Überraschung auf der Veddel – plötzlich tat sich ein Loch auf

Eine Lehrerin verschwand in der Erde vor den Augen der Schüler:innen

Ein großes Erdloch, links eine Wurzel und im oberen Drittel eine Wurzel. Darunter sieht man Mauerreste. Im Zentrum ist es wie eine sehr dunkle Höhle.
Wie groß ist der Hohlraum unter der Wiese tatsächlich? Foto: Zehrendt

Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Aber auch zwei Monate nach dem Unglück leidet Sadbere Karimani immer noch unter Albträumen und Schmerzen. Am 15. Dezember 2021 fiel sie in einem kleinen Park am Immanuelplatz auf der Veddel in ein tiefes Loch. Zum Glück hielten Mauerreste in circa zwei Metern Tiefe sie auf, denn der Hohlraum war noch viel tiefer.

Sadbere Karimani (s. unten) ist seit 30 Jahren Lehrerin an der nahegelegenen Schule auf der Veddel, früher Schule Slomanstieg. Insbesondere in diesen Pandemiezeiten gehen die Lehrer:innen gern mit den Schüler:innen nach draußen. Da es auf dem Schulhof zu eng ist und sie den Sportplatz mit dem neuen Rasen nicht mehr nutzen dürfen, verteilen sie sich in der Umgebung. An diesem Mittwoch im Dezember hatte Sadbere Karimani Vertretungsunterricht in einer 6. Klasse und ging mit den Schüler:innen, einer Kollegin und einem Schulbegleiter zu dem kleinen Park am Ende der Straße. Die Schüler:innen wollten nachschauen, ob in einen Asthaufen Igel eingezogen waren. Zum Glück waren die Kinder nicht in der Nähe, als die drei Erwachsenen das Loch entdeckten. Als sie sich die Sache ansehen wollten, rutschte auch noch einen halben Meter daneben die Erde weg und riss Sadbere Karimani mit in die Tiefe.

Die Kollegin rief sofort die Polizei und der Schulbegleiter zog Frau Karimani aus dem Loch. „Ich war wie gelähmt und konnte meine Beine nicht bewegen“, erinnert sie sich. „Noch heute leide ich an Albträumen und brauche physische und psychische Hilfe“. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet. Sie war skeptisch, ob die Verwaltung den Vorfall mit der nötigen Aufmerksamkeit behandeln würde. Sie hat das Gefühl, dass niemand sich um die Veddel kümmert.

Sieben Wochen sicherte lediglich ein Flatterband die heikle Fläche

Das gleiche wie das Beitragsbild mit den Häusern im Hintergrund, davor Autos, davor das Flatterband, links ein Mülleimer. Im Zentrum der Erdhügel neben dem Parkweg.
Zum Glück ist nicht noch mehr passiert. Foto: Marianne Groß

Allerdings wurde das Loch umgehend zugeschüttet und das Gelände mit einem Flatterband umspannt. Eine ziemlich magere Vorsichtsmaßnahme, wenn man bedenkt, dass es wahrscheinlich weitere Hohlräume gibt, die einstürzen können.

Seit dem 7. Februar sichert ein solider Bauzaun das Gelände. Wann es weiter geht, also der Kampfmittelräumdienst und später vielleicht das Denkmalamt ihre Arbeit aufnehmen, werden WIR beobachten.

Links im Vordergrund ist ein rot/weiß gestreifter Poller. Fast über das ganze Bild zieht sich ein Bauzaun von ca. 2 Meter Höhe. Dahinter Büsche, ein Parkweg und im rechten Drittel ein Parkschild auf einem ca. zweieinhalb Meter hohen Pfahl.
Wann kann der kleine Park wieder freigegeben werden?
Foto: Marianne Groß

WIR haben von dem „Loch auf der Veddel“ durch Dieter Thal (s. unten) erfahren. Er rief uns Ende Januar 2022 an. Er hatte am 15. Dezember 2021 von einer Bekannten auf der Veddel eine Email mit Bildern von dem Loch erhalten. Den bekannten Veddel-Hobby-Historiker riefen danach noch weitere Bekannte an. Er wusste sofort, was früher auf dem Gelände gestanden hat.

Hier sein Bericht:

Dieter Thal. Ich habe am 15. Dezember zum ersten Mal von dem Loch  gehört. Frau Rothe von der Veddel schickte mir eine Email mit Bildern von diesem frisch entstandenen Loch. Am 17. Dezember bekam ich den zweiten Hinweis von einer anderen Bewohnerin. Kurz danach erfolgte ein Anruf von der Zeitung „Die Zeit“, verbunden mit einem Interview. Dort ist auch ein ausführlicher Bericht erschienen.

Das ist wohl das Bild einer Postkarte mit der früheren Mädchenschule, die dort stand, wo heute das Loch ist. Oben links steht Veddel und daneben "Neue Mädchenschule. Die Schule hat ein Souterain, drei Stockwerke, rechts und links vom Dach sind zwei Giebel. Auf der ganzen Front sind Fenster im damaligen Stil.
Die Veddeler Mädchenschule am Immanuelplatz wurde 1943 ausgebombt.
Fotoarchiv: veddel-bilder.de

Ich weiß, dass an der Stelle, wo sich das Erdloch bildete, von 1892 bis Juli 1943 die Veddeler Mädchenschule stand. Sie wurde Opfer der Bombenangriffe. Die Trümmer wurden nur oberflächlich geräumt. Warum die Keller- und Souterraintrümmer nicht ganz geräumt wurden, lässt sich heute wohl nicht mehr ganz klären. Die Schule stand neben dem heutigen Sportplatzheim.

Zu der allgemeinen Bodenbeschaffenheit der Veddel gehört auch die Tatsache, dass fast die ganze Veddel mit Sand aufgeschüttet wurde. Das fing bereits um 1868  mit der ersten Bebauung von drei- bis vierstöckigen Wohnblocks auf der „alten“ Veddel an. 1923 erfolgte die letzte große Aufschüttung, da wurde die Veddeler Brückenstraße bis zu einer Höhe von zwei Metern mit Sand begradigt. Diese Aufschüttungen lassen vermuten, das sie nicht ganz unschuldig  an den immer wieder festgestellten Erdbewegungen sind. Diese Erdbewegungen sind auf der Veddel inzwischen zum Problem geworden. Aktuell sind der Warmwasserblock (s. WIR 9/19 und WIR 3/20) und der Kirchturm davon betroffen. Der Block wird unter Beobachtung vom Denkmalschutzamt renoviert. Bei dem Kirchturm scheint die Vorgehensweise wohl noch nicht ganz klar zu sein. Die Glocken schweigen schon seit einiger Zeit, dafür wurden Lautsprecher für eine Beschallung installiert.

Wer sich über die ursprüngliche Höhe der Veddel ein Bild machen möchte, sollte sich den Sportplatz ansehen, dieser entspricht dem alten Niveau der Veddel. Die Zukunft wird sicherlich noch einige Überraschungen für die Veddel bereit halten, denn die heutigen großen Schumacher Bauten wurden alle nach 1924 errichtet.


An zwei zusammen gestellten Schultischen in der Mitte steht links ein Schulstuhl, Holz mit grünem Gestell. Auf dem zweiten Stuhl links dahinter sitzt Dieter Thal, hinter den Tischen Sadbere Karimani und rechts Marianne Groß. Hinten an der Wand hängt eine Leine mit den Buchstaben WELCOME. Hinter Marianne Groß steht eine große Grünpflanze. Vorne rechts steht noch ein leerer Stuhl. Auf dem Tisch ist Geschirr und eine Warmhaltekanne.
In der Schule Auf der Veddel: Dieter Thal und Sadbere Karimani im Gespräch mit Marianne Groß. Foto: Suheyla Gülcicek

Sadbere Karimani ist die älteste von sechs Geschwistern. Als Erster kam der Vater nach Deutschland. Nach 12 Jahren folgte die Mutter mit drei Kindern und zwei Jahre später die 16-jährige Sadbere mit dem zwei Jahre jüngeren Bruder. Der jüngste Bruder wurde hier geboren. Der Vater, der als Dometscher arbeitete, meldete die beiden Ältesten, wie später auch die jüngeren Geschwister, sofort auf dem Gymnasium an. Sie sollten eine gute Ausbildung bekommen. Die Lehrerin war skeptisch, aber alle haben das Abitur geschafft und fast alle studiert. Sadbere studierte Erziehungswissenschaften. Schon während des Studiums war sie als Dolmetscherin für Türkisch und Albanisch tätig. Insbesondere lag ihr am Herzen, Kinder, die wegen der mangelnden Sprachkenntnisse auf der Sonderschule waren, richtig zu beurteilen und ihnen die bestmöglichen Bildungschancen zu eröffnen. Als Studentin dolmetschte sie auch schon auf der Veddel, wo sie nun schon seit 30 Jahren tätig ist. Sie hat keine eigene Klasse, sondern macht klassenübergreifend Sachunterricht in den Herkunftssprachen Türkisch und Albanisch. Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus empfiehlt sie – wenn irgend aussichtsreich – den Übergang zu weiterführenden Schulen.

Sadbere Karimani hat zwei erwachsene Kinder und freut sich über ihr Enkelkind. Meist fährt sie von Lurup, wo sie mit ihrer Familie wohnt, mit dem Fahrrad zur Arbeit auf der Veddel. Mal durch den alten Elbtunnel, aber auch oft über die Freihafenbrücke.


Dieter Thal wohnte bis zum 14. Lebensjahr in den Auswandererhallen auf der Veddel. Seine Familie war die letzte, die dort auszog. Im Jahre 2004 übernahm er die Leitung und Organisation vom Veddeler Erzählcafé, das 1998 gegründet wurde. Vor der Pandemie trafen sich regelmäßig bis zu 60 ältere ehemalige Bewohner:innen der Veddel, um bei Kaffee und Kuchen ihre gemeinsamen Erinnerungen auszutauschen. Über die Jahre entstand so auch das umfangreiche Veddel-Archiv, dessen Bestand inzwischen auf über 5.000 Fotos, viele Karten und viele andere historische Unterlagen angewachsen ist. Dieses Archiv unterstützte bisher sehr viele Einrichtungen, Behörden und einzelne Personen, besonders ehemalige Bewohner:innen der Veddel mit Informationen und Fotos bei deren Anfragen zur Veddel.

Dieter Thal wohnt in Geesthacht, wo seine Kinder eine Druckerei führen und ihn bei seinem Hobby „Veddel“ gern unterstützen.

WIR konnten Dieter Thal gewinnen, demnächst im eWIR Auszüge aus seinen Schriften zu veröffentlichen.

Marianne Groß

... ist Gründungsmitglied des Wilhelmsburger InselRundblicks e. V. Sie berichtet – soweit möglich – über alles, was sie selbst interessiert und hofft, damit die Leser*innen nicht zu langweilen. Dazu gehören die Veränderungen im Stadtteil, Ökologie und Kultur. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um den großen Garten und liebt es, Buchsbäume zu schneiden.

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