Letter to the editor: „48h Wilhelmsburg Exploits Musicians But They Still Want Your Support”

Leserinnenbrief: „48h Wilhelmsburg nutzt die Musiker:innen aus – aber sie wollen immer noch deine Unterstützung”

Dieser Leserinnenbrief erreichte uns in englischer Sprache. Eine Übersetzung ins Deutsche finden Sie unter der englischen Version.

Renee de la Prade. My neighborhood was on fire with excitement this weekend. Crowds of thousands of people gathered to see bands on 18 different stages… crews working hard to run soundstages. Each large stage, all told, probably cost between 50,000 and 100,000 Euros when you add up the cost of gear, maintenance, personnel, transport and storage. Fencing is put up around the neighborhood to prevent people from trampling gardens and parks… costing more thousands of Euros. Clean-up crews are busy all weekend. Bars are set up outdoors to earn thousands of Euros in one or two days. Thousands of flyers are floating around– that print shop sure made a commission on this job! Music from five competing stages can be heard from the Veringstrasse all at once, a glorious din which celebrates life, togetherness, joy of coming together to dance to live music after the pandemic!

So… why aren’t the musicians paid a living wage? Isn’t there enough money to go around?

The program for this festival states– support us if you want to support music! They also have logos of many corporate sponsors for the event. The publicity for 48 Stunden Wilhelmsburg worked better than ever; thousands of people traveled from near and far to hear the bands. This kind of event causes a lot of buzz and tends to raise the “cool factor” (and hence, the property values) in your neighborhood. You’d think– after rocking out for thousands of people, that the band would make maybe enough money to pay for their rehearsal space for a few months! Maybe they’d get paid enough to buy a good microphone to record their next album with– or enough for a day in the studio– or enough to put towards a new laptop? Or to pay for their children’s music lessons for a month or two? Or, to cover the student loans for a month or two which they paid to get an expensive music degree?

Sorry, bands. You’re getting paid 50 Euros per player. But … you don’t HAVE to accept the money if you have enough money already! (Seriously. When bands sign up for this festival… they offer this option.) This work which happens to book and promote the show isn’t paid for; computer time, communication time, sending in promotional photos which you probably paid for; which the festival uses to promote their event for free; sharing links to your website which you also paid for or spent dozens of hours to create it for free. Oh, and those social media links which you ALSO maintain every week as an unpaid job.

50 Euros means– you can afford the gas needed to bring your gear to the stage, Maybe a set of guitar strings and a small meal with a beer or two. Oh, it costs you 300 Euros per month just to rehearse in your studio? Oh, you can’t afford to rehearse in your own neighborhood because the rental costs are too high, so on rehearsal day you also have to factor in 2 hours of travel time, PLUS the rent you pay on your studio as part of what you “pay to play”? What– your cable broke, your ¼ inch jack is starting to fail, your car needs new tires, you’re depressed and overworked at your job but you can’t afford to take time for therapy because as a musician, you are working two or three jobs just to survive? Your drummer is constantly driving home after about 2 drinks too many because he can barely handle the pressure of this expensive lifestyle? Your bass player is shared with five other bands because that’s the only way he can make enough money to survive?

GOOD THING THAT YOU HAVE THIS AMAZING LOCAL FESTIVAL WHICH CELEBRATES LIVE MUSIC.

I get so angry when I read this program. It talks about how YOU can support the arts by donating to the festival. Meanwhile the festival supports musicians by underpaying them and helping their neighborhood get more expensive. And, the worst part is… I feel like I’m angry at my family. Festival promoters and volunteer staff and other artists work so hard to put on a nice event. I know that the Musik von der Elbinsel group is part of a community who cares, who puts a lot of time and love into this event. But– you’ve become very successful. You’ve grown this festival into something really big. It’s time to wake up to the fact that you’re exploiting artists and contributing to a culture which doesn’t value your own neighbors. Please change your ways. Please start paying the bands what they deserve.

Renee de la Prade
Accordionist/ Singer
Editor of the Accordion Babes Pin-Up Calendar
squeezeboxgoddess.com

Leserinnenbrief: „48h Wilhelmsburg nutzt die Musiker:innen aus – aber sie wollen immer noch deine Unterstützung”

Renee de la Prade. Letztes Wochenende brodelte meine Nachbarschaft vor Aufregung. Tausende von Menschen versammelten sich, um Bands auf 18 verschiedenen Bühnen zu sehen …

Insgesamt kostet jede große Bühne wahrscheinlich zwischen 50.000 und 100.000 Euro, wenn man die Kosten für Ausrüstung, Wartung, Transport, Lagerung und die Crews, die hart daran arbeiten, die Bühnen zu bespielen und zum Klingen zu bringen, zusammenrechnet.
Um die Nachbarschaften herum sind Zäune errichtet, um zu verhindern, dass die vielen Menschen Gärten und Parks zertrampeln … was Tausende von Euro kostet. Reinigungskräfte sind das ganze Wochenende beschäftigt. Kneipen werden im Freien aufgebaut, um in ein oder zwei Tagen Tausende von Euro zu verdienen. Tausende von Flyern sind im Umlauf – diese Druckerei hat sicher einen lukrativen Auftrag erhalten!

Aus der Veringstraße ertönt gleichzeitig Musik von fünf konkurrierenden Bühnen, ein herrlicher Lärm, der das Leben, das Miteinander, die Freude am gemeinsamen Tanzen zu Live-Musik nach der Pandemie feiert!

Warum bekommen die Musiker:innen keinen existenzsichernden Lohn? Reicht das Geld nicht für alle?

Im Programm dieses Festivals heißt es: Unterstützen Sie uns, wenn Sie Musik unterstützen wollen! Zu sehen sind auch die Logos vieler Firmensponsoren für die Veranstaltung. Die Werbung für 48 Stunden Wilhelmsburg funktionierte besser denn je; Tausende von Menschen reisten von nah und fern an, um die Bands zu hören. Diese Art von Veranstaltung sorgt für viel Aufsehen und erhöht tendenziell den „Cool-Faktor“ (und damit die Immobilienwerte) in Ihrem Stadtteil.

Man könnte also meinen, dass eine Band – nachdem sie vor Tausenden von Menschen gerockt hat – vielleicht genug Geld verdienen würde, um ihren Proberaum für ein paar Monate zu bezahlen! Vielleicht würden sie genug Geld bekommen, um ein gutes Mikrofon zu kaufen, um damit ihr nächstes Album aufzunehmen, oder genug für einen Tag im Studio oder genug, um es in einen neuen Laptop zu stecken? Oder um den Musikunterricht ihrer Kinder für ein oder zwei Monate zu bezahlen? Oder um die Studentendarlehen für ein oder zwei Monate abzudecken, die sie für einen teuren Musik-Studienabschluss bezahlt haben?

Entschuldigung, Bands. Ihr bekommt 50 Euro pro Musiker:in ausgezahlt. Aber … Ihr MÜSST das Geld nicht annehmen, wenn ihr bereits genug Geld habt. (Ernsthaft! Wenn Bands sich für dieses Festival anmelden, wird ihnen diese Option angeboten!)

Die Arbeit, die es braucht, um die Show zu buchen und zu promoten, wird nicht bezahlt: Computerzeit, Kommunikationszeit, Einsenden von Werbefotos – für die ihr wahrscheinlich bezahlt habt -, die das Festival kostenlos verwendet, um für seine Veranstaltung zu werben, ebenso die Links zu eurer Website, für die ihr auch bezahlt oder Dutzende von Stunden damit verbracht habt, sie selbst zu erstellen. Oh, und diese Social-Media-Links, die ihr AUCH jede Woche als unbezahlten Job pflegt.

50 Euro bedeutet, dass ihr euch das Benzin leisten könnt, das ihr braucht, um eure Ausrüstung auf die Bühne zu bringen, und vielleicht noch einen Satz Gitarrensaiten und eine kleine Mahlzeit mit einem oder zwei Bier.

Oh, es kostet dich 300 Euro im Monat, nur um in deinem Studio zu proben? Oh, du kannst es dir nicht leisten, in deiner eigenen Nachbarschaft zu proben, weil die Mietkosten zu hoch sind? Also musst du am Probentag auch noch zwei Stunden Fahrzeit einplanen, PLUS die Miete für dein Studio, was bedeutet „zahle um zu spielen”? Was – dein Kabel ist kaputt, deine ¼-Zoll-Buchse beginnt zu versagen, dein Auto braucht neue Reifen? Du bist deprimiert und überarbeitet, aber kannst es dir nicht leisten, dir Zeit für eine Therapie zu nehmen, weil du als Musiker:in in zwei oder drei Neben-Jobs arbeiten musst, um zu überleben? Euer Schlagzeuger fährt ständig nach zwei Drinks zu viel nach Hause, weil er den Druck dieses Lebensstils kaum aushält? Den/die Bassist:in teilt ihr mit fünf anderen Bands, weil er/sie nur so genug Geld verdienen kann, um zu überleben?

WIE GUT, DASS ES DIESES ERSTAUNLICHE LOKALE FESTIVAL GIBT, DAS LIVE-MUSIK FEIERT!

Ich werde so wütend, wenn ich dieses Programm lese. Es spricht darüber, wie Sie die Kunst unterstützen können, indem Sie für das Festival spenden. In der Zwischenzeit „unterstützt” das Festival Musiker:innen, indem es sie unterbezahlt, und es „hilft” Ihrem Stadtteil, teurer zu werden. Und das Schlimmste ist: Ich fühle mich, als wäre ich wütend auf meine Familie. Festivalveranstalter:innen, ehrenamtliche Mitarbeiter:innen und andere Künstler:innen arbeiten so hart, um eine schöne Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Ich weiß, dass die Gruppe „Musik von den Elbinseln” Teil einer Gemeinschaft ist, die sich kümmert, die viel Zeit und Liebe in diese Veranstaltung investiert. Aber ihr seid damit sehr erfolgreich geworden. Ihr habt dieses Festival zu etwas ganz Großem gemacht. Es ist an der Zeit, euch der Tatsache bewusst zu werden, dass ihr Künstler:innen ausbeutet und zu einer Kultur beitragt, die ihre eigenen Nachbar:innen nicht wertschätzt. Bitte ändert die Richtung. Bitte fangt an, den Bands und Musiker:innen das zu zahlen, was sie verdienen.

Renee de la Prade
Akkordionistin, Sängerin
Herausgeberin des „Accordion Babes Pin-Up Calendar

squeezeboxgoddess.com

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