„Typisch Köpke“- ein Interview mit dem wohl bekanntesten Naturschützer der Elbinsel

Am 21. Juli 2021 wurde im NDR die Nordreportage „Der für den Kiebitz kämpft“ ausgestrahlt. Passend dazu dachten WIR uns, dass wir Harald Köpke noch einmal näher kennenlernen wollen! Getroffen haben WIR Harald in einem Café zum gemütlichen Plausch

Schon beim Eintreten grüßte Harald mit einem herzlichen „Moin“ und dem coronakonformen Ellenbogen-High Five. Und kaum, dass wir saßen, waren wir auch schon mitten im Thema. Harald erzählte mit viel Enthusiasmus, Lebensfreude und Sympathie eine Reihe von Anekdoten und Ereignissen aus seinem Alltag als Naturschützer, Vogelliebhaber, Vollblut-Aktivist und engagierter Bürger.

Doch vorab:

Harald Köpke ist ehemaliger Vorsitzender des BUND Hamburg. Von Kindheit an, die er in Harburg-Fischbek verbrachte, interessiert er sich für seine Umwelt, die Natur und Artenvielfalt. Seit 40 Jahren lebt er nun auf der Elbinsel im schönen Moorwerder und hat seither einiges an Arbeit im Bereich des Umweltschutzes geleistet. Ob beim BUND oder in Arbeitsgruppen. – „Fehler und Probleme gibt es immer, man muss nur mal die Augen offen halten!“, stellt Harald klar und ist auch mit 73 Jahren noch immer engagiert und mit Leidenschaft im Einsatz.

WIR: Harald, woher kommt deine Motivation, dich immer und immer wieder zu engagieren, sogar Vorsitzender des BUND Hamburg gewesen zu sein und auch jetzt noch- quasi im „Ruhestand“- keine Ruhe geben zu können?

Harald: Ach, ich glaube das lag damals am Biologie-Unterricht. Da sind wir mit der Klasse noch richtig raus in die Natur und haben uns tatsächlich unsere Umwelt angeschaut! Da habe ich auch schon meinen ersten Aufsatz über den Kiebitz geschrieben. *lacht* Wir haben geschaut, was für Vögel es gibt oder Gewässer untersucht. Das findet ja heute kaum noch statt im Unterricht! Das muss wieder gestärkt werden! Schließlich geht es ja auch um die Jugend. Wir sind jetzt schon durch unser Handeln für die Zukunft verantwortlich. Ich glaube, ich war schon immer sehr zukunftsorientiert und habe mich immer gefragt: „Warum ist das so? Kann es nicht auch anders sein?“. Das hat dann immer zu kritischen Nachfragen geführt. Ich muss ja bloß mal die Augen aufhalten, dann sehe ich doch überall Baustellen, wo man mal nachhaken könnte. Aber ich habe auch das Gefühl, dieser Blick fehlt ganz vielen Menschen mittlerweile.

WIR: Woran, meinst du kann das liegen?

Harald: Nun ja, ich muss sagen, ich habe das Artensterben mitverfolgt, gemerkt wie es immer stiller wurde, weniger Vögel im Frühjahr zwitschern oder es einfach kaum mehr Frösche und Ringelnattern gibt. Da fragt man sich schon, woran das liegt. Und dann habe ich immer nachgefragt. Mittlerweile geht das ja auch viel einfacher, Politiker:innen zu kontaktieren, z. B. per Post oder E-Mail. Aber man muss es eben auch tun! Und ein großes Problem sehe ich darin, dass die Jugend heute und die zukünftigen Generationen viele Sachen gar nicht vermissen können, wenn sie die nie gekannt haben. Dafür kämpfe ich auch. Den Erhalt und den Schutz unserer Lebenswelt. Ich frage mich dabei immer, in was für einer Zukunft wollen wir leben? Ich habe aber leider auch das Gefühl, dass die Politik da nicht so „Pro-Natur“ und „Pro-Mensch“ eingestellt ist, sondern eher „Pro-fit“ *lacht* Aber wie kann es denn sein, dass wir beispielsweise auf einer Elbinsel leben, umgeben von Wasser und unsere Böden dennoch austrocknen? Das muss man doch mal hinterfragen! Und dann gebe ich mich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden! Ganz so leicht lasse ich mich ja nu‘ nicht abspeisen. *lacht*

WIR: Und deswegen hast du dich dann beim BUND Hamburg engagiert?

Harald: Jo. Es ist ja so, dass der BUND Hamburg z. B. als Umweltverband schon mal viel mehr Einflussmöglichkeiten hat, als wenn man sich als einzelne:r Bürger:in an die Stadt wendet. Dann bin ich da so reingerutscht. Die ganzen Gespräche und Klagen vor Gericht. Das wollte ich eigentlich nie machen, aber einer muss ja. Und so bin ich dann irgendwie Vorsitzender geworden und engagiere mich auch jetzt noch. Und dann findet man allerhand heraus. Das meiste, was ich nun so an Wissen besitze, habe ich mir mit der Zeit angeeignet.

WIR: Wie sieht dein Alltag nun aus? Also, als Rentner? Es scheint nicht so, als ob sich viel verändert hätte …

Harald: *lacht* Oh ja, das stimmt. So richtig ruhiger ist es nicht geworden. Ich bin noch immer beim BUND aktiv. Jetzt gerade, und eigentlich schon immer, beschäftige ich mich vor allem mit dem Kiebitz, deswegen ja auch die Reportage im Fernsehen. Aber auch die Nutzung von Spritzmitteln wie Glyphosat auf den Feldern in Moorwerder oder die Probleme mit der Bewässerung und Feuchtigkeit des Bodens hier auf der Elbinsel beschäftigen mich … aber ich bin schon kürzergetreten! Natürlich gibt es noch viele Dinge, die mich stören und wo ich mir wünschte, die Verwaltung und Politik würde sich mehr kümmern bzw. überhaupt Engagement zeigen! Aber nicht mehr jedes Thema wird gerichtlich geklärt. Das ist ja auch immer ein riesiger Aufwand und mit hohen Kosten verbunden. Aber als „normale:r“ Bürger:in erreicht man ja leider nicht so viel „da oben“. Da muss ja schon immer erst gerichtlich gedroht werden, damit etwas passiert. Mittlerweile kann ich mich über Kleinigkeiten nur noch ärgern und darüber informieren, aber nicht mehr Allem nachgehen.

WIR: Also bringst du noch immer Steine ins Rollen, wie zum Beispiel jetzt mit der Reportage. Glaubst du, dass es viel Resonanz geben wird und die Themen vielleicht mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Harald: Ich hoffe doch! *lacht* Nein, also ich habe ja schon mal vor einigen Jahren an einer Reportage zu den Mooren in Harburg mitgewirkt, die von einem großen Unternehmen bebaut werden sollten … das schlug ein wie eine Bombe und plötzlich haben sich alle Politiker:innen auch auf Lokalebene mal damit beschäftigt! Ich glaube aber schon, dass das Thema nun mit den Kiebitzen und der Wasserproblematik auch „da oben“ angekommen ist. Es kann doch nicht sein, dass die Felder und Böden zusehends austrocknen, jede letzte Grünfläche zu Bauland wird und flächendeckend versiegelt und gar keinen Lebensraum mehr bietet. Weder für Mensch noch Tier. Es fehlen Ausgleichsflächen! Und es geht doch auch nicht, dass so viel unberührte Natur für Wohnungs- und Gewerbebau genutzt werden kann! Besonders, weil die Kapazitäten hier auf der Elbinsel ja auch nochmal anders sind als in anderen Stadtteilen. Wo sollen die Leute denn hin, wenn sie mal Erholung und Natur erleben und den Alltag entfliehen wollen?

WIR: Wie sieht es denn in Moorwerder aus? Du, als Naturschützer stehst ja immer in halber Konkurrenz zu den noch letzten Landwirten? Aber dennoch ist es ja auch so, dass sich hier auf der Insel Fuchs und Igel quasi „Gute Nacht“ sagen …

Harald: Jo! Also ich sag mal so, man kennt sich untereinander und den alteingesessen Landwirten gehen die Themen auch nicht einfach so am Herzen vorbei. Die achten schon darauf, die Natur zu schützen, und sorgen sich auch um die Veränderungen. Gleichzeitig müssen sie aber auch irgendwie ihr Brot verdienen. Und es gibt hier mittlerweile auch viele Subunternehmen aus dem Umland, die einige Flächen bepflanzen. Durch die Anonymität wird hier der Austausch schon schwieriger. Und ein großes Problem liegt darin, WAS noch alles in der Landwirtschaft erlaubt ist. Es braucht zum Beispiel klare Reglementierungen beim Spritzmitteleinsatz. Und auch beim Thema Wasser muss es endlich einen klaren Leitfaden geben. Jede Behörde ist zum Teil für das Thema zuständig. Das heißt dann aber auch: Klare Regeln gibt es nicht. Ich muss zugeben, ich bin da wirklich enttäuscht. Aber das bin ich ja schon mein Leben lang, deswegen mache ich das ja alles! *lacht*

WIR: Was könnten engagierte Leser:innen denn nun tun? Vielleicht können wir mit diesem Artikel direkt zum Handeln anregen. Hast du da Tipps?

Harald: Augen und Ohren offenhalten. Mal die Landschaft betrachten und sich fragen, ob diese „Normalität“ wirklich so normal und gut ist. Und sich Fragen stellen. Wie z.B. kann es sein, dass man kaum noch Insekten und Amphibien sieht, immer weniger Vögel singen hört oder die Böden vertrocknen und gleichzeitig überall gebaut wird? Und dann eben nachhaken! Neugierig bleiben! Und vielleicht, wenn die Zeit und Lust besteht, sich in Vereinen engagieren, spenden … Es gibt immer Wege. Wir müssen das der Jugend und nächsten Generation auch wieder beibringen. Das ist total wichtig, es geht immerhin um ihre Zukunft!

WIR: Harald, eine letzte Frage- Woher kommt die Inspiration, immer weiterzumachen?

Harald: Meine Mutter kam vom Dorf, die hat mir immer erzählt, wie es damals war. Wie idyllisch und bodenständig das Leben war. Und als ich damals nach Moorwerder gezogen bin, da war es hier auch noch ganz anders. Und zu sehen wie sich die Umgebung verändert, schmerzt ein bisschen, wenn ich weiß, dass die Generationen nach mir das vielleicht nie mehr kennen werden und dann nicht mal vermissen können. Ich möchte die Artenvielfalt erhalten. Mir geht das Herz auf, wenn ich im Frühjahr die Vögel singen höre. Da kann ich mir nicht vorstellen, wie es ist, so was nicht zu kennen. Und wie gesagt, hat man einmal angefangen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, kann man eben auch nicht mehr aufhören. Also mache ich weiter.

Eine letzte Frage hatten wir eigentlich noch. Nämlich welcher sein Lieblingsvogel ist. Aber schon im Gespräch wurde deutlich, es ist der Kiebitz, ganz klar. Wasserliebend, laut, lebensfroh und standorttreu. Ein wenig wie Harald eben.

Link zur NDR-Nordstory: https://www.ardmediathek.de/video/die-nordreportage/der-fuer-den-kiebitz-kaempft/ndr-fernsehen/Y3JpZDovL25kci5kZS81MzBhMTk3Ni04YzExLTQwMjgtYmVkMC0yMmMyYmY0MjEzYTQ/

Engagement beim BUND: https://www.bund-hamburg.de/mitmachen/

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Liza-Shirin Colak

Liza-Shirin Colak schreibt als jüngstes WIR-Mitglied besonders über Stadtteilentwicklung, Nachhaltigkeit und lokale Insel-Insider.

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