Protected Bikelanes und flache Schiffe

Auf der Veranstaltung zur „Mobilität in Wilhelmsburg“ gab es viele Vorschläge zur Verbesserung der Fahrradinfrastruktur und des öffentlichen Nahverkehrs

An zwei Stehtischen vor einer Stellwand unterhalten sich Hartmut Sauer und Dirk Petscheleit
Hartmut Sauer (ZEW), Moderator, und Dirk Petscheleit (WIR), Experte, im Gespräch über „Fahrradfahren in Wilhelmsburg“. Foto: W. Hopfenmüller

Gut 20 Interessierte hatten sich am 20. März 2025 im Seminarraum des Bürgerhauses versammelt, um über die Verkehrsprobleme der Elbinsel zu diskutieren. Die gemeinsame Veranstaltung vom Wilhelmsburger InselRundblick (WIR) und dem Bürger*innensender TIDE-TV war die zweite in der kleinen Reihe „PopUp Bürger*innen-Redaktion“, die die Teilnehmer*innen anregen möchte, zu den Themen, die ihnen „unter den Nägeln brennen“, selbst Beiträge im WIR oder bei TIDE zu verfassen (WIR 5.3.25). Die meisten der Besucher*innen beschäftigten sich nicht zum ersten Mal mit der Thematik. So hatten die eingeladenen Expert*innen – Heike Sudmann, Verkehrsexpertin der Linken, für den ÖPNV, WIR-Kollege Dirk Petscheleit für den Radverkehr, und Dirk Holm vom Bündnis Verkehrswende Hamburg für die A26-Ost – während des Workshops sehr sachkundige Mitdiskutant*innen.

Workshops zu vier Themen

Im ersten Teil der Veranstaltung wurden die einzelnen Themen in vier Gesprächsgruppen bearbeitet und die Ergebnisse an Stellwänden schriftlich festgehalten. In der Gruppe „Fahrradfahren in Wilhelmsburg“ berichteten die Teilnehmer*innen aus ihren Erfahrungen vor allem von der zunehmenden Unsicherheit für Radfahrer*innen. Bei fehlenden oder nicht genügend abgegrenzten Radwegen passierten die Autos Radfahrer*innen oft zu schnell und mit zu geringem Abstand und sie erlebten auch Aggressivität von Autofahrer*innen.

Eine wichtige Forderung war die Einrichtung von „Protected Bikelanes“ – geschützte, vom Autoverkehr durch einen Extrabordstein getrennte Radwege. Auch die Gefahr durch „Geisterfahrradfahrer*innen“ auf den Radwegen wurde angesprochen.

Die Gruppe „ÖPNV – Öffentlicher Nahverkehr“ beschäftigte sich einmal mit den bestehenden Wilhelmsburger Verkehrsmitteln, also der S3/S5 und den Bussen. So wurden die jetzt häufiger eingesetzten S3-Langzüge als Verbesserung gelobt, sie reichten aber zur Bewältigung des Verkehrs in der Rushhour nicht aus.

Zu den Busverbindungen gab es verschiedene Einzelkritiken. So wurde eine bessere Verteilung der Haltestellen der Linie 154 in der Georg-Wilhelms-Straße vorgeschlagen, sowie eine engere Taktung der Linie 155 und klarere Regelungen für die Mitnahme von Fahrrädern gewünscht. Ein wichtiges Thema war natürlich die Entwicklung der ÖPNV-Anbindung an die Hamburger City. Es wurde ein verlässlicher 7-Tage-Betrieb der Fähre 73 gefordert und die Anschaffung von flachen Schiffen, die auch bei Hochwasser unter der Argentinienbrücke hindurchfahren können.

Außerdem gab es Überlegungen, mit zusätzlichen Fähren oder festen Elbquerungen westlich von Hamburg die bestehenden Nord-Süd-Verbindungen zu entlasten. Und neben der „Zukunftsmusik“ einer zusätzlichen Schienenverbindung von Harburg über Wilhelmsburg ins Hamburger Zentrum wurde als kurzfristig umsetzbare Verbesserung eine Expressbuslinie von den Elbinseln in die Innenstadt gefordert.

In einer dritten Gruppe stellte Thomas Mühlichen vom ADFC die Idee einer Ost-Westverbindung von Finkenwerder bis Moorfleet mit einem Rad-Expressbus vor.

Die vierte Gruppe behandelte die A26-Ost, über die dann ausführlich im zweiten Teil der Veranstaltung nach der Pause diskutiert wurde.

Von der Mobilitätswende wird nur geredet

Das Podiumsgespräch im zweiten Teil moderierte Hartmut Sauer vom Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg (ZEW). Seine langjährige Erfahrung mit den „Pegelstand“-Veranstaltungen zu verschiedene Wilhelmsburger Themen lehrten ihn, meinte er, dass die Hamburger Politiker*innen oft interessante Pläne vorstellten, von denen im Stadtteil dann aber oft wenig ankomme.

Nach den Berichten aus den Gruppen ging es unter anderem um die Reduzierung des Autoverkehrs. Es werde zwar von der Mobilitätswende geredet, aber z. B. werde das neue Rathausviertel ausdrücklich nicht als „autofreies Quartier“ geplant. Und die dort vorgesehenen „Quartiersgaragen“ würden die Zahl der parkenden Autos nur vermindern, wenn ihre Nutzung für die Mieter*innen auch verpflichtend sei.

Die A26-Ost ist noch nicht beschlossen

Den größten Raum in der Podiumsdiskussion nahm dann die A26-Ost ein. Die von Umweltverbänden und vom Bündnis Verkehrswende seit Jahren als verkehrspolitisch unsinnig und umweltzerstörend kritisierte Autobahn durch Wilhelmsburgs Süden ist zur Zeit wieder ein wichtiger Gegenstand in den Koalitionsverhandlungen in Hamburg und Berlin. In Wilhelmsburg ist es um die Autobahn in letzter Zeit eher still geworden. Die A26-Ost gehört nicht zu den Alltags-Verkehrsproblemen, zumal im Westen der Elbinsel.

Dirk Holm berichtete, dass die A26-Ost längst nicht beschlossen sei. Es gebe nach wie vor keine Finanzierungszusage vom Bund und es stehe auch noch die Entscheidung über eine Klage der Umweltverbände BUND und NABU gegen die Autobahn aus. Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts werde erst im September gerechnet. Aber es gebe jetzt schon mehrere 100 Millionen Euro für vorbereitende Maßnahmen, wie „Erkundungsbohrungen“ zur Erfassung des Untergrunds.

Ein Anwohner aus dem Katenweg in Kirchdorf berichtete sehr anschaulich über diese vorbereitenden Maßnahmen mit tonnenschweren Baggern und Bohrgeräten direkt vor seiner Haustür. Die Bewohner*innen von zehn Häusern in der Straße habe die DEGES bereits herausgekauft. Auf seine Frage, wieso sie hier arbeiten, obwohl es noch gar keinen Planfeststellungsbeschluss gebe, habe der Bauleiter gesagt, sie hätten eine Sondergenehmigung. Dirk Holm wies noch auf die nach allen Erfahrungen mit Sicherheit explodierenden Kosten der Autobahn hin und auf die Flächenkonkurrenz zu dem neuerdings auf der Hohen Schaar geplanten Zukunftsprojekt „Sustainable Energy Hub Hamburg“, einem Zentrum für Wasserstoffwirtschaft.

Nun ist es aber auch mal genug

Hartmut Sauer sagte abschließend: „Die Menschen in Wilhelmsburg haben in den letzten Jahren viele Umweltbelastungen hinnehmen müssen. Nun ist es aber auch mal genug. Die Wilhelmsburger*innen haben alles Recht, den Senat „anzupinkeln“ und deutlich zu machen, dass diese unsinnige und überteuerte A26 nicht durch unseren Stadtteil gehen darf.“

Katrin Jäger von TIDE TV wies zum Schluss der Veranstaltung noch einmal auf das Motto der Reihe „PopUp Bürger*innenredaktion“ hin und ermunterte die Anwesenden, zu den behandelten Themen Beiträge zu verfassen. Zunächst war der Abend aber für die Besucher*innen vor allem eine Gelegenheit, sich einmal wieder über die Verkehrsprobleme auf den Elbinseln auszutauschen.

Zum Film von TIDE geht es hier.





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Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

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