WILHELMSBURGER INSELRUNDBLICK

Die Stadtteilzeitung von Vielen für Alle
 

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AUF DIESER SEITE: 

StoP: Ein Projekt gegen Partnergewalt - 10.06.2020

DURCHHALTEN: Ein Anfang - 10.06.2020

Kannst Du Deine Miete noch zahlen? Gemeinsam gegen drohende Armut - 6.5.2020


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Keine Privatsache!

Das Projekt StoP - Stadtteile ohne Partnergewalt möchte für das Thema Gewalt in Partnerschaften im sozialen Umfeld sensibilisieren

Abeba-Sium Kiflu ist eine aufmerksame Gesprächspartnerin und Zuhörerin. Seit September 2019 leitet sie eine Gruppe zur Vermeidung von Partnergewalt im sozialen Umfeld an. Es macht Kiflu zu schaffen, dass die Gruppe sich coronabedingt noch immer nicht treffen darf. Gerade jetzt ist eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber häuslicher Gewalt nötig.  Foto: sic

sic. "Wenn es zu Gewalt in der Familie kommt, betrifft das nicht nur den privaten Bereich der einzelnen Familie, sondern es betrifft uns alle, als Nachbarschaft und als Gesellschaft", erklärt Sozialarbeiterin Abeba-Sium Kiflu. Sie leitet das Projekt StoP - Stadtteile ohne Partnergewalt im Reiherstiegviertel. StoP ist ein von der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) entwickeltes Gemeinwesenprojekt (s. unten). Es geht um den Umgang mit Partnergewalt, wenn sie in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder anderswo im sozialen Umfeld auftaucht. Es geht um Fragen wie: "Was tun, wenn ich einen Verdacht habe?" "Darf ich mich in fremde Familienangelegenheiten einmischen?" "Wie können wir Betroffene unterstützen?"

Seit September 2019 treffen sich acht Frauen in der StoP-Gruppe Reiherstieg und bearbeiten diese Fragen und ermutigen einander, aktiv zu werden. Abeba-Sium Kiflu hat eine spezielle Fortbildung absolviert, um StoP-Gruppen anleiten zu können. Die Frauen erarbeiten zum Beispiel in Rollenspielen, wie man in einer akuten Gewaltsituation einschreiten kann, und das, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen - etwa indem man klingelt und nach ein wenig Zucker fragt. "In dem Moment ist die Situation erstmal unterbrochen - und der Gewalttäter weiß jetzt, er ist unter Beobachtung", erläutert die Sozialarbeiterin. "Gleichzeitig hält man selbst sich aus dem Konflikt völlig heraus, das schützt einen ganz gut."
Tatsächlich haben Studien ergeben, dass in Communities mit sozialer Kontrolle deutlich weniger Partnergewalt zum Ausbruch kommt als in anonymen Gesellschaften. Die kleine Ausrede mit dem Zucker ist auch hilfreich, wenn man sich nicht sicher ist, was nebenan wirklich los ist: Bei "Fehlalarm" können alle ihr Gesicht wahren, es ging ja nur um eine Prise Zucker.

Ein ganz wichtiger Punkt in der Auseinandersetzung mit Gewalt in einer Partnerschaft ist der unbedingte Respekt vor dem Opfer. "Wenn ein Partner gewalttätig wird, bedeutet das immer, er nimmt die Frau nicht ernst. Wenn Sie auf ihrer Seite sein wollen, dann nehmen Sie die Frau ernst. Jemanden unterstützen heißt nicht, ihn zu bevormunden", macht Kiflu klar. Und noch eines ist zentral: "Es gibt kein 'selber Schuld' bei Partnergewalt. Die Frau ist niemals Schuld daran, wenn gegen sie Gewalt ausgeübt wird."

In der StoP-Gruppe lernen die Teilnehmer*innen nicht nur, in konkreten Situationen selbst zu helfen, sondern auch Multiplikator*in zu werden, in der Öffentlichkeit über die Existenz von Partnergewalt zu sprechen und deutlich zu machen, dass sie uns alle etwas angeht. StoP wird so zu einer niedrigschwelligen Form der Prävention. Denn wissenschaftlich belegt ist auch, dass in Quartieren, in denen Gewalt in der Partnerschaft als Thema öffentlich präsent ist, in denen darüber gesprochen und aufgeklärt wird, gewalttätige Übergriffe im häuslichen Umfeld seltener vorkommen.
"StoP füllt eine Lücke", sagt Gero Goroncy von der Beratungsstelle Casemir, wo das Projekt angesiedelt ist. "Wir haben auf der einen Seite die Beratungseinrichtungen und Frauenhäuser für die Opfer von Partnergewalt, auf der anderen Seite haben wir behördliche oder polizeiliche Stellen, die in akuten Situationen eingreifen. Wir hatten aber bisher keine Anlaufstelle für ganz normale Menschen, die in ihrer nächsten Umgebung direkt oder indirekt mit dem Gewaltproblem konfrontiert sind." Das StoP-Projekt ins Reiherstiegviertel nach Wilhelmsburg zu holen, war ein erster Schritt, um die Lücke zu schließen. Der Bedarf ist groß. "Bei unseren Treffen mit den anderen Wilhelmsburger Einrichtungen berichten alle Kolleg*innen, dass die Wahrnehmung von Partnergewalt im sozialen Umfeld ein wiederkehrendes Thema ist", so Gero Goroncy.

Schätzungen zufolge kommt es in jeder vierten Partnerschaft zu häuslicher Gewalt. In rund 80 Prozent der Fälle sind Männer die Täter. Jetzt, während der Corona-Pandemie, wird das Thema noch dringlicher. Häusliche Gewalt nimmt zu, da sind sich alle Expert*innen einig. Abeba-Sium Kiflu rät: "Versuchen Sie gerade jetzt, den Kontakt zu gefährdeten Nachbarinnen oder Bekannten zu halten, rufen Sie sie an, gehen Sie ruhig auch mal vorbei. Die Frauen haben jetzt oft noch weniger Spielraum, von sich aus aktiv zu werden, denn die Männer sind den ganzen Tag zuhause und lassen sie nichts machen."

Kontakt halten, per Videokonferenz, das macht auch die StoP-Gruppe Reiherstieg, denn treffen dürfen sie sich im Moment noch nicht wieder. "Das ist sehr schade, denn die Gruppe war gerade so vertrauensvoll zusammengewachsen. Persönlicher Kontakt ist einfach sehr wichtig in der sozialen Arbeit", sagt Gruppenleiterin Kiflu. Besonders ärgerlich ist, dass sie gerade eine zweite Gruppe eröffnen wollte, als die Kontaktverbote kamen. "Es ist so nötig, dass ein Netzwerk entsteht. Dass der Gedanke weitergetragen wird", so die engagierte Sozialarbeiterin. "Ich hoffe wirklich, dass wir schnell wieder richtig anfangen können."

Die StoP-Gruppen sind für alle offen, die etwas gegen die familiäre Gewalt unter Erwachsenen im Stadtteil tun möchten - auch für Männer. "In unserer StoP-Gruppe sind zur Zeit nur Frauen. Aber natürlich ist es wichtig, dass Männer mitmachen", sagen Kiflu und Goroncy. "Wir überlegen auch schon, wie wir da Kontakte knüpfen können."
Geringe Deutschkenntnisse sind kein Hindernis, bei StoP mitzumachen, zumindest für Türkisch, Englisch und Arabisch können Dolmetscher*innen organisiert werden.

StoP - Stadtteile ohne Partnergewalt im Reiherstiegviertel/Wilhelmsburg
Projektleitung: Abeba-Sium Kiflu
Kontakt: BI Beruf und Integration Elbinseln gGmbH/Beratungsstelle CASEMIR, Rotenhäuser Damm 58
Tel.: 040-730 865 980; Mobil: 0163-986 88 85
Mail: Kiflu@bi-elbinseln.de

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StoP: ein bundesweites Projekt für Stadtteile ohne Partnergewalt

sic. StoP wurde vor rund 20 Jahren von Sabine Stövesand, Professorin für Soziale Arbeit an der HAW Hamburg, entwickelt. In Forschungen fand sie heraus, dass das soziale Umfeld eine wesentliche Rolle bei der Verhinderung von häuslicher Gewalt spielen kann. Dafür muss es aber Aufklärung, Training und Möglichkeiten der Organisation für die Menschen in den Quartieren geben. Stövesand entwickelte eine enstprechende, wissenschaftlich fundierte Fortbildung für Tätige im sozialen Bereich. Nur wer die Fortbilkdung absolviert hat, kann eine StoP-Gruppe eröffnen.
StoP-Projekte gibt es mittlerweile im gesamten Bundesgebiet. Die Arbeit in den Gruppen wird kontinuierlich wissenschaftlich begleitet und evaluiert.


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Ein Anfang

sic. In geschätzt einem Viertel aller Partnerschaften kommt es zu Gewalt. Dabei handelt es sich zu rund 80 Prozent um Gewalt von Männern gegenüber Frauen. Partnergewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten, allen Einkommensklassen, Altersstufen und vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Das bedeutet, gewalttätige Auseinandersetzungen in Partnerschaften geschehen mitten unter uns. In unserer Nachbarschaft, im Kolleg*innen-, Bekannten- und Freundeskreis, in Familien aus der Kitagruppe oder Schulklasse der Kinder oder aus dem Sportverein.

Thematisiert wird dies in der alltäglichen Öffentlichkeit aber kaum. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass die Gewalttätigkeiten fast immer hinter verschlossener Tür stattfinden. Die Partnergewalt ist öffentlich nicht direkt sichtbar. Dennoch ist sie ein Thema, das uns alle angeht. Denn: "Die Gewalt gegen Frauen wirft weniger die Frage nach der Qualität einer Beziehung als nach der Qualität eines Gemeinwesens auf." Das schreibt die deutsch-amerikanische Soziologin Carol Hagemann-White, die sich ausführlich mit Gewalt im Geschlechterverhältnis beschäftigt hat (auch auf ihren Erkenntnissen basiert das StoP-Programm der HAW).

Es ist immens wichtig, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und ein Bewusstsein für die Existenz der Partnergewalt zu schaffen. Denn das hilft, sie zu verhindern! In Quartieren, in denen Programme wie StoP oder andere Formen der Aufklärung und Thematisierung fest etabliert sind, ist die Zahl tödlicher und schwerer Partnergewalt deutlich zurückgegangen.

In Projekten wie StoP können wir alle als "ganz normale" Nachbar*innen, Mitmenschen, Kolleg*innen, Freund*innen usw. uns zusammentun und lernen, wie wir der häuslichen Gewalt in unserem Umfeld etwas entgegensetzen, wie wir andere sensibilisieren und was wir selbst dafür tun können, dass wir zu einer guten Nachbarschaft zusammenwachsen, in der Gewalt keinen Platz mehr hat. Eine solche gemeinwesenorientierte Strategie ist für den so außerordentlich kommunkativen und netzwerkbildenden Stadtteil Wilhelmsburg wie gemacht! Und der Bedarf war schon lange da. Deshalb ist es gut, dass die BI Abeba-Sium Kiflu und das StoP-Projekt hierher geholt hat. Natürlich ist es erst einmal nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem: Es ist ein Anfang.

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„Kannst Du Deine Miete noch zahlen?"

Miteinander sprechen über finanzielle Fragen in Zeiten von Corona

AG Mieten-Wilhelmsburg Solidarisch/PM. Viren sind nicht die einzigen Risiken, denen Menschen derzeit ausgesetzt sind. Soziale Distanz ist ein weiteres, und Armut oder drohende Armut waren schon immer ein gesellschaftliches Risiko.

Gemeinsames Handeln

Es gibt unterschiedliche Wege, dem Armutsrisiko zu begegnen: sich als Arbeitskraft verdingen, sich gegen das Jobcenter wappnen, der Angst nicht so viel Raum geben oder auf soziale Netzwerke und Solidarität miteinander setzen, sich nicht dem Druck des individuellen Überleben-Müssens beugen. Viele Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Die Lohnarbeit reicht zum Leben nicht und die individuelle gesellschaftliche Position bringt keine Macht mit sich, den Behörden die Stirn zu bieten.

Neue Armut durch die Corona-Krise

In Wilhelmsburg ist das durchschnittliche Einkommen so niedrig und sind die Mieten im Verhältnis dazu so hoch, dass für viele der Lohn in normalen Zeiten gerade eben so ausreicht; verringert er sich (z.B. durch Kurzarbeit), gibt es keinen Puffer. Hinzu kommt, dass nach Monaten des verringerten Lohns nicht plötzlich so viel mehr verdient wird, dass die gestundete Miete in ein paar Monaten nachgezahlt werden kann.

Viele verlieren in dieser Corona-Zeit gerade ihre Jobs oder ihre Löhne verringern sich – durch Kurzarbeit, Wegfall von Schichtzuschlägen oder Trinkgeld, durch nicht gesicherten, bar ausgezahlten Lohn.

Wir wollen klingeln, zuhören, nachfragen

Wir fragen uns, wie es in dieser Krise den Menschen um uns herum ergeht. Wir wollen klingeln, zuhören, nachfragen (ja, mit ausreichend Abstand!). Denn wir wollen nicht plötzlich vom Sofa aus eine Zwangsräumung gegenüber beobachten. Wilhelmsburg Solidarisch bietet seit über fünf Jahren einen Ort kollektiver Beratung, des Austauschs über Strategien im Umgang mit Behörden, Vermieter_innen und für Arbeitskämpfe. Aus diesen Erfahrungen heraus wollen wir gerne mit unseren Nachbar_innen über ihre finanzielle Situation und mögliche Strategien der Verbesserung sprechen.

Sprecht mit Euren Nachbar_innen!

Es wäre schön, wenn auch andere Wilhelmsburger_innen und Veddeler_innen sich motiviert fühlen, mit ihren Nachbar_innen über diese Fragen zu sprechen. Falls Euch Haustürgespräche spontan schwer fallen, haben wir einen Gesprächsleitfaden erstellt (http://solidarisch.org/files/2020/04/mietfragebogen_corona.pdf).  Flyer, die ihr in der Nachbarschaft an Türen hängen könnt (Deutsch, Türkisch, Englisch, Französisch), liegen im Infoladen (Fährstr 48) und bei Black Ferry (Fährstr 56) aus. In den Haustürgesprächen mit Euren Nachbar_innen könnt gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Zum Beispiel bietet es sich an, wenn ihr beim selben Vermieter oder derselben Vermieterin in Geldnot seid, gemeinsam mit diesen um Mieterlass zu verhandeln. Das können wir gerne zusammen angehen. Auch wer Anträge nicht allein machen mag oder wer sich über Ideen, wie man die Miete reduzieren könnte, austauschen will, kann sich gerne melden bei Wilhelmsburg Solidarisch.

Erste Eindrücke und Ergebnisse unserer Tätigkeit

Bisher sind unsere Ergebnisse, dass in der Corona-Situation all diejenigen, die ohnehin schon Transferleistungen – Hartz IV oder Rente – bekommen, so arm sind wie immer, aber auch nicht weniger abgesichert als zuvor. Verschlechtert hat sich die Situation für alle, die im Gastrogewerbe, als Selbstständige, in irregulärer Beschäftigung tätig sind oder von einer Mischung aus diversen Einkünften gelebt haben, mit denen es bisher immer knapp gereicht hat. Stark betroffen von Verarmung sind Migrant_innen mit einem Arbeits- oder Studien-Visum, die jetzt kein Geld mehr verdienen können, ihr Visum mit der Beantragung von Hartz IV aber verlieren würden. Noch härter ist die Situation für Migrant_innen ohne regulären Aufenthaltstitel. Auffällig ist, wie viele sagen, sie sähen sich nicht bedroht, da sie noch ein Erspartes hätten, von dem sie jetzt die Miete zahlen könnten. Diese Gewöhnung an die Armut, in der sich Erspartes von 3.000 Euro als Absicherung anfühlt, ist erschreckend. 3.000 Euro, die als viel Geld erscheinen mögen, sind in den bestehenden wirtschaftlichen (Miss-)Verhältnissen ein Witz und darüber hinaus ganz schnell aufgebraucht. In diesem Fall macht es Sinn, Hartz IV zu beantragen.

Das Gute an der Krise: Plötzlich kommen viele in die Situation, Hartz IV beantragen zu müssen. Sie erfahren nun am eigenen Leib, dass Hartz IV nicht  Ausdruck persönlichen Verschuldens sondern gesellschaftlicher Verhältnisse ist.

Kontakt:

Mail: solidarisch@riseup.net

Offenes Treffen: Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat um 16 Uhr (genauere Informationen auf: solidarisch.org)     

Veddel Solidarisch: poliklinik1.org/veddel-solidarisch-beratungscafé-der-poliklinik