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Ein Jahr Online-Zeitung: Es wird nicht einfacher

Ein Jahr ist der Wilhelmsburger InselRundblick jetzt online. Der elektronische WIR, der eWIR, ist eine Netz-Stadtteilzeitung geworden. Als wir uns für diese Ausgabe selbst zu „Ein Jahr online” interviewten, wurde deutlich, dass die Umstellung nicht nur eine technische, organisatorische Herausforderung war und ist, sondern auch eine inhaltliche. Denn die Frage nach dem Unterschied zwischen journalistischer Berichterstattung und Öffentlichkeitsarbeit/PR/Werbung/Mobilisierung stellt sich im Netz noch einmal anders – und damit auch die Frage, wie wir unser Prinzip „von Vielen für Alle” darin gestalten.

Beispiel Pressemitteilung (PM)

Grundsätzlich neu ist die Problematik nicht. Sie ist Folge einer Entwicklung, die vor 15, 20 Jahren begonnen hat. Seitdem verwischen sich die Unterschiede zwischen den journalistischen und den im weitesten Sinne eigenwerbenden, selbstdarstellenden Formaten immer mehr. Viele Mediennutzer:innen sind heute nicht mehr in der Lage, den Unterschied zu erkennen, auch weil viele Medien ihn möglichst unkenntlich machen.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist der Umgang mit Pressemitteilungen. Früher war die Pressemitteilung in der Regel eine Presseeinladung. Es stand ganz kurz drin, um welches Thema es ging, gefolgt von der Einladung an die Presse, die betreffende Sache in Augenschein zu nehmen bzw. zu einem Termin oder einer Veranstaltung zu kommen. Es ging darum, die Journalist:innen zu motivieren, über die Angelegenheit zu berichten – was übrigens auch die Bereitschaft bedeutete, sich dem Blick von außen zu stellen.

Heute ist eine Pressemeldung tatsächlich ein vollständiger, meist in Bericht-Form verfasster Selbstdarstellungstext, quasi fertig zum Abdruck (je nachdem, wie professionell er gemacht ist). Gleichzeitig haben in den geschrumpften Redaktionen die verbliebenen Journalist:innen keine Zeit mehr, zu Terminen hinzugehen, zu recherchieren und dann selbst einen Artikel zu schreiben. Also werden die PMs gern genommen, im besseren Fall als Textbausteine für einen halbwegs eigenen Text, im schlechteren Fall als Komplettabdruck, meist auch unter dem Kürzel des/der betreffenden Redakteur:in.
Vor allem Letzteres deckt sich mit der Erwartung derjenigen, die die PM verschicken. Wenn ich als Journalistin da sage: „Klingt interessant, was Sie uns geschickt haben. Ich würde gern über Sie berichten. Wann kann ich zu Ihnen kommen?”, dann stößt das oft auf wenig Begeisterung: „Warum? Ich hab Ihnen doch schon alles geschrieben!” Es ist, als sei der Blick von außen nicht mehr gefragt, als würden Zeitungen oder Radiosender nur mehr als Plattformen für Öffentlichkeitsarbeit und Eigendarstellung wahrgenommen.

Mediale Schwerpunkte haben sich verschoben

Für uns, die wir einst sowohl als Zeitung als auch als Sprachrohr des nachbarschaftlichen und bürgerschaftlichen Engagments gestartet sind – in einer Zeit, als es für die Informationsweitergabe und Meinungsäußerung der Initiativen und Vereine tatsächlich kein Medium gab – ist die geschilderte Entwicklung schon lange ein Problem. Denn die namentlich gekennzeichneten Artikel von Mitgliedern bestimmter Initiativen, die – ganz bewusst im Wilhelmsburger InselRundblick, ganz bewusst für die hyperlokale Öffentlichkeit – ein politisches oder soziales Problem aus Sicht der engagierten Bürger:innen beleuchten, sind weniger geworden; ebenso jene, die ganz individuell von einem neuartigen Kulturprojekt berichten. Stattdessen bekommen wir viele PMs von etablierten Einrichtungen und Veranstalter:innen, die über einen großen, professionellen Verteiler geschickt werden. Und auch die Inis haben sich gewissermaßen professionalisiert; es werden uns auch von ihnen mehr und mehr allgemeine PMs und Veranstaltungsankündigungen geschickt.
Heute liegt bei allen der mediale Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit und PR, während die Nutzung des WIR als Plattform für politische Diskurse von externer Seite eher zurückgegangen ist.

Was unterscheidet unsere Netzzeitung von einer Homepage?

Mit dem Internet hat die Problematik eine neue Gestalt angenommen. Denn mittlerweile haben die Initiativen, Gruppen, Einrichtungen und Institutionen allesamt ihre eigene Homepage oder Website. Und die zwei Jahre Corona-Schutzmaßnahmen haben dafür gesorgt, dass viele ihre Internetpräsenz noch einmal deutlich ausgebaut und professionalisiert haben. Da ist jetzt jede selbst ihr Sprachrohr. Eigentlich bräuchten die nun gar keine PMs mehr zu verschicken – sie können ja alles auf ihrer eigenen Homepage platzieren und schon ist es, jedenfalls theoretisch, einer weltweiten Öffentlichkeit zugänglich.
Für uns bedeutet das: WIR müssen uns nun nicht mehr „nur” über den Unterschied zwischen PM und journalistischer Berichterstattung und die diesbezügliche Gratwanderung auf unserem Sprachrohr-Prinzip „von Vielen für Alle” Gedanken machen, sondern jetzt auch darüber, wie wir uns als Netzzeitung von den anderen Internet-Formaten abgrenzen.

Was unterscheidet eine Online-Stadtteilzeitung von den Homepages, Websites, Plattformen, Foren und Blogs der Stadtteil-Einrichtungen und Stadtteil-Kulturorte, der lokalen Vereine und Initiativen?
Uns unterscheidet, dass WIR auch als eWIR einfach weiterhin Zeitung bleiben. Wir berichten. Wir sind der Blick von außen auf die Geschehnisse und Aktivitäten in Wilhelmsburg. Wir wollen die Dinge selbst in Augenschein nehmen, uns eben nicht mit offiziellen Verlautbarungen und Pressemitteilungen zufrieden geben. Wir versuchen zu verstehen und darzustellen, wie sich die „große Politik” des Hamburger Senats, der Bürgerschaft, des Bezirks auf unseren Stadtteil auswirkt. Wir schreiben auch über Themen, über die sonst niemand schreibt und versuchen Hintergründe zu recherchieren.
Kurzum: Zeitung ist Berichterstattung, Homepage ist alles von Öffentlichkeitsarbeit bis Eigenwerbung; wörtlich übersetzt die Zuhause-Seite des jeweiligen Betreibers. Auch Homepages können politisch, kritisch, informativ, umfassend, berichtend sein – der Unterschied zur Zeitung besteht darin, dass die Informationen immer in Bezug zu jenen, die die Homepage betreiben, stehen und mittelbar oder unmittelbar ihre Anliegen verfolgen.

Meines Erachtens wird es, im Angesicht der vielfachen Möglichkeiten im Internet, für uns als Online-Zeitung nun noch wichtiger, den Aspekt der Berichterstattung hervorzuheben. Einer kritischen, reflektierenden Berichterstattung. Das bedeutet viel Arbeit für unsere ehrenamtliche Redaktion. Deshalb ist es ein großes Glück, dass WIR, seit wir online sind, zwei neue Redaktionsmitglieder gewinnen konnten, die sich für genau diesen Aspekt unseres Zeitungsprojekts interessieren.

Was wird aus „von Vielen für Alle”?

Eine weitere Frage stellt sich: Braucht es den WIR als Sprachrohr „von Vielen für Alle” im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten der digitalen Informationsverbreitung für alle überhaupt noch?
In gewisser Weise ja. Denn als Zeitung führen wir die Informationen der Stadtteilinitiativen und Institutionen zusammen und sortieren sie in Rubriken. So bieten wir einen Überblick und ordnen zugleich die Informationen ein. Vor allem unser Terminkalender „WANN in Wilhelmsburg” ist ein gutes Beispiel dafür.
Wichtig bleibt aber, eine PM möglichst als Anregung, als erste Info für eine eigene Recherche, eine eigene Geschichte zu betrachten und sie eben nicht 1:1 als Artikel zu verwenden. In Bezug auf Veranstaltungen bedeutet dies: Öfter und ausführlicher über sie berichten, sparsamer ankündigen.
Der Schwerpunkt unseres Prinzips „von Vielen für Alle” sollte im Netz nicht mehr unbedingt auf dem Verbreiten, sondern auf dem sinnvollen Zusammenführen der Informationen liegen. Das ist unsere neue Aufgabe. Ich glaube, dieses Einordnen ist auch originäre Aufgabe einer Zeitung. Zeitungsleser:innen erwarten genau das.
Übrigens: Im Unterschied zu anderen Zeitungen, werden bei uns die Pressemitteilungen immer als solche gekennzeichnet. Es steht dann PM darüber. Das ist uns wichtig, wir finden es ehrlicher.

Werden WIR zur Meta-Homepage von Wilhelmsburg?

Tatsächlich bleibt aber der Umgang mit den vielen PMs ein Konflikt, den wir, so finde ich, noch nicht zufriedenstellend gelöst haben. Die Gratwanderung zwischen einem guten, differenzierten und eigenständigen Sprachrohr „von Vielen für Alle” und simplem Verlautbarungsjournalismus geht online weiter. Und weiterhin werden wir wohl ab und zu auch mal abstürzen.

Dennoch sehe ich keine Gefahr, dass der eWIR zur bloßen Meta-Homepage von Wilhelmsburg verkommt. Dafür sind unsere externen Autor:innen und wir Redakteur:innen noch immer viel zu aufmerksam, kritisch und eigensinnig!

Damit das auch in Zukunft so bleibt, liebe Menschen: Schickt uns weniger PMs – schreibt lieber Artikel über eure Aktivitäten, Texte, die von eurer kompetenten, engagierten und individuellen Perspektive leben. WIR freuen uns drauf!

Sigrun Clausen

Wenn sie nicht am Nachbarschreibtisch in ihrer Schreibstube arbeitet oder in der Natur herumlungert, sitzt sie meist am Inselrundblick. Von ihm kann sie genauso wenig lassen wie von Wilhelmsburg.

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