Nachgefragt! Menschen, die uns neugierig machen

In unserer Reihe stellen in loser Folge Menschen andere Menschen vor. Ist auch Ihnen jemand begegnet, die/der Sie beeindruckt oder neugierig gemacht hat? Dann schreiben Sie uns.

Die Wohnblocks, die für andere befremdlich sind, sind unser Zuhause

Barbara Kopf stellt Omeima Garci vor.

Die 19jährige Omeima Garci hat vielfältige Interessen. Foto: privat

In Wilhelmsburg gibt es viele Menschen mit ihren Geschichten in vielen Sprachen. Hören wir hin! Jede:r hat eine eigene Geschichte, die aber unmittelbar verknüpft ist mit vermeintlich größeren Ereignissen, mit Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklungen. Erinnern wir uns: Entwicklung entsteht durch Widersprüche, sowohl im persönlichem Bereich als auch im politischen.

Heute möchte ich Omeima Garci vorstellen! Omeima ist – obwohl erst 19 Jahre alt – schon lange journalistisch tätig und bestimmt nachsichtig mit mir, der Hobby-Reporterin. Die junge Frau aus Wilhelmsburg, die ich über Hédi Bouden, Theaterlehrer am Helmut-Schmidt-Gymnasium, kennenlernen durfte, hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich habe Omeima meine Fragen zugeschickt.

Barbara: Omeima, wo bist du gerade, wenn du diese Fragen beantwortest?

Omeima: Ich sitze an meinem Schreibtisch. Wie durch mein Online-Semester aktuell die meiste Zeit.

B.: Was siehst du, wenn du aus dem Fenster schaust?

O.: Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine gut befahrene Straße und sonst nicht sonderlich viel.

B.: Was hast du heute schon so gemacht?

O.: Ich habe ein Interview abgegeben, was hoffentlich bald erscheint, ansonsten bin ich dabei, mich auf das nächste Semester vorzubereiten.

B.: Was studierst du?

O.: Ich studiere Rechtswissenschaften mit Philosophie im Nebenfach.

B.: Was verbindet dich mit Wilhelmsburg?

O.: Wilhelmsburg ist ein Stadtteil, in dem die verschiedensten Menschen aufeinandertreffen. Hier wird die Vielfalt ganz Hamburgs sichtbar. Ich liebe es, mit so vielen unterschiedlichen Leuten zu tun zu haben. Und dadurch auch ganz verschiedene Kulturen kennenzulernen. Ich glaube, den Mehrwert der interkulturellen Kompetenz wissen Leute aus Wilhelmsburg besonders zu schätzen. Dadurch, dass Wilhelmsburg gerade durch die Arbeiter:innen-Klasse geprägt ist, haben viele die gleichen Sorgen und Ängste. Und ich glaube, das schweißt Menschen auch noch enger zusammen.

B.: Du sprichst von der Arbeiter:innen-Klasse, und stellst somit auch die soziale Frage nach gerechter Teilhabe und Möglichkeiten für alle. Meiner Meinung nach ist diese Frage – neben den identitätspolitischen Ansätzen – die wichtigste, und auf die Antworten der jungen Generation bin ich sehr gespannt. Wo ist dein Lieblingsplatz auf der Insel? Wo sind deine Lieblingsplätze?

O.: Mein Lieblingsplatz ist da, wo auch meine Freunde und Freundinnen sind, das heißt, meistens entweder im Inselpark oder auf einer beliebigen Bank in Alt-Wilhelmsburg. Ganz gerne bin ich aber auch in meiner alten Schule: dem Helmut-Schmidt-Gymnasium.

Arbeit gegen den Antisemitismus ist auch im Jahre 2021 noch wichtig.
Foto: Hédi Bouden 

B.: Welche Menschen haben dich besonders geprägt?

O.: Ich glaube, das ist ganz schwer zu sagen, es haben mich unterschiedliche Menschen geprägt. Zum einen natürlich primär meine Lehrer*innen, mit denen ich auch eng zu zusammengearbeitet habe. Hier ganz besonders Herr Bouden, mit dem ich nach wie vor an verschiedenen theaterpolitischen Projekten arbeite. Das Arbeiten mit ihm und allen anderen aus unserer Theater-Gruppe Viel Theater um Uns macht ganz viel Spaß, weil es sich nicht wie Arbeit anfühlt. Gemeinsam schaffen wir Aufklärung und sorgen für den Erhalt der Erinnerungskultur, dabei sind wir in einer aktiven Rolle. Ansonsten, nicht direkt Menschen, aber Politik und Musik haben mich besonders geprägt. Wilhelmsburg ist ein besonders politischer Stadtteil, der klare Kante gegen rechts und sich solidarisch zeigt, wenn Solidarität gefragt ist. Musikalisch war es vor allem Deutschrap, der mich geprägt hat, auch heute noch sind Hamburger Rapper:innen wie Jaill, Disarstar und Eunique treue Wegbegleiter.

B.: Was magst du an unserem Stadtteil?

O.: Ich mag an Wilhelmsburg, dass man sich in jeder Ecke zuhause fühlt. Die Blocks, die für andere befremdlich sind, sind unser Zuhause. Wenn man weiß, dass sein Gegenüber aus Wilhelmsburg ist, dann öffnet sich ein Fenster im inneren Auge und ganz viele Gemeinsamkeiten werden bemerkbar.

B.: Was magst du nicht?

O.: Es ist leider so, dass vor ein paar Jahren die Mieten gestiegen und somit Wilhelmsburger:innen aus ihrem eignen Viertel vertrieben worden sind, damit da jetzt hippe Familien einziehen können, die sich die Mieten leisten können. Gentrifizierung findet natürlich nicht nur in Wilhelmsburg statt, aber es ist schade zu sehen, wie das Viertel langsam an Ecken und Kanten verliert und immer lukrativer für die Immobilienbranche wird.

B.: Ich habe neulich eine ziemlich nette Frau aus der Mittelschicht getroffen, die nach Wilhelmsburg gezogen ist und jetzt keinen Wohnungsbau mehr möchte auf der Insel … da musste ich schon zucken … Es hat sich etwas verändert, besonders im Reiherstiegviertel, welches häufig synonym gebraucht wird für Wilhelmsburg. Festzustellen ist aber auch, dass in Gebieten wie Kirchdorf-Süd oder altes Bahnhofsviertel tröstlicherweise (noch) keine Gentrifizierung stattfindet.
Magst du uns auch etwas über deine Herkunft, deine Wurzeln verraten?

O.: Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist aus Tunesien und meine Mutter aus Marokko. Meine Mutter kam nach Deutschland, um hier weiter Biologie zu studieren; mein Vater hat auf Grund von politischer Verfolgung durch den ehemaligen Machthaber Ben Ali zehn Jahre seines Lebens hier im Exil verbracht. In Tunesien war er Jurist.

B.: Du studierst ja in Lüneburg. Wie geht das während der Corona-Pandemie?

O.: Ehrlich gesagt fällt es mir sehr schwer, da alles, was ein Studium „erträglich’’ macht, wegfällt. Ich würde gerne mit Kommiliton:innen den Uni-Alltag genießen, oder auch in Vorlesungssälen sitzen. Stattdessen sitzt man viel zu lange vor seinem Laptop, und es fühlt sich surreal an, wenn man den Laptop nach der Vorlesung ausmacht.

Als einzige ging Omeima mit zwei Preisen für ihren Artikel nach Hause. Foto: Julius Erdmann/Raufeld Medien

B.: Wo siehst du dich in zehn Jahren?

O.: Ich sehe mich glücklich an einem Ort, wo mir Menschen zuhören oder zusehen, wie ich anderen Menschen eine Bühne gebe. Das kann vieles heißen, zum einen eine journalistische Karriere, eine kreative’’ im Sinne des Theaters oder aber auch eine politische Karriere? Ich bin vielfältig, mir ist wichtig, dass ich meinen Leidenschaften nachgehe.

B.: Hast du auch einen Job?

O.: Ich gebe Nachhilfe und plane die Utopie-Konferenz mit Richard David Precht und Maja Göpel an meiner Uni.

B.: Uups, das sind aber sehr bekannte Namen. Precht habe ich neulich in einer Talkshow gesehen, er kam mir etwas verpeilt vor und auch mit eher rudimentären Kenntnissen der sozialen Problemlagen behaftet. Wie kommt ihr gerade auf ihn?

O.: Ich gehe einmal stark davon aus, dass das damit zusammenhängt, dass Herr Precht auch an unserer Uni lehrt, und er als Philosoph’’ für eine Utopie-Konferenz ganz passend ist.

B.: Was machst du, wenn du Freizeit hast?

O.: Am liebsten treffe ich mich mit Freund:innen, und gehe – sofern das wieder möglich ist – auf Festivals. Ansonsten gehe ich gerne auf Demos.

Gastgedanken, Illustration von zwei jungen Frauen
Podcast Gastgedanken. Abb.: funky

B.: Und jetzt auch noch eine Frage zur aktuellen Corona-Situation in Deutschland: Was bedeutet diese Pandemie für dich und dein Umfeld?

O.: Diese Krise wird auf dem Rücken der Arbeiter:innen ausgetragen. Durch Corona wird die Misere ungefiltert deutlich. Die Arbeit, die systemrelevant ist, ist viel zu schlecht bezahlt. Pfleger:innen, die nach viel zu langen Schichten nach Hause kommen, müssen sich auch noch um die Bildung ihrer Kinder kümmern. Dadurch, dass der normale Schulunterricht wegfällt und vieles online stattfindet, muss auch viel nachgeholt werden. Während andere Schulkinder bestens betreut werden, weil ihre Eltern „bequem’’ Home-Office machen können, sind andere auf sich allein gestellt. Hinzu kommt, dass nicht alle ein Zimmer zum Lernen haben und auch nicht die technische Ausrüstung. Dadurch, dass konzentriertes Lernen durch fehlende Arbeitsräume, wie man sie vor der Pandemie in Form von Lernräumen der Bücherhallen fand, wegfällt, werden auch die Noten schlechter, was nochmal unterstreicht, dass Chancengleichheit eine Illusion ist.

B.: Wen, meinst du, soll ich hier auch noch einmal vorstellen?

O.: Herrn Bouden, der zuständig ist für die politische Aufklärung in Form von Theaterprojekten und Frau Ashufta, die sich für die frühe Integration Geflüchteter einsetzt. Beide arbeiten am Helmut-Schmidt-Gymnasium.

B.: Liebe Omeima, vielen Dank für alles. Wir wünschen dir viel Erfolg und Glück und sind sicher, noch viel von dir zu hören.

Ein Gedanke zu “Nachgefragt! Menschen, die uns neugierig machen

  1. Liebe WIRler:innen,
    sehr gut gefällt mir der E-WIR😊
    Ich lese sowieso lieber digital. Ansprechend finde ich die bunten Fotos und übersichtlich wird der E-WIR, dass nur die Überschriften und ein Teaser erscheint. Dann kann man reinklicken, wenn man weiterlesen möchte.
    Vielen vielen lieben Dank 😘
    Britta Ihmels

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