Ein Schnäppchen für 6,4 Millionen

Die Stadt Hamburg hat dem Bund ein Stück der alten B75 zum Schnäppchenpreis abgekauft, um geplante Baumaßnahmen umzusetzen. Unsere Redakteurin Liza-Shirin Colak macht sich dazu so ihre Gedanken

Wer könnte dazu nicht Nein sagen? Die Stadt Hamburg jedenfalls ließ sich dieses Angebot nicht entgehen und kaufte den seit 2019 stillgelegten Teil der B75, besser bekannt auch als die Wilhelmsburger Reichsstraße.
Das Gebiet erstreckt sich von der Anschlussstelle Georgswerder bis Wilhelmsburg und umfasst gut 163.000 Quadratmeter Fläche. Platz genug für die vielen Pläne, welche die Grünen-Senatorin Anja Hajduk bereits vor zehn Jahren im Sinn hatte: Grünflächen, Velorouten und Wohngebiete!
Diese Pläne sollen nun in die Tat umgesetzt werden, denn der Zeitplan bis zur Fertigstellung ist eng getaktet. Bereits in fünf Jahren soll das Bauvorhaben fertig sein.

Doch was genau ist geplant?

Geplante Zukunft? Abb.: IBA Hamburg GmbH/Frem3

Es sollen drei neue Wohnquartiere entstehen, wovon 35 Prozent als geförderter Wohnraum vorgesehen sind – aber auch gut 375 Wohnungen extra für Beamt:innen der Stadt Hamburg. Als Grund für diese Verteilung wurde die Nähe zur Innenstadt genannt. Wilhelmsburg ist zentral gelegen und verkehrlich relativ gut angebunden.
Zudem sind weitere Parks und Grünflächen geplant. Quasi, um den Inselpark immer weiter auszubauen. Zählt man die Bebauungspläne für das Spreehafenviertel, das Rathausviertel und das Elbinselquartier zusammen, sollen insgesamt rund 4.800 neue Wohnungen entstehen sowie ein Schulcampus für bis zu 1.500 Schüler:innen und natürlich Büro- und Gewerbeflächen!

Gut möglich, dass die Stadt versucht, durch den geplanten Drittel-Mix endlich den eigenen (bislang verfehlten) Zielen nachzukommen. Denn bereits im vergangenen Jahr sollte ein Drittel der Neubauten in ganz Hamburg Sozialwohnungen werden; es wurde aber nur knapp ein Fünftel.
Vielleicht klappt es ja besser bei diesem Projekt.

Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, Verkehrsanbindungen und Pflegeeinrichtungen oder gar der Bau eines weiteren Krankenhauses sind übrigens noch nicht genannt worden. Dabei entstehen für die anliegende Anwohner:innen genau zu diesen Themen Fragen! Denn so viel geplanter neuer Wohnraum heißt auch, dass die Bevölkerungsdichte auf Wilhelmsburg (wohlbemerkt eine Insel mit begrenzten Kapazitäten, im wahrsten Sinne!) weiter zunimmt. Wo sollen die neuen Anwohner:innen einkaufen? Wie steht es um die medizinische Versorgung?

Im Fokus der bisher veröffentlichten Informationen steht lediglich die Erweiterung von Grünflächen und die Schaffung eines Naherholungsortes mit vielen sportlichen Freizeitangeboten. Sinn dahinter ist vielleicht auch, einen Stadtpark 2.0 in den Hamburger Süden zu holen.

Doch Wilhelmsburg steckt bereits in einem Gentrifizierungsprozess, besonders seit der IBA 2013. Jegliche Neubauten im ähnlichen Stil würden weiter dazu beitragen. Vor allem, wenn in den Wohnungsbau speziell ein Anteil Wohnraum für Stadtbedienstete und Beamt:innen eingeplant und gleichzeitig der Anteil an Sozialwohnungen zu gering ist.

Einerseits ist es natürlich immer eine Bereicherung, wenn die Stadt für mehr Vielfalt und Diversität sorgt, doch genauso müssen die bereits bestehenden Verhältnisse beachtet und mit in die Planung eingeschlossen werden. Der „Sprung über die Elbe” ist eine langfristig angelegte Strategie der Veränderung, doch derselbe Sprung sollte nicht dafür sorgen, dass Wilhelmsburg kernsaniert zu einem leblosen Stadtteil à la Hafencity verkommt.

Neben den eher düsteren Aussichten für die Zukunft Wilhelmsburgs, ist es natürlich erfreulich zu sehen, dass die Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt von der SPD sich für entsiegelte Flächen einsetzt und weitere Kleingärten eingeplant werden. Schade nur, dass man in denen nicht wohnen kann.

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Liza-Shirin Colak

Liza-Shirin Colak schreibt als jüngstes WIR-Mitglied besonders über Stadtteilentwicklung, Nachhaltigkeit und lokale Insel-Insider.

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