Durchhalten!

Natur statt Pädagogik!

Letztens flatterte eine Pressemeldung in den elektronischen Briefkasten des WIR. In der Betreffzeile stand ein wirklich guter Satz, sogar mit Aufforderungscharakter: „Jedem Kind seine Naturerlebnisse!“ Das stand da, und darunter: „Pressetermin mit Senatorin Dr. Leonhard“.

Ich rieb mir die Augen. Was war da los? Hatte die Sozialsenatorin tatsächlich das Thema „Umweltgerechtigkeit“ entdeckt? Was die Umweltbehörde nicht auf die Reihe kriegt, würde ab jetzt die Sozialbehörde ausbügeln? Würde Melanie Leonhard bei der Pressekonferenz auf den Tisch hauen und rufen: „Jedem Kind seine Naturerlebnisse! Der Wilde Wald in Wilhelmsburg muss bleiben, denn er ist für die Kinder aus dem Reiherstiegviertel die einzige erreichbare, echte Natur!“?

War dann nicht ganz so.

Bei „Jedem Kind seine Naturerlebnisse!“ handelt es sich um eine neue Fortbildungsmaßnahme für Kita-Erzieher:innen, unter der Schirmherrschaft der Sozialsenatorin und aufgelegt von der Loki-Schmidt-Stiftung.
Zum Beispiel die Erzieher:innen aus den Kitas im Reiherstiegviertel können sich dort jetzt ein Jahr lang fundiert und mit allem Pipapo naturpädagogisch weiterqualifizieren.

Und danach können sie dann mit den Kindern losziehen, die Lupe, das leere Marmeladenglas, die Spiele im Gepäck, und … und … dann … den Lastern beim Abtransport der letzten Baumstämme aus dem ehemaligen Pionierwald am Ernst-August-Kanal zugucken.
Oder mit der ganzen Kinderschar einen Bus besteigen, in die Wilhelmsburger Mitte, zum Gartenschau-Park, fahren und dort den Natur-Erlebnisgarten des BUND aufsuchen. (Dafür hätten sie dann allerdings die Fortbildung nicht zu machen brauchen, denn der Erlebnisgarten ist Naturpädagogik pur.)

So wie damals bei der Gartenschau ein Wälderhaus statt Wald bekommen wir jetzt Naturpädagogik statt Natur.

Beim Pressetermin im Fischbeker-Heide-Haus der Loki-Schmidt-Stiftung lobte Schirmherrin Melanie Leonhard: „Hier erleben Fachkräfte Natur und Naturerlebnispädagogik neu und anregend, um dann mit den Kindern gemeinsam mehr zu entdecken und zu erleben.“
Ja, aber wo denn bitte?! Wo sollen die Kinder denn noch Natur entdecken und erleben, wenn nach und nach alle echten Naturräume in der Stadt zerstört und versiegelt werden?

Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die Eltern und Erzieher:innen aus den Kitas in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wilden Wald sich für den Erhalt dieses Pionierwaldes einsetzen. Schon jetzt gehen sie nämlich mit ihren Schützlingen dorthin, zum Spielen, Forschen und Einfach-mal-Durchatmen. Weil sie wissen, dass diese echte Natur den Kindern unendlich gut tut. Und dafür brauchen sie nicht mal eine Naturpädagogik-Ausbildung!

Sigrun Clausen

Wenn sie nicht am Nachbarschreibtisch in ihrer Schreibstube arbeitet oder in der Natur herumlungert, sitzt sie meist am Inselrundblick. Von ihm kann sie genauso wenig lassen wie von Wilhelmsburg.

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