Nördlicher Abstand

Auf dem Bild sitzen links zwei Strichmännchen an einem kleinen Kaffeehaustisch zusammen. Darunter steht "1,5 Meter" und "München". Rechts im Bild an zwei entfernten Kaffeehaustischen je ein Strichmännchen. Darunter steht "1,5 Meter" und "Flensburg".

In der hoffentlich letzten Phase der dritten Corona-Welle gilt der tägliche Blick der 7-Tage-Inzidenz: Wann wird der magische 100er-Wert unterschritten? Die nördlichen Bundesländer Hamburg und besonders Schleswig-Holstein stehen mit einer niedrigen Inzidenz – mit aktuell knapp 50 – im Vergleich bemerkenswert gut da. Bayern und Baden-Württemberg hatten lange deutlich höhere Werte. Die Differenz lässt sich sicher zum Teil durch lokale Hotspots und unterschiedliche Lockdown- und Lockerungspolitik dieser vier Bundesländer erklären.
Aber, wie ein Freund meinte: Es hat auch mit der Mentalität zu tun. So gilt im ganzen Land zwar einheitlich die 1,5-Meter-Abstandsregel. Aber 1,5 Meter sind in der Praxis dehnbar. Im Süden sind die Leute geselliger, hocken im Wirtshaus gern an einem Tisch zusammen. Wir im Norden rücken uns dagegen ungern zu sehr auf die Pelle. An dem Klischee, dass bei uns ein Lokal voll besetzt sei, wenn an jedem Tisch ein Gast sitzt, ist ja was dran. Außerdem sind wir wortkarger als die im Süden. Und wo weniger geredet wird, reichern sich die Aerosole auch nicht so schnell an. Noch ein Klischee: Zwei Angler sitzen stundenlang schweigend am Ufer. Dann sagt der eine: „Schönes Wetter.“ Und der andere: „Sind wir zum fischen oder zum sabbeln hier?“ Ist auch was dran. Der Freund meinte noch, er freue sich darauf, dass der Zwang mit der 1,5-Meter-Abstandsregel bald vorbei sei. Dann könne er endlich wieder seine gewohnten vier Meter Abstand zu den anderen halten.

Hermann Kahle

Hermann Kahle schreibt über Kultur, Schule und für den Kaffeepott

Alle Beiträge ansehen von Hermann Kahle →
Zurück nach oben