallflaschenöffner, signiert. Hängt an einem Stahlträger. Im Hintergrund braune Felsen.
Der größte funktionsfähige Flaschenöffner der Welt! Den hat Dieter selbst geschmiedet. Foto: Dieter Thal

Dieter: *lacht noch mehr* Ich habe damals den größten funktionsfähigen Flaschenöffner der Welt geschmiedet. Der war so 20 kg schwer und ein Geschenk für einen Freund. Eigentlich nur ein Späßchen …

Danach zeigt uns Dieter schnell noch ein Bild von dem Flaschenöffner. Von seiner Bierkrugsammlung hat er gerade leider keine Bilder dabei

WIR: Also nach ruhiger Rente sieht das ja nicht aus! Hast du denn noch Pläne für die Zukunft?

Dieter: Nun ich freue mich, wenn jetzt demnächst endlich wieder ein Erzählcafé stattfindet. Übergangsweise in der Ballinstadt, da unsere Räume im Gemeindehaus der Veddeler Kirche nicht mehr zur Verfügung stehen. Ein bisschen Sorge macht es mir schon, ob und wo wir eine Räumlichkeit finden. Es muss ja auch leicht zugänglich sein. Eine Teilnehmerin ist beispielsweise schon 97 Jahre alt! Das muss ich auch beachten. Na ja, und sonst hoffe ich, bald das nächste Buch zu veröffentlichen und blicke gespannt auf die ganzen Veränderungen. Die ganzen Bebauungspläne, der Gesellschaftswandel … Und dann hoffe ich auch, dass ich das Thema der Veddel und ihrer Geschichte stärker in die Schulen tragen und jüngere Leute dafür begeistern kann.

WIR: Wie kann man denn am Erzählcafé teilnehmen, wenn man sich nun denkt: „Huch, vielleicht ist das ja auch was für mich?“ oder wenn man jemanden sucht oder einfach Fragen hat?

Dieter: Am besten ist es, mich zu kontaktieren. Meine Kontaktdaten sind ja überall im Internet zu finden. Oder einfach mal „Erzählcafé Veddel“ eingeben.

WIR: Vielen Dank für dieses wirklich interessante Interview und hoffentlich bis ganz bald!

Nach dem Interview schnacken WIR und Dieter noch lange über Orte und Personen aus Georgswerder, überlegen, wen wir kennen könnten, wo was war, führen quasi unser eigenes kleines Erzählcafé.

Weitere Infos gibt es hier:
http://www.veddel-bilder.de/
http://www.veddel-bilder.de/erzaehlcafe.pdf
Kontakt: Dieter Thal, Tel. 0177-430781, Mail: dieter.thal@cs-thal.de

Liza-Shirin Colak

Liza-Shirin Colak schreibt als jüngstes WIR-Mitglied besonders über Stadtteilentwicklung, Nachhaltigkeit und lokale Insel-Insider.

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