WILHELMSBURGER INSELRUNDBLICK

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Idee: Pflanzen Sie doch mal Blumen in Ihrer Straße!  - 11.06.2020

Durchhalten! Wach bleiben in Corona-Zeiten - 30.04.2020

Leserbrief zum Thema "Wilder Wald am Ernst-August-Kanal" - 15.04.2020

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Idee - Idee - Idee

Wie wärs mit einer Grünpatenschaft/Beetpatenschaft?
In Berlin habe ich viele Bäume gesehen, um die herum Blumen gepflanzt sind, vermutlich von Anwohner*innen. Einerseits sieht es schön aus, andererseits sind die Blumen auch für Insekten ideal. Daher habe ich hier im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel damit selbst angefangen - und ich hoffe nun auf einen schönen Nachahmungseffekt. An einigen anderen Ecken im Reiherstiegviertel ist das auch schon zu sehen.
Da ich erfahren habe, dass man solche Pflanzungen offiziell beantragen muss, damit bei den nächsten Pflegemaßnahmen der Stadt nicht einfach alles weggehäkselt wird, möchte ich die entsprechenden Infos hier weitergeben.
Die zuständige Einrichtung ist das Bezirks-amt Hamburg-Mitte, Fachamt Management des öffentlichen Raumes, Unterhaltung und Betrieb, revierübergreifende Aufgaben/zentrale Aufgaben
Caffamacherreihe 1-3, 20355 Hamburg
Telefonisch erreichbar unter folgenden Durchwahlen:
040/42854-3434; -3471; -01349
Mail: MR@hamburg-mitte.hamburg.de
Ich habe eine Mail an die angegebene Adresse geschickt und dann hat sich umgehend Frau Buhbe telefonisch bei mir zurückgemeldet, und wir haben gleich einen Termin vereinbart, an dem sie vorbeikommen wird, "mein" bepflanztes Beet anzuschauen und zu genehmigen und zu registrieren.
Ich würde mich freuen, wenn es auch an anderen Ecken bunter aussieht.

M. Willer

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DURCHHALTEN

Wach bleiben!

sic. Um Corona kommt man im Moment nicht herum. Und sei es, dass man sich durch bewusstes Nicht-darüber-sprechen oder Nicht-darüber-schreiben in ein negierendes, aber trotzdem Verhältnis dazu setzt. Da  ist es, das Virus. Als Thema und ganz materiell. Tatsächlich ist es nicht zu übersehen, dass wir die Pandemie haben und als Gesellschaften darauf reagieren müssen, damit ein vernünftiger Gesundheitsschutz für die Menschen möglich wird. Nach ausgiebiger Beobachtung und der Auswertung unterschiedlicher Informationen im fiebrigen Hirn kann man, auch als selbstständig und kritisch denkender Mensch, kaum zu einem anderen Schluss kommen. Nur hartgesottene Verschwörungstheoretiker*innen glauben noch, Corona sei eine Erfindung von wem auch immer zu welchem Zweck auch immer.

Es scheint mir in der Sache im Großen und Ganzen auch richtig, wie die Politik hierzulande mit der Seuchengefahr umgeht; empörend sind allerdings die ideologischen Begleiterscheinungen wie nationale Abschottung und die Benachteiligung einzelner gesellschaftlicher Gruppen. Ich akzeptiere auch den größeren Teil der verordneten Maßnahmen und finde es richtig, wenn wir versuchen, uns daran zu halten. Allerdings nur, solange dazu Ausnahmen, die Möglichkeit abzuwägen und immer wieder eine Anpassung an reale Verhältnisse und Entwicklungen gehören - und wir uns nicht zu Kontrolleur*innen unserer Nächsten aufmandeln.

Soweit so gut also. Wir müssen uns mit der Angelegenheit auseinandersetzen. Und Ignoranz hilft sicher nicht weiter. Was aber auch nicht weiterhilft, und was ich überdies gefährlich finde und gar nicht einsehe, ist die Reduktion unserer Weltsicht auf dieses eine Thema. Ist die extreme Verengung des Horizonts, überall: in der Politik, in den Medien und im Privaten auch. Es ist, als würde mit dem äußeren Shutdown ein geistiger Shutdown einhergehen. Hirn: „Wegen Corona auf unbestimmte Zeit geschlossen“. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass im Moment viel zu oft die ganz große und grobe Katastrophenkeule geschwungen wird, die eigentlich nur noch ein Verharren, aber kein freies Denken, kein Handeln mehr zulässt. Hinzu kommt eine abstoßende Kriegsmetaphorik, die die Köpfe noch dichter vernebelt.

Im Moment hätte ich echt gern unsere alte, naturwissenschaftlich-nüchterne Kanzlerin zurück, die ohne Pathos und ohne Tremolo in der Stimme. Eine, die sachlich und konkret die Probleme benennt, die durch das Corona-Virus selbst oder unseren Umgang damit entstehen. Und sie möge bitte konkrete Angaben dazu machen, was wir als Gesellschaft und als soziale Individuen zur Lösung der Probleme beitragen können.

Und dann soll sie natürlich erklären, was die Regierung tun will. Zum Beispiel, wie sie die Privatisierung des Gesundheitswesens rückgängig zu machen gedenkt. Wie sie den teilweisen Stillstand der Industrie geschickt für einen sofortigen Kohleausstieg nutzen wird. Und wie sie endlich die Menschen aus den Lagern auf den griechischen Inseln rettet …

OK, jetzt haben wir uns von der Kanzlerin und der Regierung entfernt – nähern uns aber der Lockerung unseres geistigen Shutdowns: Alle wichtigen Themen existieren weiterhin. Sachen, für die es sich zu kämpfen lohnt. Dinge von Bedeutung. Fragende, herausfordernde Dinge. Corona wirft auf manche dieser Themen ein neues Licht. Das könnte man sogar nutzen, um Debatten neuen Schwung zu geben, dem Denken eine neue Richtung. Ich finde, es gibt für uns hier keinen Grund für politischen oder aktivistischen Stillstand. Auch deshalb, weil wir in Deutschland, trotz allem, die Pandemie immer noch in vergleichsweise komfortablen Umständen erleben.

Ich glaube nicht, dass dieser schmalspurige Katastrophenmodus eine absichtsvolle Strategie „der Politik“ oder „der Wirtschaft“ oder „der da oben“ ist, um uns mundtot zu machen. Was ich mir aber schon vorstellen kann, ist, dass viele der kleinen und großen König*innen an den kleinen und großen Schaltstellen der Politik, der Wirtschaft und der Verwaltung die Gunst der Stunde zu nutzen versuchen. Zu gern möchten sie im Kielwasser der Epidemie-Bekämpfung unbemerkt ihre kleinen und großen Pläne verwirklichen.

Zum Beispiel die dänische Regierung. Sie will plötzlich doch mit den Baumaßnahmen für die Fehmarn-Belt-Querung (Megatunnel unter der Ostsee durch) beginnen, obwohl zunächst der Ausgang der zahlreichen in Deutschland anhängigen Klage-Verfahren gegen das deutsch-dänische Gemeinschaftsbauvorhaben abgewartet werden muss. Pech für die dänische Regierung, dass die Initiative Beltretter von der Insel Fehmarn nicht im aktivistischen Shutdown war und nun Krach schlägt. Jetzt bleibt abzuwarten, ob sich die schleswig-holsteinische Landesregierung und das Bundesverkehrsministerium korrekt verhalten und den Dänen auf die Finger klopfen – das allerdings war schon vor Corona immer wieder ein echtes Problem ...

Auch ohne die kleinen und großen König*innen besteht die Gefahr, dass wichtige Entscheidungen und schwer umkehrbare Weichenstellungen im großen Corona-Strudel einfach baden gehen, wenn wir jetzt nicht wach und aufmerksam bleiben. Ein gutes Beispiel dafür sind die laufenden Bürgerbegehren in den Hamburger Bezirken Bergedorf und Mitte, „Nein zu Oberbillwerder“ und „Der Wilde Wald bleibt“. Bei beiden geht es darum, dass wertvolle Naturflächen mit Wohnungen, Gewerbe, Wegen und Straßen bebaut werden sollen und damit vernichtet würden. Beide Initiativen konnten seit Anfang März so gut wie keine Unterschriften mehr sammeln, denn coronabedingt wurden alle Auslageorte für die Unterschriftenlisten gesperrt und alle Möglichkeiten, Unterschriften in der Öffentlichkeit zu sammeln, verboten.

Acht Wochen wertvolle Sammel-Zeit sind den beiden Initiativen bis jetzt damit verloren gegangen. Es ist für sie unmöglich geworden, bis Mitte Mai die erforderliche Stimmenanzahl für die Einleitung eines Bürgerentscheids zusammen zu bekommen. Für die Waldretter in Wilhelmsburg kommt erschwerend hinzu, dass das Bezirksamt Mitte das Auszählen der 2.000 Stimmen, die immerhin schon mal zur Verhängung eines Planungsstopps führen würden, aufgrund der Abstandsregeln und von Personalmangel erst jetzt, mit großer Zeitverzögerung, in die Wege leiten kann.

Im Bezirksverwaltungsgesetz und im Bezirks-Abstimmungsdurchführungs-Gesetz ist ein Fall wie Corona nicht vorgesehen. Was soll geschehen? Bekommen die Initiativen Verlängerung? Machen die Bezirksversammlungen einen vorgezogenen Bürgerentscheid möglich (juristisch ist das eine Option)? Das muss nun entschieden werden. Während für die Initiativen wertvolle Zeit verstreicht, können aber die Bezirke und die mit der Umsetzung der Bebauungspläne beauftragte IBA GmbH munter vom Homeoffice aus weiter planen und Fakten schaffen. Ihnen ist das Arbeiten ja nicht verboten und es funktioniert elektronisch wunderbar (abgesehen davon, hat das Baugewerbe sowieso nicht einen Tag lang stillgestanden).

So hat das gesetzlich verbriefte Recht auf Bürgerbeteiligung bereits jetzt Schaden genommen. Und wenn nicht die Dorfgemeinschaft Billwärder und die Waldretter Wilhelmsburg auf sich aufmerksam gemacht hätten, dann wäre das alles einfach sang- und klanglos so weitergelaufen. Nun, durch die eigene Aktivität der Gruppen, besteht zumindest noch eine Chance, dass am Ende nicht ein abgeholzter Wald und hektarweise trockengelegte Feuchtbiotope als Kollateralschaden der Seuchenbekämpfung stehen.



- LESERBRIEF - LESERBRIEF - LESERBRIEF - 

Zum Thema „Wilder Wald und geplante Bebauung am Ernst-August-Kanal“, zuletzt in den Ausgaben 1-3/2020

In der lebhaften Diskussion im Inselrundblick, um den „Wilden Wald“ in Wilhelmburg, am Ernst- August-Kanal, spiegelt sich dem Grunde nach auch die aktuelle Diskussion um den weltweiten Klimawandel, das Artensterben, der offensichtlichen Wohnungsnot in Ballungsräumen oder des industriellen Flächenbedarfs wieder: Der wiederkehrende und schwierige Abwägungsprozess und Streit über die Bedürfnissen der Menschen und den Bedürfnissen der Natur.

Dieser Prozess findet hier auf der Insel vermeintlich „nur im Kleinen“ statt. Es geht dabei aber eben nicht nur um das Kleine, sondern auch um das Ganze, in dem ausdrücklich jeder Baum aber auch Baustein, untrennbare Rollen spielen. Darüber zu streiten ist es wert. So auch hier auf der Insel aber auch auf dem Festland. Für den „Wilden Wald“ oder gegen den „Wilden Wald“?

Der Einsatz zum Erhalt, auch „nur kleiner“ naturnaher Flächen, ist der Logik folgend, ein wichtiger Teil einer größeren Zukunftsaufgabe, die uns Menschen schütz, insbesondere die heranwachsenden Generationen.

Der „WildeWald“ als Refugium für Pflanzen und Tiere und als Pufferzone gegen Lärm und Schadstoffe, hat es schon deshalb nicht verdient, mit Unflat, wie „IBA/IGS Drecksbrache“, bekämpft zu werden! Das lässt nur schlichte Unkenntnis durchscheinen und vergiftet eine konstruktive Diskussion. Eine konstruktive Diskussion kann aber nur mit tragfähigen Argumenten, z.B. dem Schutz aussterbender und bedrohter Arten ,wie Nachtigall, Fledermäuse, Lurche, Ruderalflora), dem Schutz des Menschen vor gesundheitsgefährdenden Umwelteinflüssen, wie Feinstaub, Abgasen und Lärm aber natürlich auch mit der Vermeidung einer wachsenden Wohnungsnot, geführt werden.

Mein Ansatz zu einer Lösung des Konflikts wäre, jetzt einen Stopp der Planungen in Erwägung zu ziehen, um in einer angemessenen Diskussion nach sachdienlichen Kompromisslösungen zu suchen.

Die Karten können neu gemischt werden. Die Insulaner*innen, die Politik, die Verwaltung und die Verbände gehören wieder an einen - und zwar runden - Tisch!

Jürgen Baumann/Dipl. Sozialökonom

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